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Film

Helmut Newton, der anarchistische Schlingel

Die Verspieltheit, die Newton privat prägte, ist seinen Frauenbildern nicht gleich anzumerken.
Die Verspieltheit, die Newton privat prägte, ist seinen Frauenbildern nicht gleich anzumerken.(c) Newton Foundation
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Ein liebevolles, die Ambivalenzen zulassendes Filmporträt über den 2004 verstorbenen Mode-, vor allem aber Aktfotografen Helmut Newton hat sein Freund Gero von Boehm geschaffen. Erzählerinnen sind Newtons starke Frauen selbst.

„Die meisten Fotografen sind schrecklich langweilig, die meisten Filme über sie auch. Man hört vor allem das dümmliche Geschwätz zwischen Modell und Fotograf.“ Es ist die Stimme Helmut Newtons selbst, die aus dem Off die Latte für diesen Dokumentarfilm über ihn am Anfang gleich einigermaßen hoch legt. Sein Freund, der renommierte deutsche Interviewer Gero von Boehm, nahm diese Verantwortung ernst – und schuf ein ganz und gar nicht langweiliges, so kantig wie liebevolles Porträt über den 2004 mit 83 bei einem Autounfall vor seinem legendären Winterdomizil, dem Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, verstorbenen Provokateur aus Leidenschaft.

Das Konzept dafür ist so einleuchtend wie gefährlich: Zu Wort kommen (neben Newton selbst) nur die starken Frauen, mit denen er sich umgab – Ehefrau June, (prominente) Modelle, seine Auftraggeberinnen der „Vogue“. Aber eben auch die feministische Schriftstellerin Susan Sontag, deren Kritik er sich einmal in einer TV-Show stellen musste.

Sie liefert den Hinweis, warum man dem Filmkonzept durchaus einmal misstrauen sollte. Schließlich könnte es auch so ausgehen, dass ein „Macho“ von seinen „Opfern“ rehabilitiert werden soll. „Es beeindruckt mich überhaupt nicht, dass Sie sagen, Sie lieben die Frauen über alles“, entgegnet Sontag ihm da. Auch von einem Sklavenbesitzer könne man durchaus hören, dass er seine Sklaven liebe. Newton zeige, so Sontag, die Frauen trotz Liebe in frauenfeindlichen, erniedrigenden Bildern.

 

Frauen wie Amazonen-Statuen

Der Schluss muss also zulässig sein: Nur weil die Frauen in diesem Film diesen Fotografen überwiegend schätzen, heißt das nicht, dass sie sich von ihm nicht als Sexobjekte, sogar in „faschistischer“ Manier, ablichten ließen (so einst die Kritik Alice Schwarzers an Newton, die im Film allerdings nicht vorkommt). Diese Ambivalenzen versucht Gero von Boehm in seinem Film aber erst gar nicht auszublenden, auch nicht irgendwie moralisch zu lösen, sie sind einfach da und schwingen mit. So geht das Konzept auf, so bleibt die Möglichkeit, aus den immer durchklingenden Zwischentönen selbst eine Ahnung zu generieren.

Angesichts Newtons starker Bildsprache – schwarz-weiße, muskulös-skulpturale, großbusige Amazonen – merkt man, wie man erst einmal den eigenen Standpunkt definieren muss. Das ehemalige Topmodel Nadja Auermann macht in ihren zögerlichen Antworten die Schwierigkeit dessen spürbar: Ganz sicher scheint sie sich nicht, ob die Fotos nicht sexistisch seien. Schließlich ringt sie sich dazu durch, sie als Spiegel des männlichen voyeuristischen Blicks zu deuten. Ähnlich Isabella Rossellini, die er mit Regisseur David Lynch wie dessen Geschöpf abbildete: „Er zeigte, wie Männer fühlen – ich mag dich, aber das sollte ich nicht, denn du bist gefährlich, eine Waffe“, erklärt sie. „Seine Bilder sagen viel aus über Männlichkeit. Ich finde das interessant.“

Ihre Kollegin Charlotte Rampling drückt sich sehr charmant, aber ebenfalls nicht völlig um Kritik herum, kommt aber zu dem Schluss: Kunst muss die Fantasie wecken, zu provozieren, gibt Denkanstöße. Beide teilten sie immerhin ein erstes Mal – Newton schoss damals, Mitte der 1970er, nicht nur Ramplings erste Aktfotos, auf einem Tisch in einem Hotelzimmer in Arles. Es waren auch seine ersten. Fast zart und zauberhaft wirken sie im Vergleich zu der Wildheit, mit der er später Grace Jones posieren ließ. Nackt auf dem Rücken auf einer Liege ausgestreckt etwa, ein Messer in der über den Kopf ausgestreckten Hand wie zu einem rituellen Lustmord bereit. Allerdings scheint sie allein im Raum zu sein. „Er war ein bisschen pervers“, erzählt die strahlende Diva, die Gero von Boehm für das Interview in Jamaika aufsuchen musste. „Aber das bin ich auch, das ist okay“, fügt sie hinzu.

 

Ein spielerischer, zarter Mann

Durch unveröffentlichtes Filmmaterial von einem TV-Porträt von 2004 sowie seinem uneingeschränkten Zugang zum Archiv der Newton-Stiftung gelingt Gero von Boehm aber auch, einen Eindruck des Privatmenschen samt dessen theoretischen Überbaus zu geben. So schwärmt Newton etwa von seinem Vorbild Brassaï, davon, dass Männer für ihn höchstens als Accessoires ins Bild kommen – und „Kunst“ sowie „guter Geschmack“ dreckige Begriffe in der Fotografie wären. Ein spielerischer, fröhlicher, irgendwie zarter Mensch wird da gezeichnet. In einem clownesken Video, das seine Frau, June, ebenfalls Fotografin, von ihm drehte, lässt sie ihn gnadenlos seine alten, zerrissenen Kleider samt Boxershorts vorführen.

Auch diese so perfekt wirkende, lange Ehe hatte ihre Schatten, klingt an – und Hanna Schygulla lässt sogar mit einer pikanten Andeutung aufhorchen: „Wir hätten fast eine Oase der Modernität zu dritt erreichen können“, deutet sie an. Mit Schygulla verband Newton das, was einmal für ihn Heimat war, Berlin, das er gern besuchte, wo er auch begraben sein wollte. Als Sohn jüdischer Knopffabrikanten geboren, konnte er sich im Winter 1938, gerade 18, aus Berlin retten. Offen gibt er zu, wie die idealisierende NS-Bildwelt ihn geprägt hat. Schygulla bringt es auf den Punkt: „Er fotografierte Frauen so, wie Riefenstahl Männer fotografiert hat.“ Subversiv – oder ein Schlingel? Das fragte ihn einmal seine Frau. Ein Schlingel, antwortete er, aber ein anarchistischer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2020)