Schnellauswahl
Leitartikel

Über Sinn und Unsinn des Abzugs von US-Truppen aus Deutschland

Bis zu 170.00 Soldatinnen und Soldaten haben die USA in 150 Ländern stationiert.
Bis zu 170.00 Soldatinnen und Soldaten haben die USA in 150 Ländern stationiert.APA/AFP/CHRISTOF STACHE
  • Drucken
  • Kommentieren

Das Pentagon führt strategische Gründe für die Verkleinerung des Truppenkontingents an. Vielmehr aber geht es um eine politische Strafaktion.

Wenn es eine weltumspannende Organisationen gibt, dann sind das die US-Streitkräfte. Bis zu 170.00 Soldatinnen und Soldaten haben die USA in 150 Ländern stationiert. Je nach Weltlage wird da natürlich ständig umdisponiert, an der einen Ecke werden Truppen verringert, an einem anderen Ort werden sie verstärkt. Es ist ein Kommen und Gehen. Dafür gibt es Richtlinien, die aus dem Weißen Haus kommen, dafür gibt es Streitkräfteplaner im Pentagon, die die Wünsche der politischen Führung umsetzen.

Im Fall des am Mittwoch in Washington bekannt gegebenen Abzugs von 12.000 Soldaten aus Deutschland ist es anders – und doch wieder nicht. Verteidigungsminister Mark Esper begründete den Abzugsplan mit der strategischen Notwendigkeit, flexibler zu sein, um Kräfte in die Schwarzmeerregion und in den baltischen Raum verlegen zu können, die sich russischen Aggressionen entgegenstellen sollen. Nicht sehr überzeugend: Auch bisher dienten die in Deutschland stationierten US-Truppenteile als Eingreifreserve für mögliche Konflikte im Osten Europas. Und warum sollten die zurück in die USA, nach Belgien oder Italien verlegten Soldaten von dort flexibler auf eine russische Aggression reagieren können?

Manche Militärexperten argumentieren, dass es sehr wohl Sinn habe, das US-Truppenkontingent in Deutschland zu verkleinern. Russland sei durch die vereinigte Militärmacht der Nato-Staaten ohnedies bereits genug abgeschreckt. Auch sei es durchaus logisch, das Kommando der US-Streitkräfte in Europa aus Stuttgart nach Mons in Belgien zu verlegen, wo sich die militärische Kommandozentrale der Nato befindet.

So strategisch, so gut. Das Problem ist, dass Präsident Donald Trump all die bemühten militärischen Erklärungen seines Verteidigungsministers sogleich wie Luftballons platzen ließ, als er in bewährter Manier auf Deutschland losging: Die säumigen Deutschen, die ihren Versprechungen zur Erhöhung des Verteidigungsbudgets nicht nachkommen würden, ihre Milliardenschulden bei der Nato nicht zahlten und die USA seit vielen Jahren ausnützten. „Wir wollen nicht länger die Trottel (der Deutschen) sein.“ Rumms, das saß. Und zeigte überdeutlich, dass der Abzugsplan eben doch nicht in erster Linie auf strategischen, sondern auf politischen Erwägungen beruht.

Wobei: Es wird niemand behaupten, dass die heutige Bundesrepublik ein Vorbild in Sachen Wehrwillen ist. Die Bundeswehr machte zuletzt vor allem damit Schlagzeilen, dass sich in ihren Reihen Zellen von Rechtsextremisten einnisten konnten und dass sie verzweifelt junge Leute sucht, die Berufsmilitärs werden wollen. Zudem hat das jahrelange Sparen Ausrüstung und Militärgerät veralten lassen.
Nur hat Trump wieder einmal hemmungslos gelogen, als er behauptete, Deutschland habe bei der Nato Milliardenschulden. Berlin hat seine Beiträge für die Allianz immer brav entrichtet. Es wirkt auch bizarr, die Deutschen für die niedrigen Verteidigungsausgaben (derzeit 1,4 des Bruttonationalprodukts, zwei Prozent sollten es nach Nato-Vorgaben sein) „bestrafen“ zu wollen und die abziehenden Einheiten in zwei Länder zu verlegen, die noch weniger für ihr Militär ausgeben (Belgien weniger als ein Prozent, Italien 1,2 Prozent).