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Kino

„Master Cheng in Pohjanjoki“: In Finnland wird alles wieder gut

Die Wirtin (Anna-Maija Tuokko) und ihr neuer Koch (Chu Pak Hong): So beginnt die Liebe.
Die Wirtin (Anna-Maija Tuokko) und ihr neuer Koch (Chu Pak Hong): So beginnt die Liebe.Polyfilm
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So geht Eskapismus: Mika Kaurismäki beweist mit „Master Cheng in Pohjanjoki“, dass chinesisches Essen (und die Liebe) alles heilen kann, zumindest für 110 Minuten.

Märchenhaft. Das ist vermutlich das erste Wort, das einem zu diesem Film einfällt, aber es passt natürlich nicht. In Märchen tanzen sich Stiefmütter in roten Pantoffeln zu Tode, Wölfe lauern unschuldigen Mädchen im Wald auf, und die Pechmarie wird hart bestraft, das Pech bleibt an ihr kleben, solang sie lebt. Märchen sind actionreich und brutal, und wenn am Ende auch alles gut ausgeht, so ist davor das Glück doch mannigfach von finsteren Mächten bedroht.

In „Master Cheng in Pohjanjoki“ tauchen finsteren Mächte nur in Gestalt zweier ein wenig dusseliger Dorfpolizisten auf. Action ist Regisseur Mika Kaurismäki egal. Und Brutalität ist ihm offensichtlich zuwider. Er erzählt stattdessen eine Geschichte, die spannungsärmer nicht sein könnte, da gibt es keine unerwarteten Wendungen, keine großen Missverständnisse, keine dunklen Geheimnisse. Sondern nur einen Mann, eine Frau und ein Kind, die Liebe und die Heilsamkeit der chinesischen Küche.

 

Das Mysterium der Nudelsuppe

Unser Titelheld, Cheng (Chu Pak Hong), strandet nämlich auf seiner Suche nach einem ominösen Herrn Fongtron in der finnischen Provinz. Dort gibt es nicht viel. Eine kleine Schule. Einen Laden. Eine Tankstelle. Und eine heruntergewirtschaftete Raststätte, in der alle Tage Wurst und Püree serviert werden. So schlecht kocht die Wirtin (Anna-Maija Tuokko), dass Chengs Sohn Niu Niu diesen Fraß nicht einmal anrührt. Doch wie es das Schicksal will, schwemmt es eine Busladung ebenso heikler chinesischer Touristen in die Spelunke – und Meisterkoch Cheng rettet den Tag: mit einer so simplen wie alle verzaubernden Nudelsuppe. Nicht lang, und das halbe Dorf ist den Künsten Chengs verfallen. Sogar dieser Bär von einem Kerl, der gern mit seinem Quad durch die Wälder braust.

Jetzt ist das Motiv des rettenden Rezepts, der heilenden Speise nicht neu: In Jūzō Itamis „Tampopo“ (1985) brachte ein mitleidiger Trucker der Betreiberin einer Suppenküche die Feinheiten des Nudelkochens bei. In Naomi Kawases „Kirschblüten und rote Bohnen“ bewahrt eine alte Dame einen Imbiss vor dem Bankrott – mithilfe einer köstlichen und alle verzückenden japanischen Bohnenpaste. Und dann gibt es noch die Zeichentrick-Ratte, die weiß, wie man ein erstklassiges Ratatouille zubereitet – woraufhin der hantige Kritiker, der gerade das Restaurant in Grund und Boden schreiben will, sich selig in die Kindheit zurückversetzt fühlt. Essen macht eben glücklich. Vor allem asiatisches und französisches, offenbar.

Ähnlich wie im jüngsten Film von Bruder Aki Kaurismäki, in dem ein Syrer und ein Finne gemeinsam ein Sushi-Lokal eröffnen, hat das Essen hier aber auch eine andere Funktion: Es verbindet die Völker. In Mika Kaurismäkis finnischem Dorf mag es Scheu vor dem Fremden geben – er lebe gern gefährlich, meint ein Gast, bevor er zaudernd von der Barsch-Suppe probiert – aber die ist rasch vorbei, wenn man einander näher kennenlernt.

Rassismus dagegen gibt es nicht. Gemeinheit gibt es nicht. Es ist eine fast ideale Welt, die Kaurismäki entwirft, eine leise Welt auch, wo nur hin und wieder die Klänge einer Zither oder eines Akkordeons herüberwehen, und dabei schweift die Kamera über die gekräuselten Wellen des Sees oder die steinigen Hänge der Berge. Dazu passt eine Form der Komik, die uns lächeln macht statt lachen – über die entzückenden Fehler, die passieren, wenn ein Chinese Finnisch, ein Finne Chinesisch und alle miteinander Englisch reden, über die Freude Chengs ob der ersten Rentierherde seines Lebens und sein Erstaunen, dass dieses edle Tier auf dem Mittagstisch landet. Über die grimmigen Männer mit den weichen Herzen.

Es tut wohl, eine Pause zu haben von den Übeln dieser Welt – und sei es nur für zwei Stunden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2020)