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Kolumne zum Tag

Urlaub in Österreich – der neuen Heimat

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Anstatt in ihre Herkunftsländer zu reisen, werden Migranten dazu aufgerufen, ihren Sommerurlaub in Österreich zu machen – zum Beispiel in Wien.APA/GEORG HOCHMUTH
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Auf die jährliche Reise in ihr ehemaliges Heimatland zu verzichten ist für viele Migranten eine bittere Pille. Aber sie haben schon ganz andere Brocken geschluckt.

Um nicht zur Ausbreitung des Coronavirus beizutragen, sind also in Österreich lebende Türken, Bosnier, Kroaten, Serben, Montenegriner und Kosovaren dazu aufgerufen, in diesem Sommer ihren jährlichen Urlaub in ihrem Herkunftsland ausfallen zu lassen und stattdessen am besten in Österreich zu bleiben.

Nun wurde zu Recht viel darüber geschrieben, welch hohen Stellenwert für diese Menschen der regelmäßige Besuch ihrer Verwandten und Freunde hat und welche Motivation sie daraus für ihren Alltag schöpfen. Darauf in diesem Jahr verzichten zu müssen ist für viele ein schwerer Dämpfer, vor allem für die erste Einwanderergeneration. Gastarbeiter- und Flüchtlingskinder wissen, was gemeint ist. Sie kennen das Glühen in den Augen ihrer Eltern während der Reisevorbereitungen. Die Vorfreude, die ihre Sehnsucht erahnen lässt.

Sie wissen aber auch, was ihnen in all den Jahrzehnten entgangen ist, in denen sie Sommer für Sommer dasselbe Land, dieselbe Stadt, denselben Ort besucht haben. Fast so, als hätten sie gar keine Alternative. Als gäbe es sonst nichts zu entdecken. Für sie bietet sich in diesen Monaten die Möglichkeit, etwas Neues zu erleben und ihren Horizont mit Reisen innerhalb Österreichs oder in andere, von der Pandemie derzeit weniger betroffene Länder zu erweitern. Und wer weiß, vielleicht kommen sie ja auf den Geschmack.

Das ist keine „Aus der Not eine Tugend machen“-Phrase, dafür hat die Coronakrise zu viel Schaden angerichtet, vor allem in den ärmeren und weniger gebildeten Schichten der Bevölkerung. Ein Grund zum Trübsalblasen ist die aktuelle Situation aber auch nicht. Am wenigsten für die hier lebenden Menschen mit Wurzeln in der Türkei und auf dem Balkan. Warum? Weil sie Kämpfer sind. Überlebenskünstler. Mittellos sind sie einst in dieses Land gekommen, ohne Deutsch zu sprechen und ohne zu wissen, wie lang sie bleiben dürfen; haben es trotz aller bekannten Probleme und Rückschläge nicht nur mitaufgebaut, sondern auf so vielen Ebenen bereichert. Einen Sommer lang ihre Urlaubsgewohnheiten ändern zu müssen wird sie nicht brechen.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com

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