Lange musste sich Haya Molcho mit Anrainerklagen und Auflagen herumschlagen, doch am Sonntag ist es so weit: Der Tel Aviv Beach startet in den Sommer. Um drei Monate verspätet.
L.I.B.“, buchstabiert Haya Molcho, „Life is beautiful“. Es ist noch immer ihr Lebensmotto, das sie auch als Namen für ihre Gastrogesellschaft gewählt hat, „Life is beautiful“ also, selbst nach den vergangenen, nervenaufreibenden Wochen. „L.I.B.“, buchstabiert ihr Sohn Elior, „das könnte doch auch ,Life is Bullshit‘ heißen.“ Könnte es. Haya Molcho muss lachen. Daran hat sie noch nicht gedacht. Für Molcho, die quirlige Betreiberin des „Neni“ am Naschmarkt, kommt nur die erste Version in Frage.
Denn Haya Molcho, deren weiße Kleidung ihren sommerlich-frischen Teint noch mehr erstrahlen lässt, ist einer jener Menschen, die nicht erst davon überzeugt werden müssen, dass das Leben schön ist. Diese Gewissheit hat ihr auch zuletzt geholfen, als ihr zweites Gastronomieprojekt, der „Tel Aviv Beach“ am Donaukanal, auf der Kippe stand. Doch wie es so ist im Leben der Haya Molcho, letztlich triumphiert „beautiful“ vor „Bullshit“: Heute, Sonntag, zu Mittag wird ihr Lokal, in dem ihre Söhne Nuriel und Elior tatkräftig mithelfen, eröffnet. Endlich, mit drei Monaten Verspätung.
Naive Optimisten? „Wir sind Optimisten“, sagt sie. Die 55-Jährige sitzt in einer der gemütlichen Kojen auf dem Tel Aviv Beach und sieht zu, wie Bauarbeiter den feinen Sand vor ihren Füßen verteilen. Sohn Elior, dunkle Sonnenbrillen, Wuschelkopf, hat neben ihr Platz genommen und fügt hinzu: „Manche halten uns deshalb für naiv.“ Naiv? Molcho sieht es so: Statt viel nachzudenken, sei ihre Stärke eben das Tun. „Leidenschaft ist das Leben.“
Leidenschaftlich – das waren auch die Auseinandersetzungen um die Strandbar, die 400 bis 500 Gästen Platz bietet. Molcho fing zu bauen an, bevor sie alle behördlichen Genehmigungen in der Tasche hatte. Dann waren da die Beschwerden einer Anrainerin, die Clubbingmusik bis spät in die Nacht fürchtete. „Dabei ist der Straßenlärm um vieles lauter“, sagt die Gastronomin und deutet nach oben in Richtung Donaulände, wo während der Grünphasen Autoschwärme vorbeijagen.
Streit geschlichtet. Letztendlich hat man sich geeinigt; Molcho hofft versöhnlich auf Gäste aus der Nachbarschaft. „Ich hoffe, sie kommen vorbei“, sagt sie. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt freilich: Am Tel Aviv Beach darf nur bis 22 Uhr Musik laufen, auch die Ausschank hat dann ein Ende. „Von allen am Donaukanal haben wir die strengsten Regeln bekommen“, klagt sie. „Das ist nicht fair.“ Und hofft, dass sich die Sache später „einpendelt“.
Zeit genug hätte sie: Denn Molcho hat einen Pachtvertrag über sechs Jahre unterschrieben. An den Verlust in diesem Sommer mag sie gar nicht denken: „Wir werden“, sagt sie entschieden, „mit Leidenschaft arbeiten.“ Und zwar in einer Strandbar, die sie diesmal nach ihren Bedürfnissen gestaltet hat.
Nachdem beim vorjährigen Pilotprojekt, einer Initiative der israelischen Botschaft zum 100. Gründungsjubiläum von Tel Aviv, Küche und Bar dem Ansturm der Gäste bei Weitem nicht gewachsen waren, hat Molcho nun in Sachen Planung vor allem eines getan: erweitert. Herzstück des Lokals ist eine 26 Meter lange Bar, rechts davon – „für die ältere Generation“ – eine 600 Quadratmeter große Terrasse unter dem Schatten von Lindenbäumen. „Eine tolle Atmosphäre“, schwärmt die Wirtin, die die zahlreiche Konkurrenz ringsum am Wasser nicht fürchtet: „Je mehr Lokale hier sind, desto besser für den Donaukanal.“
Linkerhand der Bar liegt der Strand– sandige Spielwiese für die jüngere Generation. Aus Holz gezimmerte Kojen, darüber Markisen (liebevoll bedruckt mit „2010 Tel Aviv Beach am Wiener Donaukanal“), sollen „Businessleuten und Liebespaaren“ (Molcho) Privatsphäre bieten. All das ohne Schnörkel, entfernt an den Bauhausstil ihrer Geburtsstadt Tel Aviv erinnernd, gehalten in viel Cremeweiß und ein wenig Dunkelblau, dessen vollständiger Name Pantone 662C ist, wie Künstlerin Eva Beresin weiß, die schon Haya Molchos „Neni“ gestaltete.
In der Küche werkt David Prommegger (27), der Molchos orientalisch-mediterrane Gerichte mit eigenen Ideen anreichert. Schnelle, leichte Bistroküche lautet die Devise, sogar Fisch und Steaks wird es geben. Die Karte soll „spontan“ bleiben, und durch Menüs will man das Mittagsgeschäft ankurbeln. Haya Molcho wäre nicht sie selbst, würde sie nicht schon Ideen für den Winter wälzen: „Richtig guten Punsch mit Ingwer, Kardamom und frischen Früchten“ möchte sie brauen und Eintöpfe kochen. Doch zunächst möchte sie noch den Restsommer auskosten. „Es soll ein richtig schöner August werden“, sagt sie, die unverbesserliche Optimistin.
Die 55-jährige Haya Molcho wurde im israelischen Tel Aviv geboren. 1978 heiratete sie Samy Molcho, mit dem sie vier Söhne hat: Nadiv, Elior, Nuriel und Ilan.
Als Wirtin war Molcho zunächst am „Tewa“ beteiligt. 2009 eröffnete sich das „Neni“ (benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen ihrer Söhne) – das erste zweistöckige Lokal am Naschmarkt. Für den Tel Aviv Beach, den sie bereits im vergangenen Jahr erstmals betrieb, hat sie nunmehr einen Pachtvertrag über sechs Jahre. Infos: www.tlvbeach.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)