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Anifer Journalismustage

Wie viel Datenexpertise brauchen Journalisten?

Barnaby Skinner
Barnaby Skinner(c) Neumayr/ Probst
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Journalismus. Data Literacy entwickelt sich zum Pflichtrepertoire zeitgemäß arbeitender Journalisten.

Barnaby Skinner hat als Head of Visuals der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ) eine spezielle Bedeutung für die seit 1780 erscheinende Schweizerische Tageszeitung. Der 44-Jährige spricht neben Deutsch, Englisch und ein bisschen Französisch auch Python. Eine Programmiersprache, die es ihm als Journalist ermöglicht, aktuelle und komplexe Daten zu analysieren und zu visualisieren. Mit einfach verständlichen Grafiken bringt er Daten und Fakten und mitunter auch Ungereimtheiten an die Öffentlichkeit.

Denn das Bild des ausschließlich analog arbeitenden Journalisten mit Block und Kuli ist längst überholt. Heute steht der Umgang mit Datensätzen immer mehr im Vordergrund. Die besseren Computer und verfügbaren Daten – etwa durch die Nutzung von Social Media – bergen enormes Potenzial für journalistische Geschichten. Allein gut schreiben können, ist heute oft nicht mehr genug – Data Literacy entwickelt sich immer mehr zum Pflichtrepertoire zeitgemäßer Journalisten.

Großes Lernfeld

„Im Grunde genommen ist Datenjournalismus keine neue Disziplin, aber jetzt gibt es mehr technologische Möglichkeiten und mehr Daten, um Geschichten zu erzählen“, sagt Skinner. Von der ersten Recherche bis zum fertigen Beitrag braucht es, je nach Projektgröße und Erfahrung, wenige Stunden oder Wochen. Die Routine spielt auch hier eine nicht zu unterschätzende Rolle. Doch Datenjournalismus ist für viele Redaktionen noch ein großes Lernfeld.

Wie viel Datenexpertise man als Journalist heute braucht, ist im Allgemeinfall schwer zu sagen. „Es erleichtert den Einstieg in den Journalismus, wenn man in der Lage ist, Daten zu sammeln, eine interessante These zu entwickeln und dann zu analysieren. Es braucht keine super fundierten Kenntnisse, aber schon ein gewisses Mindset und Verständnis wie beispielsweise Python oder Pandas funktioniert“, erklärt Skinner. Grundlegend ist jedenfalls ein Verständnis darüber, wie Daten entstehen, wo die Schwierigkeiten liegen und in welche Form die Daten zu bringen sind, um sie visualisieren zu können. Bei den Ergebnissen gehe es darum, die Aussagen auf ein Minimum zu reduzieren, ohne dass es langweilig wird.

Offene Daten als Standard

„Wie können wir mit Daten Geschichten erzählen?“ Mit dieser Frage beginnt Skinner den Workshop der Anifer Journalismustage, veranstaltet vom Kuratorium für Journalistenausbildung, die sich speziell an angehende und junge Journalisten wenden.

Dabei gibt es viele Wege, um an Daten zu kommen. Der einfachste ist, die von öffentlichen Stellen zur Verfügung gestellten Datensätze zu verwenden: „Diese sollten für alle zugänglich gemacht werden. In der Praxis geschieht das aber oft nicht. Hier bräuchte es mehr öffentlichen Druck“, sagt Skinner. Der andere Weg ist, Daten mit entsprechenden Programmen selbst zu erfassen. Bedacht werden muss auch der Schutz privater Daten, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren.

Datenjournalismus ist nicht auf ein Ressort beschränkt, er findet in der Politik genauso seinen Platz wie in der Kultur. Trotzdem sollte man sich in einem Gebiet spezialisieren, um die Daten überhaupt richtig interpretieren zu können. „Als Datenjournalist ist man in der schönen Position, dass man seinen eigenen Beat (Spezialisierung; Anm.) hat und gleichzeitig starker Kooperationspartner mit anderen Ressorts ist“, sagt Skinner. Zu der Arbeit gehöre auch viel Experimentierfreude, denn nicht hinter jedem Datensatz verbirgt sich letztlich eine interessante und relevante Geschichte. Skinner erzählt, dass man mit der Zeit ein Gespür dafür entwickle, was sich zu analysieren lohnt und was verschwendete Zeit ist. Ziel ist immer, Trends und Übersichten in den Daten zu finden. „Man verschafft sich eine Vogelperspektive und kann dann eintauchen in die Geschichte. Man muss auch gern knobeln und mathematische Probleme lösen, um die Arbeit zu schätzen.“

Wettbewerbsvorteil

Barnaby Skinner hat beispielsweise mehr als 30.000 Gerichtsurteile über Asylbescheide und die verantwortlichen Richter analysiert und visualisiert. Aus diesem Projekt, das etwa zweieinhalb Wochen in Anspruch nahm, entstanden Schlagzeilen wie „Das sind die härtesten Asylrichter der Schweiz: Für Asylbewerber, die ihren negativen Entscheid anfechten, ist der Erfolg vor Gericht wie ein Roulettespiel“. Urteilspraktiken einzelner Richter wurden transparent gemacht und führten schließlich für augenscheinlich befangene Richter zu Konsequenzen.

Nicht nur für angehende Journalisten kann Datenexpertise einen Wettbewerbsvorteil bilden. Datenjournalismus könnte auch durch das Teilen des Analyseprozesses mit dem Leser das Vertrauen in den klassischen (Qualitäts-) Journalismus wieder stärken: „Eine meiner persönlichen Hoffnungen“, sagt Skinner.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2020)

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