Erst hat man sich in diesem Sommer blöd um erste Tablet-Computer oder internetfähige Mobiltelefone angestellt. Was aber macht man jetzt damit? Wie wäre es mit Lernen?
Der Urlaub ist für mich die Zeit, meine Bücherregale nicht nur hingebungsvoll, sondern auch entschlossen zu durchforsten. Hatte ich mir nicht bereits im Vorjahr vorgenommen, jene Klassiker und Krimis endgültig auszusortieren, die inzwischen auch auf meinem E-Reader gespeichert sind? Das ist mir auch diesmal gar nicht gelungen, aber in einem Punkt war ich brutal erfolgreich. Die Sprachkassetten, die seit Jahrzehnten in der zweiten Reihe herumliegen, sind weg. Sogar ein Kauderwelsch-Band Russisch fand sich, dabei beherrsche ich nicht einmal die kyrillische Schrift.
Der Urlaub ist für mich auch die Zeit, ernsthaft Sprachen zu lernen, nicht nur Speisekartenkompetenz in Französisch oder Italienisch aufzufrischen. Deshalb habe ich jetzt auch die passenden USB-Sticks dabei, um zwischen zwei Texten für die Zeitung ein wenig mit den spanischen Verbformen zu spielen. Das ist, ehrlich gesagt, recht fad, doch immerhin glaubte ich mich technologisch zu den fortschrittlichen Schülern rechnen zu können.
Jetzt aber lese ich per Internet in der „New York Times“, dass es auch reizende Formen gibt, um Mandarin, Hindi oder gar Luxemburgisch kennenzulernen. Das Netz ist inzwischen eine große Sprachschule geworden, und mir, einem Englischlehrer außer Dienst, ist das bisher entgangen.
Konversation mit aller Welt. Sechs Millionen Menschen treffen sich zum Beispiel auf der Homepage von livemocha.com, einer Firma, die in Seattle angesiedelt ist und einen Umsatz von 14Millionen US-Dollar hat. 38Sprachen kann man dort erwerben, und zwar vor allem auch durch Konversation. Manche Einheiten kosten etwas, vieles nichts. Die charmanteste Variante aber ist der Austausch. Wer bereit ist, zum Beispiel deutsche Aufsätze über E-Mail zu verbessern oder per Skype zu plaudern, kriegt im Gegenzug seine englischen Sprechversuche oder seine Briefe auf Uigurisch gratis ausgebessert. Diese Möglichkeiten haben meine Skepsis gegenüber Facebook erheblich relativiert. Und auch der iPod meines Sohnes scheint jetzt einem vernünftigen Zweck zu dienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)