Jedermann muss in Salzburg brennen

Wie ernst muss man Hugo von Hofmannsthals Verse heute noch nehmen?

Für den Jedermann gab es in diesem Jahr nicht einmal einen Sarg. Er durfte nur kurz auf dem Schoß des Herrn liegen, ehe es finster wurde vor dem Schlussapplaus. Was aber ist danach mit ihm passiert? Die Inszenierung Christian Stückls über den geilen Spekulanten vor dem Domplatz weiß keine Antwort auf diese letzte Frage, gibt nicht einmal den kleinsten Fingerzeig, was später in Himmel und Hölle gespielt wird.

Das „Gegengift“ aber hätte einen erhellenden Vorschlag. Man könnte eine Jedermann-Figur auch einmal verbrennen lassen. Es geht mir dabei nicht nur um den magischen Effekt, den selbst schon der bescheidene Fackeltanz bei der Eröffnung erzielte – wie besinnlich würde da erst ein Flackern vor der barocken Fassade wirken. Eine Feuerbestattung unter Blitz und Donner könnte sich auch filmisch besser verwerten lassen.

Ich komme auf dieses Thema vor allem deshalb, weil die Kritiken zum „Jedermann“ wieder so verstörend waren. Das deutsche Feuilleton, das die besten Kräfte des deutschen Geistes aufbringt, von pietistischen Qualitätsdenkern in Qualitätsblättern bis zu an Brecht und dessen Berliner Epigonen geschulten Online-Desperados, hat Stückls Inszenierung fast einhellig verurteilt. Die meisten österreichischen Kritiker hingegen haben gejubelt. Ich auch, in Maßen. Oft aber ist es peinlich, wenn man bei solch feinsten Verrissen aus Frankfurt und München zu den Bravorufern der Spaßgesellschaft gehört (außer es handelt sich um Jubel für „Ödipus“, da bin ich beim Klatschen sogar aufgestanden, nach drei Stunden Sitzen ohne Pause). Denn ganz brutal gesagt lautet die interne Hackordnung der Kritiker so: Verrissen wird von den Gescheiten, gejubelt von den Trotteln. Schlimmer noch: von jenen, die patriotisch sind oder anderswie motiviert; die in die Minichmayr verliebt, mit Ofczarek verhabert oder mit Becker auf ein Bier gegangen sind.


All das mag üblich sein bei uns in Wien und Umgebung, aber es gibt eine andere Erklärung für die preußische und protestantische Missgunst gegen die Domplatz-Brüller. Der Verdacht besteht, dass „Jedermann“ heutzutage missfällt, weil er für zu katholisch gehalten wird.

Genau diesen Charakter aber verhüllt die oberbayerische Inszenierung in Salzburg, und deshalb komme ich jetzt auf das fehlende Feuer zurück.

Früher, in Spanien, gab es bei derartigem Barocktheater immer auch ein anständiges Autodafé. Wenn zur Verdeutlichung der moralischen Botschaft eines solchen bösen Spiels ein päderastischer Mönch, ein erfolgreicher Manager oder ein korrupter Kritiker angezündet wurde, dann wussten Mönche, Manager und der letzte Depp im Publikum: Die meinen es wirklich ernst. In unseren profanen Tagen aber steigen Dompfarrer, Buhlschaft und Promifriseur nach der Aufführung in ihre SUVs, fahren heim und zappen beim TV zwischen Börsenkursen auf Bloomberg und Lady Gaga auf MTV. Und „Jedermann“ war wieder einmal für den Hugo.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2010)

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