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Psychotherapie als Doppelspiel

Leidenschaft ist ihre Sache nicht – doch als Therapeutin und Autorin in „Sibyl“ überzeugt Virginie Efira.
Leidenschaft ist ihre Sache nicht – doch als Therapeutin und Autorin in „Sibyl“ überzeugt Virginie Efira.Filmladen
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Im französischen Film „Sibyl“ nutzt eine Frau die Geschichte ihrer Patientin heimlich als Romanmaterial – bis es richtig brenzlig wird. Empfehlenswert.

Sibylle nennt sich die altgriechische Prophetin, die Menschen die Zukunft voraussagte, auch wenn die gar nicht danach gefragt hatten. Sie machte es ihnen zusätzlich schwer, weil sie ihre Deutungen in Rätselform verlauten ließ. Die Hauptfigur des Films „Sibyl“ trägt wohl nicht ganz zufällig eine moderne Version dieses Namens, nimmt sie doch die Zukunft anderer und dann die eigene in die Hand. Doch er spielt wohl noch mehr auf den Film „Sibyl“ von 1976 an, der von einer Psychotherapeutin und einer Patientin mit multipler Persönlichkeitsstörung handelt.

Auch die neue Sibyl beginnt in gewisser Weise, in verschiedenen Persönlichkeiten zu leben, selbst wenn sie diesmal nicht die Patientin, sondern die Therapeutin ist. Als sie endlich ihren Traum verwirklichen will, Romane zu schreiben, schlittert sie in ein gefährliches Spiel: Sie vermischt die Rollen der Therapeutin und Autorin, indem sie die Geschichte einer Patientin, der jungen verzweifelten Margot, als Romanmaterial benutzt. Heimlich nimmt sie die Sitzungen auf, nährt damit ihr lang ersehntes Lebensprojekt.

Doch dass Sibyl ausgerechnet Margots Probleme zum Stoff ihres Buchs macht, hat einen Grund, wie der Zuschauer allmählich erkennt: Sie erinnern Sibyl an ihre eigene Vergangenheit. Margot ist ungewollt schwanger geworden und verzweifelt an der Entscheidung, ob sie abtreiben soll oder nicht. Und Sibyl wird zurückgeworfen in die Erinnerung an eine leidenschaftliche Beziehung, die sie vor Jahren hatte. Kein Wunder, dass sie ihre und Margots Geschichte immer weniger auseinander halten kann.

Sibyl ist eine Frau, die innerlich implodiert, hinter deren stabiler Fassade immer schon die Grundfesten einzustürzen drohten. Sie kommt aus einer Alkoholikerfamilie und hat sich selbst von der Sucht freigekämpft. Die Verlockungen des Alkohols dienen im Film als Spiegel von Sibyls Kampf um Stabilität und ihres Kontrollverlusts.

Gespielt wird sie von der Belgierin Virginie Efira, die als TV-Moderatorin arbeitete, bevor sie als TV- und dann auch Kinoschauspielerin bekannt wurde. Aus französischen Filmkomödien kennt man sie mittlerweile auch im Ausland. In „Sybil“ wächst sie über ihr typisches Rollenformat hinaus. Leidenschaft ist Efiras Sache zwar nicht, ihre geheimnislos wirkende Contenance kann leicht langweilig werden. Hier wird sie auch nicht gerade zum Vulkan – ein solcher steht symbolträchtig auf der Insel, auf die der Film irgendwann hinführt –, doch es gelingt ihr, die komplizierte Persönlichkeit und Situation ihrer Heldin glaubhaft zu machen.

Vorbild: ein Film von Woody Allen

Das hat der Film auch nötig, denn von Kompliziertem kann das Drehbuch gar nicht genug bekommen. Mitgeschrieben daran hat die 41-jährige Regisseurin, Justine Triet, deren vorangegangener Film „Victoria“ über eine überforderte alleinerziehende Anwältin fünf „César“-Nominierungen bekommen hat. Triet nennt als Hauptinspiration für die Filmstruktur „Eine andere Frau“ von Woody Allen: Darin hört eine Frau bei ihrer Arbeit an einem neuen Buch die Sitzungen des benachbarten Psychiaters mit einer jungen Frau mit an – und wird dadurch auf eigene Probleme zurückgeworfen.

Nicht nur durch Sibyls Romanprojekt stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Margot ist Filmschauspielerin. Der Mann, von dem sie schwanger wurde, ist der Partner bei laufenden Dreharbeiten. Und seine Frau – die Filmregisseurin. Er will das Kind unbedingt behalten, Margot vertraut ihm nicht, sieht mit dem Kind ihre Rolle und damit ihre fragile Karriere platzen.

Die Regisseurin hüpft ins Wasser

Da kann nur noch die Therapeutin helfen. Sie wird – hier wird es skurril – zu den Dreharbeiten auf eine abgelegene Insel beordert, um nicht nur die Patientin, sondern auch das Filmprojekt zu retten. Man merkt, Realismus ist der Regisseurin nur im Psychologischen wichtig, ansonsten hat sie mit Unwahrscheinlichkeiten kein Problem. Und so wird der Zuschauer hier überdeutlich darauf hingewiesen, dass Sibyl längst Mitspielerin und Regisseurin in der Geschichte ihrer Patientin geworden ist: Sie muss in einer Szene Margots Filmpartner ersetzen und auf einem Boot die Regie übernehmen, weil die Regisseurin die Nerven wegschmeißt und ins Wasser hüpft. Das tut sie dann auch noch mit großem Erfolg.

Dies entspricht auch der Botschaft des Films und der Lehre, die Sibyl am Ende zieht: dass Realität die Fiktion ist, die wir uns gestalten. Sibyls zunächst verhängnisvolles Doppelspiel hat sich letztlich für Margot und sie selbst als segensreich erwiesen. Gabriel, der Vater ihres ersten Kindes, „ist für mich gestorben“, sagt sie in der Schlussszene, am Tisch sitzend. Man sieht eine Frau, die nach dem Absturz die Kontrolle über ihr Leben wiedergewonnen hat, und diesmal nicht nur scheinbar. Sie halte sie auf Distanz, sagt sie über ihren Mann, ihre zwei Kinder: „Ich sehe sie als Romanfiguren.“

Das hat etwas von Solipsismus. Die nächsten Menschen als bloßes Inventar der inneren Realität, die man jederzeit ändern kann? Das ist am Ende doch etwas zu simpel – zu simpel auch für den Film selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2020)