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Die Russen und ihr Wildpilz­fanatismus

Die Russen sind begeisterte Pilzsammler. (Symbolbild)
Die Russen sind begeisterte Pilzsammler. (Symbolbild)Die Presse / Clemens Fabry
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Die Russen sind begeisterte Pilzsammler. Dass ich ihre Schätze nicht esse, hat einen Grund: Swilen.

Wegen meines bulgarischen Freundes Swilen esse ich seit Jahren keine Waldpilze mehr. Nur Champignons. Vor ein paar Tagen kaufte ich wieder einmal eine Packung in einem russischen Supermarkt. Und was war auf der Plastikfolie abgebildet? Ein Regenbogen!

Dazu muss man wissen, dass der Regenbogen in Russland in der Öffentlichkeit eine Persona non grata ist. Ihm wird homosexuelle Propaganda vorgeworfen, vielleicht haben Sie von diesem Unfug gehört. Umso erstaunlicher, dass er sich doch auf Speiseeis, Joghurts, Sprotten und sogar auf Champignons wiederfindet. Daneben prangte eine Aufschrift: „Von der Natur empfohlen.“ Ich fand das sehr komisch und aß die bleichen Champignons mit großem Appetit. Außer mir kauft derzeit in Russland niemand Supermarktpilze. Denn die Schwammerlsaison hat begonnen. Und die Russen sind wahre Wildpilzfanatiker. Sobald es geregnet hat, schwärmen sie in die Wälder aus. Unlängst kam mir in einem Wald unweit von Moskau ein Mann entgegen. Er trug einen riesigen Weidenkorb, randvoll mit Pilzen. Wo er seine Schätze gefunden hat, würde er wohl nicht einmal bei schwerer Strafandrohung verraten. Jedes Mal wenn mir ein Russe seine marinierten Schwammerl offeriert, bekomme ich leichte Panik.

Denn wie gesagt, Swilen hat mir den Pilzgenuss ein für alle Mal ausgetrieben. Im Sommer 2008 machte er sich zu einer Wanderung in die bulgarischen Rhodopen auf. Dort wurde er hungrig und aß ein paar Pilze. Die hat er gar nicht gut vertragen. RIP, Swilen! Hoffentlich serviert man dir dort, wo du jetzt bist, jeden Tag eine kulinarische Entschädigung.

jutta.sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2020)