Schnellauswahl
Culture Clash

Mehr Sachlichkeit in der Masken-Debatte

Hat sich die Regierung mit der Maskenpflicht als Entmündiger entlarvt? Die Aggressivität der Debatte ist der Freiheit abträglicher als die Maske selbst.

Also macht der Mundschutz jetzt unmündig, wie es der jüngste „Profil“-Leitartikel nahelegt? Oder ist der Widerstand gegen die Maske mörderischer Egoismus, wie man Wortmeldungen in den sozialen Netzwerken entnehmen kann, wo das Thema ziemlich heiß diskutiert wird? So heiß, dass derjenige, der bloß den aggressiven Ton kritisiert, deshalb schon ins jeweils gegnerische Lager eingeordnet wird, zu den Hörigen oder den Superegoisten.

Freiheit muss permanent errungen werden. Vor ein paar Jahren hat die Wirtschaftskammer errechnet, dass in Österreich schon rund 110.000 staatliche Vorschriften gelten, Tendenz steigend. Es ist da schon in Ordnung, gegen Untertanenmentalität anzukämpfen und gegen die Idee, dass wir uns eine Regierung halten, um uns zu erziehen. Aber ist wirklich gerade die Maske die eine Maßnahme zu viel? Viele der heutigen Freiheitskämpfer hatten vor wenigen Monaten noch gar keine Bedenken, allen bei Strafe das Gegenteil vorzuschreiben, nämlich das unverhüllte Gesicht. Ich sage: wenn schon Kleidungszwang, dann wenigstens zur Bekämpfung einer Epidemie.

Freilich muss die Maske denselben Kriterien genügen wie jede andere Zwangsmaßnahme: Ist sie sachlich gerechtfertigt? Das gelindeste Mittel? Auf gesetzlicher Grundlage und vom Bürger auf dem Rechtsweg bekämpfbar? Hier ist die Maske nicht auffälliger als andere aktuelle Einschränkungen, wie das seit heuer geltende Verbot von Plastiksackerln oder die geplante obligatorische Belehrungsstunde für angehende Hundebesitzer in Niederösterreich.

Man kann die Notwendigkeit der Maskenpflicht bestreiten, und vielleicht ist sie ja tatsächlich ein Gängelungsinstrument. Aber es gibt auch genug gute Gründe, sie aus gerechter Regierungsverantwortung heraus zu verordnen und sie aus Einsicht und Rücksichtnahme zu befolgen. Es gibt zwar gerade in Zeiten nationalen Notstands einen Hang dazu, von der Obrigkeit als braver Mitmacher gelobt werden zu wollen und das Denunzieren der Nichtmitmacher als Inbegriff des Bravseins zu kultivieren. Das kann man aber nicht allen vorwerfen, die die Maske aus demselben Respekt vor dem Nächsten tragen, aus dem sie auch nicht nackt durch die Straßen ziehen. Genauso wie nicht alle, die sich aufgrund von epidemiologischem Dissens oder der Liebe zur Eigenverantwortung gegen die Maskenpflicht aussprechen, kalte Egoisten sind.

Mehr Sachlichkeit in der Debatte wäre also gut. Unsere Freiheit wird ja nicht nur durch die Herrschsucht von Politikern oder die Unterwürfigkeit der Massen gefährdet, sondern auch durch die Unduldsamkeit der Bürger untereinander.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

www.diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2020)