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Haselsteiner: "Nichts anderes als Bestechung"

Haselsteiner Nichts anderes Bestechung
Hans Peter Haselsteiner(c) Clemens Fabry
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Hans Peter Haselsteiner, Chef des Baukonzerns Strabag, über das schlechte Image seiner Branche, Alfred Gusenbauers Einsätze in Kasachstan und seine Vorliebe für den ehemaligen Bundeskanzler Josef Klaus.

Die Strabag hat 70.000 Mitarbeiter, 930 Beteiligungen und etwa 16.000 Baustellen. Haben Sie noch halbwegs den Überblick?

Hans Peter Haselsteiner: Ich hab einen komprimierten Überblick. Ich bekomme die Zahlen von der Basis, und bei Bedarf kann ich auf die einzelne Baustelle hinuntergehen – was ich sehr selten tue. Wenn es Auffälligkeiten gibt, schaue ich natürlich genauer hin.

Mit Auffälligkeiten meinen Sie Ausreißer nach unten?

Ja klar, wenn es gut läuft, muss ich ja nicht eingreifen. Das ist das Problem: Je höher die Managementposition, umso größer die Negativauslese. Aber dafür gibt es die hohen Gehälter.

 

Die Bauwirtschaft hat die Krise bisher nicht allzu sehr gespürt. Jetzt laufen die Konjunkturpakete in ganz Europa aus. Kommt das dicke Ende mit Verspätung?

Das stimmt nicht ganz. 2009 war insgesamt für die Branche ein Krisenjahr mit einem Rückgang von über zehn Prozent. Für uns war diese Abschwächung nicht erkennbar. Wir haben sogar um drei Prozent zugelegt – beim Umsatz und beim Ergebnis. Ich habe immer skeptisch auf das Jahr 2011 geblickt, aber aus heutiger Sicht wird die Delle nicht spürbar sein. Trotzdem sind wir vorsichtig. Es kann durchaus sein, dass die Sparprogramme irgendwelche Auswirkungen haben werden.

 

Sie haben gerade einen Auftrag in der Republica Srpska zum Bau von 400 Kilometer Autobahn zurückgelegt, weil die internationale Finanzierung nicht gesichert war. Die Begründung war, dass es keine Ausschreibung gegeben hat. Das klingt seltsam.

Wir haben freihändig den Zuschlag bekommen, und die europäischen Finanzinstitutionen finanzieren solche Projekte nicht. Das war uns von vornherein klar.

 

Wie bekommt man so einen Auftrag freihändig?

Indem wir eingeladen wurden. Wir waren zu zweit, die Alpine und wir. Der Bauherr hat sich für uns entschieden.

 

Die Strabag war schon einige Male im Visier der Justiz. In Polen wird gerade wegen des Verdachts der Kartellbildung ermittelt. Vor einigen Jahren gab es Bestechungsvorwürfe in Ostdeutschland. Auch beim Bau der Autobahn M5 in Ungarn soll nicht alles sauber gelaufen sein.

Anwürfe gibt es viele, substanziell ist wenig oder nichts. In Ostdeutschland wurde der Herr Ibler (ein Strabag-Manager, der wegen Bestechung vor Gericht stand und gegen die eigene Firma aussagte, Anm.) rechtskräftig verurteilt. Wir haben ihn daraufhin auch zivilrechtlich belangt. In Polen gehen wir davon aus, dass die Ermittlungen kein Ergebnis bringen werden. Und bei der M5 hat Hans-Peter Martin einfach während des Nationalratswahlkampfs eine Anzeige erstattet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt zwar nicht, hat die Anzeige aber noch immer nicht zurückgelegt. Der Ruf ist angepatzt, und das wollte man ja auch erreichen.

 

Hat die Bauwirtschaft ihr schlechtes Image zu Recht?

Nein, bei Ihnen in der Redaktion ist der Anteil der Mitarbeiter mit krimineller Energie gleich hoch wie bei uns. Die Strabag ist nur viel größer, und in manchen Ländern gibt es auch so etwas wie Revanche-Fouls. Wenn wir draufkommen, dass irgendein Mitarbeiter unseren Ethikkodex missachtet, hat er mit allen Konsequenzen zu rechnen.

 

Die Russland-Fantasie war ein wesentlicher Bestandteil des Börsegangs 2007. Im Vorjahr erwirtschaftete die Strabag dort nur zwei Prozent ihres gesamten Umsatzes. Was ist falsch gelaufen?

In erster Linie war das die Krise. Russland hat eine Vollbremsung hingelegt. Wir gehen aber davon aus, dass sich Russland als eines der ersten Länder wieder erholen wird. Das Land hat einen gewaltigen Baubedarf und die Mittel, diesen Bedarf auch zu bezahlen.

 

Die Rückkehr-Option von Oleg Deripaska läuft bis Oktober. Wird er als Strabag-Gesellschafter zurückkommen?

Er hat mir mehrfach versichert, dass er die Option einlösen wird.

 

Sie haben sich an einer privaten Bahngesellschaft beteiligt, die ab Ende 2011 die Strecke Wien–Salzburg bedienen wird. Wollen Sie den ÖBB zeigen, wie man es richtig macht?

Ich habe den ÖBB nichts zu beweisen. Das war eine klassische Marktanalyse, ganz banal, nicht spannend. Akzeptieren kann ich den Vorwurf der Rosinenpickerei. Natürlich ist die Strecke Wien–Salzburg die attraktivste. Aber die Liberalisierung im Bahnverkehr sieht nun einmal diese Möglichkeit vor. Ich hab schon öfter zugeschaut, beim Mobilfunk und bei der Post zum Beispiel, wie überwiegend deutsche Anbieter diese Rosinen gepickt haben. Deshalb hab ich gesagt: Diesmal picken wir. Das hab ich auch meinem Freund Horst Pöchhacker erklärt, als er sich bei mir beschwert hat.

 

Alfred Gusenbauer ist seit Kurzem Aufsichtsratschef der Strabag und Vorsitzender Ihrer Privatstiftung. Was erwarten Sie von ihm?

Alfred Gusenbauer ist ein versierter Mann, in vielerlei Hinsicht. Er hat mehr Wirtschaftsverständnis als allgemein bekannt. Für mich ist auch ausschlaggebend, dass er mir vieles abnehmen wird, auf das ich nicht mehr so erpicht bin. Wenn der Präsident von Kasachstan den Strabag-Chef sprechen will, musste ich bisher selbst hinfliegen. Jetzt kann ich den Doktor Gusenbauer hinschicken – also den Chef vom Chef – und werde dort große Begeisterung auslösen. So wird mir das Weiterarbeiten in den nächsten fünf Jahren sehr erleichtert. Sonst hätte ich mir vielleicht überlegt auszuscheiden.

 

Sie haben eine Privatstiftung, plädieren aber für die Abschaffung der Steuerprivilegien von Stiftungen. Wenn es nicht ums Geld geht, wozu haben Sie dann eine Stiftung?

Mir geht es in erster Linie um den Vermögenserhalt. Sonst ist bei einer Aufsplittung des Erbteils die Kernaktionärsrolle weg. Ich glaube, das ist für viele Stifter der entscheidende Punkt. Das Vermögen soll zusammengehalten werden. Auf jene Stifter, denen es nur um die Steuer geht, braucht man keine besondere Rücksicht zu nehmen.

 

Sie haben auch schon einen Spitzensteuersatz von 80 Prozent für sehr hohe Einkommen gefordert. Ist das Ihr Ernst oder eine Provokation?

Unvernünftige Einkommen rechtfertigen unvernünftige Steuersätze.

 

Ab welcher Höhe ist ein Einkommen unvernünftig?

Das kann jeder selbst definieren. Für mich ist das alles, was über einer Million Euro liegt. Wenn die 50. Million des Herrn Wiedeking (Porsche-Chef, Anm.) vielleicht sogar nur noch 50.000 Euro netto bringt – wer soll dagegen argumentieren können? Und was soll der Herr Wiedeking tun? Nach Amerika oder auf die Cayman Islands auswandern? Das ist doch alles Schwachsinn.

 

Angeblich muss man gute Manager vergolden, weil sie sonst abgeworben werden. Stimmt das bei der Strabag nicht?

Natürlich ist eine angemessene Entlohnung notwendig. Aber ich halte es für falsch, wenn einer drei, fünf, zehn Millionen oder noch mehr verdient. Viel von diesen Einkommen stammt ja aus Stock-Options. Und die sind meiner Meinung nach nichts anderes als Bestechung. Darüber kann ich mich so aufregen... Im Aktiengesetz steht, der Vorstand ist der Gesellschaft verpflichtet. Und die Gesellschaft besteht aus Aktionären, Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten. Jetzt gehen die Aktionäre her, bestechen den Vorstand, und die anderen schauen zu. Ist ja ein Wahnsinn.

 

Irgendeine Art von Erfolgsbeteiligung werden Sie bei der Strabag auch haben, oder?

Wir haben eine Gewinnbeteiligung an nachgewiesenen, geprüften Ergebnissen – künftig durchgerechnet über vier Jahre.

 

Sie waren von 1994 bis 1998 für das Liberale Forum im Nationalrat. Mit welchem Gefühl denken Sie an Ihre Zeit in der Politik? Sind Sie gescheitert?

Ich habe von der Politik weder Sozialprestige noch Einkommen erwartet. Daher bin ich auch nicht gescheitert. Allerdings bedaure ich, dass es uns nicht gelungen ist, das Liberale Forum am Leben zu erhalten. Das ist natürlich auch eine Niederlage, die ich mit vertreten muss.

 

Ist die Qualität der Politik in den vergangenen Jahrzehnten gesunken?

Im August wäre der ehemalige ÖVP-Bundeskanzler Josef Klaus hundert Jahre alt geworden. Seine Abwahl 1970 habe ich als Zäsur empfunden. Nicht, dass unter Kreisky schlechte Politik gemacht wurde, aber die Wirtschaftspolitik ist immer schlechter geworden. Mit immer mehr Schulden.

 

Josef Klaus gilt vielen eher als tragische Figur.

Ich habe ihn als den letzten Politiker in Erinnerung, der ohne Defizit regieren konnte. Er war ein seriöser, guter Mann. Natürlich hat die ÖVP in ihrem schrecklichen Konservativismus dem Land viel angetan. Ich war ein lediges Kind und kann mich noch erinnern, wie meine Mutter unter diesem Zustand gelitten hat. Kreisky hat das alles politisch ausgenützt, aber es war ihm auch ein persönliches Anliegen, diese Dinge zu ändern.

 

Was wählt man als enttäuschter Liberaler?

Fragen Sie mich was Leichteres. Wir werden sehen. Ich habe schon weiß gewählt oder gar nicht gewählt, das vorletzte Mal hab ich mich deklariert und die SPÖ gewählt. Ausschließen kann ich derzeit nur, dass ich Grün wähle.

 

Geht das nicht für einen Bau-Tycoon?

Das ist nicht das Problem. Ich kenne einfach die handelnden Personen und ihre Verbissenheit zu gut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)