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Wort der Woche

Sinkt die Erdölförderung bald?

Die Peak-Oil-Theorie postuliert seit Jahrzehnten, dass die Erdölförderung bald sinken werde. Dieses Szenario könnte nun aus einem unerwarteten Grund Wirklichkeit werden.

Als der US-Geologe Marion King Hubbert 1956 erstmals vom „Peak Oil“ sprach, wurde das kaum registriert. Verständlich: Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die weltweite Erdölförderung rasant – das Zeitalter der Massenmobilität mit Automobilen hatte gerade erst begonnen, und parallel dazu wurde ein Ölfeld nach dem anderen erschlossen. Dennoch behauptete Hubbert schon damals, dass die weltweite Erdölförderung irgendwann auch wieder zurückgehen werde.

Ernst genommen wurde das erst ab den 1970er-Jahren, als der Club of Rome darlegte, dass alle natürlichen Ressourcen endlich sind. Die damals veröffentlichten Prognosen traten allerdings nicht ein: Denn sobald ein Bodenschatz knapp wird, steigen die Preise, was einen Anreiz zum Suchen und Erschließen neuer Lagerstätten bietet.

Das war auch bei Erdöl so. Unterm Strich verfünffachte sich seit 1960 die Fördermenge – sehr zum Schaden des Weltklimas. In jüngster Zeit sorgte insbesondere die Erschließung von Lagerstätten durch die umstrittene Fracking-Methode dafür, dass die Produktion auf immer neue Rekordhöhen wuchs. Auch wenn klar ist, dass die Vorräte im Boden irgendwann wirklich zur Neige gehen, haben sich alle Vorhersagen, wann der Höhepunkt der Förderung überschritten sei, als falsch erwiesen.

Die Coronakrise könnte dies nun ändern: Plötzlich halten es manche Forscher, wie etwa der spanische Ökonom Edoardo Campanella, für möglich, dass wir gerade den „Peak Oil“ erleben – und zwar aus einem unerwarteten Grund: Während bisher die Erwartung darauf beruhte, dass das Angebot sinken werde, beobachten wir derzeit einen starken Rückgang der Nachfrage (Foreign Policy, 13. 7.). Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die Menschheit heuer um fast acht Prozent weniger Erdöl verbrauchen wird als im Vorjahr. Das ist plausibel, weil der Großteil des Erdöls im Transportsektor verbraucht wird und die Coronakrise starke Änderungen der Handelsströme, des Flugverkehrs und des individuellen Mobilitätsverhaltens (Stichwort: Home-Office) mit sich brachte.

Was die Klimapolitik bisher nicht vermochte – nämlich Erdöl im Energiemix zurückzudrängen –, dafür sorgt nun vielleicht die Coronakrise.

Unklar ist freilich zurzeit, ob diese Veränderungen dauerhaft sind. Sicher ist in den Augen Campanellas allerdings bereits eines: Anders als in der Vergangenheit würden Energieunternehmen ein Peak-Oil-Szenario nun sehr ernst nehmen.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2020)