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Perry Mason ist nun ein Loser

Perry Mason (Matthew Rhys) ist in der neuen Serie nur mehr ein Privatdetektiv.
Perry Mason (Matthew Rhys) ist in der neuen Serie nur mehr ein Privatdetektiv.Sky
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Der Krimi-Klassiker ist in einer Neuverfilmung auf Sky zu sehen: Im detailliert ausgemalten Filmmuseum der 1930er-Jahre geht es brutal zu. Eher enttäuschend.

Ein junges Paar harrt angstvoll der Wiederkehr seines entführten Babys. Das Lösegeld wurde gezahlt. Doch als die Mutter ihr in ein Bündel verhülltes Kind endlich glücklich in die Arme schließen kann, stellt sie fest, dass es tot und außerdem verstümmelt ist. Das grausame Ereignis zu Beginn der Neuverfilmung von „Perry Mason“ für den Serien-Produzenten HBO mag auf die Ermordung des Babys des Atlantik-Überfliegers Charles Lindbergh 1932 anspielen.

Der erste Teil der neuen „Perry-Mason“-Miniserie, die heute, Freitag, auf Sky startet, spielt um die Jahreswende 1931/32. Mason ist kein erfolgreicher Strafverteidiger mehr, sondern nur mehr ein heruntergekommener Privatdetektiv. Er leidet an einem Kriegstrauma, Los Angeles leidet an den Folgen des Schwarzen Freitags. Einerseits herrscht fieberhafte Feierlaune, andererseits operiert in Hinterzimmern das organisierte Verbrechen. Wer hier welche Interessen verfolgt, ist vorerst etwas rätselhaft. Das soll wohl auch so sein.

Sicher ist, die Serie lädt in ein Filmmuseum alter US-Gangsterdramen à la „Scarface“. Vom Hut bis zum Oldtimer ist hier alles hundertprozentig durchkomponiert. Es wird gesoffen und geraucht, was das Zeug hält. Es gibt Schwarzweiß-Ästhetik in Farbe zu sehen, einer der Regisseure war für „Game of Thrones“ tätig, Superstar Robert Downey Jr. („Sherlock Holmes“) hat die Serie mitproduziert. Die Hauptrolle spielt der Brite Matthew Rhys. Perry Mason ist hier ein Loser, gescheitert als Vater, überwältigt von Frauen, eine stammt aus Caracas. Der neue Mason-Typus erinnert von fern an den gebrochenen James Bond von Daniel Craig, viril, aber sensibel.

Schematische Charaktere

Die Geschichte wirkt, auch abgesehen vom Baby-Mord, überaus brutal, es wird geprügelt, gefoltert und geschossen. Wer Reminiszenzen an die wilden alten USA mag, wird die Serie wohl zu schätzen wissen.

Doch die erste Folge hält nicht, was der attraktive Noir-Trailer verspricht, die Charaktere wirken schematisch. Und weit entfernt ist „Perry Mason“ von den kunstvollen Panoramen Martin Scorseses, der die Durchsetzung einer Gesellschaft mit Kriminellen nuancenreicher beschreibt.

Auf neun Staffeln brachte es die alte Mason-Serie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren – mit dem grandseigneuralen Raymond Burr. Vom alten Mason lernten wir raffinierte Fragetechnik, Geistesgegenwart und viel über das US–Rechtssystem. Eine so stark auf Dialoge setzende Serie würde heute wohl nicht mehr funktionieren.

Bloß: Was erfahren wir vom neuen Mason? Das bleibt zunächst offen. Sollte die Moral von der Geschicht' sein, dass die USA nicht von ihrer Filmnostalgie lassen können, wäre das etwas dürftig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2020)