Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Kritik

Jarvis Cocker: House im Haus – und (fast) die ganze Welt in sieben Songs

Diesem Blick entgeht nichts: „Always I am watching, although you never see me“, singt Jarvis Cocker in „Sometimes I Am Pharaoh“.
Diesem Blick entgeht nichts: „Always I am watching, although you never see me“, singt Jarvis Cocker in „Sometimes I Am Pharaoh“.((c) Daniel Cohen/Lumen Photo
  • Drucken
  • Kommentieren

Dem klügsten Songschreiber des Britpop ist ein fantastisches Album gelungen. Es beginnt mit einer Anrufung Leonard Cohens.

„Ich trau mich eh nicht zu fragen, wer diese Person eigentlich ist, die da über Sie spricht. Aber ist es nicht doch eine merkwürdige Art, ein Album zu beginnen?“ So schüchtern befragte Jarvis Cocker 2012 bei einem Live-Interview seinen verehrten Kollegen Leonard Cohen über dessen damals neues Album „Old Ways“. Cohen schwieg lang, bevor er antwortete: „Ich war selbst sehr skeptisch: Es schien mir zunächst maßlos selbstbezogen. Dann versuchte ich, es zu ironisieren.“

Leonard Cohen ist 2016 gestorben, Jarvis Cocker ist heute 56 und hat ein wunderbares neues Album, das merkwürdig beginnt: mit einem auf Herzschlagtempo zurückgefahrenen Elektro-Rhythmus. Künstliche Geigen erzeugen die Stimmung eines halbseidenen Nachtclubs. „Take your foot off the gas“, singt Cocker mit dieser abgrundtiefen, heftig flüsternden Stimme, die unweigerlich an den späten Leonard Cohen erinnert. Dann umgarnt den Sänger ein Frauenchor.

„Save the Whale“ heißt der Song. Ist das ironisch gemeint? Macht sich Jarvis Cocker über Weltverbesserer lustig, wenn er „Fight the power, face the people“ brummt? Über Esoterik, wenn er „Move beyond the Yin and Yang“ raunt? Er habe Leute die Wände mit Samen und Blut beschmieren gesehen, singt er später in diesem Lied: „Ich schwöre bei Gott, ich denke mir das nicht aus.“

Wer ist diese Person, die da über sich spricht? „Must I evolve?“, stammelt sie im nächsten Song, „yes, yes, yes, yes“, antworten freundliche Damen, und, husch, sind wir in einem Urknall, in einem „big bang, maybe a small bang, actually more of a pop“, und, rasch, die Evolution hat schon begonnen, wir waren gerade noch Schleim im Teich, und jetzt wachsen wir, die Zellen teilen sich in der Ursuppe, wir bauen ein Haus, entdecken das Feuer, finden uns bei einem Rave wieder, hören Frankie Knuckles und sind noch immer nicht zufrieden . . .

Ehrlich: Seit der „Kleinen Raupe Nimmersatt“ hat man keine so dramatische Miniaturgeschichte gehört. Es ist, als ob uns Jarvis Cocker, der alte Schelm, wieder einmal vor Augen führen wollte, was man alles in einen Song packen kann, ohne dass er überladen wirkt. Fast die ganze Welt nämlich. Wenn man's kann.

Wie macht das Cocker? Er vermengt ständig zwei scheinbar unversöhnliche Standpunkte: intime Betroffenheit und ironische Distanz. Er ist drinnen und draußen zugleich. In „House Music All Night Long“ sitzt er zu Hause, hört House Music, wartet auf seine Freundin, die auf dem Dancefloor weilt. „Saturday night cabin fever in House Nation“, schwelgt er. Ist er nicht auch live dabei?

In „Swanky Modes“ ist es nicht nur ein Spiel mit dem Raum, sondern auch mit der Zeit. Der Song, in dem Cocker lang nur vertraulich tuschelt, knüpft an „Disco 2000“ an, einen großen Hit von Cockers Band Pulp: Man sieht sich nach Jahren wieder, man ist erwachsen geworden, nicht wahr? Ja, das kleine Geschäft in Camden Town ist inzwischen gentrifiziert, aber ist seine Besitzerin, die Cocker hier ansingt, schon tot?

Gott sei wie eine Kamera, die automatisch ein Bild schießt, wenn du sündigst, sagt Cocker im hochdramatischen, von sirrenden, kreischenden, überdrehten Bläsern durchzogenen Stück „Sometimes I Am Pharaoh“. Nein, er sagt es nicht selbst, er lässt es eine Frau sagen, die dann ein Foto vom Altar macht, obwohl es verboten ist . . .

Nur sieben Songs sind auf dem Album, und sie wirken alle genial konstruiert, obwohl Cocker beteuert, dass sie bei Live-Improvisationen seiner neuen Band entstanden seien. Schon wieder so ein Widerspruch. Die Band heißt übrigens Jarv Is . . . Mit drei Punkten. So viel Ironie muss sein.

Jarv Is . . .
Beyond The Pale

(Rough Trade)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2020)