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Interview: "Jugend ist kulturelles Leitbild geworden"

Erwachsensein sei nicht mehr das Ziel, sagt Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung.

Wie trennscharf ist der Generationsbegriff heute noch?

Unglaublich untrennscharf. Früher war die Situation einfach, Kindheit und Jugend waren Übergangsphasen. Ziel war das Erwachsensein, Kinder und Jugendliche waren die, die es schon noch lernen würden. Heute steht die Jugend im Zentrum des Interesses. Vom physischen Standpunkt orientiert man sich an Jugendlichen – Erwachsene wie auch Kinder. Selbst Elfjährige wollen nicht mehr als Kinder angesprochen werden, auch wenn sie zum Teil noch kindliche Interessen haben. Jugend ist zum kulturellen Leitbild geworden.

Seit wann ist dieser Trend zu beobachten?

Das hat sich in den letzten zehn, 20Jahren immer mehr verstärkt. Es gibt jetzt Statistiken, dass drei Viertel der über 25-Jährigen sagen, dass sie in ihrer Selbstdefinition noch Jugendliche sind.

Wenn es schon so schwer zu trennen ist – wie genau definiert ein Jugendkulturforscher die Phase der Jugend?

Wenn wir Umfragen oder Studien machen, nehmen wir das Alter von elf bis 18 Jahre. Aber das ist de facto nur eine willkürliche Einteilung.

 

Woher kommt diese Auflösung der Generationen?

Jugend stand schon immer für Belastbarkeit, Flexibilität – und für Orientierung. Nur hat man irgendwann einmal gesagt, dass dieser Prozess abgeschlossen sei. Das funktioniert heute nicht mehr. Heute steht jeder unter einem Veränderungszwang. Lebenslanges Lernen ist zu einem Zwang geworden. Deshalb steht das Jugendliche so im Zentrum, weil es genau diese Belastbarkeit und Flexibilität symbolisiert.

Und diese Jugendlichkeit beweist man, indem man als 30-Jähriger Hello-Kitty-Shirts trägt?

Hello Kitty ist ein gutes Beispiel. Gerade bei der Kleidung kann man sehen, wie sehr sich Erwachsene immer mehr wie Jugendliche kleiden. Genauso trinken Erwachsene Red Bull, nutzen Smartphones – alles Dinge, die eigentlich für ein jugendliches Zielpublikum gedacht sind. Man sieht das Phänomen aber auch an der gesellschaftlichen Entwicklung, dass immer mehr Menschen erst spät aus dem Elternhaus ausziehen. eko

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)