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Roman

"City of Girls": Eine Ode an die Frauen

Gilbert lebt ungewöhnlich. Ihre Figuren auch.
Gilbert lebt ungewöhnlich. Ihre Figuren auch.Timothy Greenfield-Sanders
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Elizabeth Gilbert, Kennerin der weiblichen Seele, hat „City of Girls“ mit unkonventionellen Figuren bevölkert, die einen gleichermaßen rühren und interessieren.

Kaum jemand hat die Untiefen der weiblichen Seele so gründlich erforscht wie Elizabeth Gilbert. Ihre eigene entblößte die amerikanische Autorin 2006 in dem Weltbestseller „Eat Pray Love“. Die Erfahrungen als Barkeeperin in New York flossen wiederum in den Film „Coyote Ugly“ ein, und ihr buntes Liebesleben sorgte regelmäßig für Schlagzeilen. Zuletzt war Gilbert mit der syrischen Künstlerin Rayya Elias verheiratet, die 2018 ihrer Krebserkrankung erlag.

Aus diesem reichen Fundus an Erfahrungen und Emotionen schöpft Gilbert nun auch für ihren jüngsten Roman: „City of Girls“ wurde nichts weniger als eine Ode an die Frauen. Ein warmherziges und großzügiges Buch, das sich weigert zu verurteilen. Gleichzeitig ist „City of Girls“ auch eine Hymne an Gilberts zweite große Lebensliebe: New York.

In diese Stadt kommt die junge Vivian Morris im Sommer 1940. Vivian stammt aus konservativem, reichem Haus, entspricht allerdings weder den Erwartungen ihrer Eltern noch ihres strengen Bruders (Spitzname ab dem Alter von elf: „Herr Botschafter“) noch denen ihrer Lehrer am elitären Mädchen-College Vassar. Nach einem Jahr fliegt sie von der Schule und wird zu ihrer Tante Peg Buell nach New York geschickt. Diese betreibt dort das Lily Playhouse, ein heruntergekommenes Theater in Midtown New York, das mit möglichst wenig Geld fröhliche, billige Shows für die Nachbarschaft produziert.


Chaos, Glamour, Spaß. Die bis dato behütete 19-jährige Vivian kann ihr Glück nicht fassen: „Es war die elektrisierende Verkörperung von Glamour, Wagemut, Chaos und Spaß – mit anderen Worten, eine Welt voller Erwachsener, die sich wie Kinder benahmen.“ Die einzige Ausnahme ist die Freundin und Geschäftspartnerin ihrer Tante, Olive Thompson, die Vernunft in Person, was sich auch in ihrer Kleidung ausdrückt, einem Kostüm wie „ein zweireihiger kleiner Ziegel – die Art von Kleidungsstück, das geschaffen wurde, um der Welt vorzugaukeln, dass Frauen weder Brüste noch Taillen noch Hüften besitzen“.

Womit die zwei Triebfedern aufgezogen wären, die Vivians Leben ab ihrer Ankunft in New York maßgeblich bestimmen werden: Sex und Mode. Elizabeth Gilbert verzichtet darauf, „City of Girls“ mit tiefgründigen feministischen Botschaften auszustatten und erzählt stattdessen genüsslich davon, was diese Gruppe unkonventioneller Frauen in den anfangs noch so sorglosen 1940ern beschäftigte: In welchen Kleidern man gut aussah und wie schnell man sich ihrer im Bedarfsfall entledigen konnte.

Dabei spannt Gilbert den emotionalen Bogen zwischen der Egozentrik schöner Frauen, die sich durchaus zwei Stunden lang selbstverliebt im Spiegel betrachten können, hin zu einer weiblichen Solidarität, die sich bei den seltsamsten Anlässen äußert. Etwa wenn die Revuegirls den geeigneten Mann suchen, an den Vivian ihre Jungfräulichkeit verlieren kann (ein biederer Tierarzt, der einmal die Woche seine Frau betrügt) und währenddessen im Diner ums Eck auf sie warten, um anschließend gemeinsam zu feiern.

Die zweite Konstante in Vivians Leben wird das Nähen. Seit sie ihre – ebenfalls recht unkonventionelle – Großmutter Morris mit einer Nähmaschine vertraut gemacht hat, wurde die Schneiderei zunehmend prägend für Vivian. Sie setzt die Nähnadel gekonnt ein, um Freunde zu finden und für sich einen Platz in der Welt zu erobern. Ehe sie sich's versieht, ist sie im Lily Playhouse zur Kostümdirektorin aufgestiegen, die aus alten Kleidern neue Kunstwerke erschafft.

Vivians Talent im Umgang mit Stoffen, ihr Blick für das, was einer Frau steht, ihr Geschick mit Nadel und Faden begleiten sie durch ihre dunkelsten Momente, werden Beruf und Berufung gleichermaßen. Es ist ein weiter Weg, den das ebenso arglose wie ungestüme Mädchen zurücklegen muss und auf dem sie verschiedene schmerzliche Lektionen lernt: dass man im Leben nicht immer ungeschoren davonkommt, egal, wie unverwundbar man sich fühlt; dass das Leid, das man anderen zufügt, einen selbst am meisten verletzt; und dass, wie die strenge Olive es ausdrückt, „das Feld der Ehre ein schmerzliches ist“. Am Schluss freilich steht eine selbstbewusste, großherzige junge Frau, die sich (und andere) mit all ihren Besonderheiten akzeptieren kann.


Dialoge à la Screwballkomödie. Elizabeth Gilbert hat „City of Girls“ mit Figuren bevölkert, an denen man sich gar nicht sattlesen kann: allen voran Vivian, Tante Peg, die immer überraschende Olive Thompson sowie die junge Lumpenhändlerin und spätere Geschäftspartnerin Vivians, Marjorie Lowtsky. Die Männer sind wichtig, bleiben aber sehr oft nur dramaturgisches Beiwerk. Die flotten Dialoge erinnern mit ihrem Tempo und Witz an eine Screwballkomödie. Das Urteil, dass Gilbert den Roman des Sommers geschrieben habe, sei allerdings um eine Bemerkung ergänzt: „City of Girls“ ist ein Buch für alle Jahreszeiten.

Neu erschienen

Elizabeth Gilbert:
„City of Girls“

Übersetzt von
Britt Somann-Jung

S.-Fischer-Verlag

496 Seiten

17,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2020)