Umworbene Türkei: Aufbruch am Bosporus

Umworbene Tuerkei Aufbruch Bosporus
Türkische Flagge(c) AP (Bilal Hussein)

Boomende Wirtschaft, Aufstieg zur regionalen Führungsmacht und die Freisetzung kreativer Energie in der urbanen Mittelschicht machen das Land zum umworbenen Partner. Auch für Europa.

Von einem Dachgartencafé zum nächsten in Beyoğlu. Im Stau mit suizidalen Taxifahrern auf einer der beiden Bosporusbrücken. Turkpop im Ohr, unterbrochen vom Muezzin, der zum Gebet ruft und doch dem sündigen Treiben auf den Straßen nicht Einhalt gebieten kann. Das ist Istanbul, von Karaköy bis Kadaköy, vom Nobelvorort Bebek bis zu den Armenvierteln von Gaziosmanpaşa.

Aufbruchsstimmung am Bosporus. Und nicht nur dort: in Anatolien, an der Schwarzmeerküste und am Marmarameer – es geht bergauf.

In Zeiten, da die Länder der europäischen Union krisenbedingt schwächeln, kann die Türkei heuer auf über sechs Prozent Wirtschaftswachstum hoffen. Das ist wohl auch der Grund, warum allein in der vergangenen Woche der britische Premier David Cameron, der deutsche Außenminister Guido Westerwelle und dessen französischer Kollege Bernard Kouchner in der Türkei auftauchten. Der wirtschaftliche Elan stärkt das Selbstvertrauen. „Der Binnenmarkt läuft exzellent, die Exporte in den Irak – 5,8 Milliarden Dollar –, in den Iran – zehn Milliarden–, nach Aserbaidschan oder nach Saudiarabien sind angestiegen“, sagt Marco Garcia, der österreichische Handelsdelegierte für Istanbul und die Marmararegion. Die Türkei war zwar auch von der Weltwirtschaftskrise betroffen, aber sie währte nur kurz. Man hatte die Lehren aus der eigenen schweren Bankenkrise von 2001 gezogen. Die türkischen Banken beschränkten sich auf das gute alte, risikoarme Einlagen- und Kreditvergabespiel und kamen ohne Blessuren aus der Krise.

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Hoffnung für das ergrauende Europa. Daher leben türkische Banker in diesen Tagen relativ unbeschwert. Cevdet Akçay, der unkonventionelle Chefökonom des Bankkonzerns YapıKredi, an der auch die Bank-Austria-Mutter Unicredit beteiligt ist, hat sein Büro in einem der oberen Stockwerke eines wesenlosen Glasturms im Istanbuler Finanzviertel Levent. Wer einen Krawattenträger im feinen Garn erwartet hat, wird enttäuscht. Akçay trägt Hemd und Pulli. Er ist überzeugt von der Erfolgsgeschichte der Türkei. Die Demografie allein wäre schon ein gutes Argument für die Türkei, meint er: Mehr als die Hälfte der 72 Millionen Türken sei jünger als 30 Jahre – ein Hoffnungsschimmer für das ergrauende Europa. „Die Türkei ist ein attraktiverer Wirtschaftsstandort als die EU-Mitglieder Bulgarien, Rumänien oder Ungarn“, sagt er. Durch die steigende wirtschaftliche Stärke wachse auch der politische Einfluss der Türkei, was sich dann wiederum positiv auf die Wirtschaftsentwicklung auswirkte.

Die Regierung versucht, diesen Prozess zu beschleunigen; die Türkei präsentiert sich als regionale Führungsmacht. Außenminister Ahmet Davutoğlu hat die Maxime „Null Probleme mit den Nachbarn“ ausgegeben. Seit Erdoğan die unbedingte Loyalität zu Israel aufgegeben hat, ist er und nicht mehr länger der erratische iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad Liebling der arabischen Straße. Im Jänner 2009 ist Erdoğan beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Streit um Gaza mit dem israelischen Präsidenten Schimon Peres einfach aufgesprungen und gegangen. Nach dem Tod von neun türkischen Staatsbürgern bei der Erstürmung eines mit humanitärer Hilfe für Gaza beladenen türkischen Schiffes vor zwei Monaten hat Istanbul gedroht, die diplomatischen Beziehungen zu Jerusalem abzubrechen.

Die Türkei verfügt neuerdings aber auch über eine nicht unbedeutende „Soft-Power“ in der arabischen Welt, die sich aus den Satellitenschüsseln speist. Istanbul wird von Touristen aus den Golf-Staaten regelrecht überschwemmt, die an die Handlungsschauplätze von türkischen Soap-Operas strömen, die in Kuwait, Katar, Saudiarabien und den Emiraten höchst erfolgreich laufen.

Null Probleme mit Nachbarn. Aber auch bei den weniger „soften“ Beziehungen haben die türkischen Diplomaten ihre Hausaufgaben gemacht: Die Türkei hat ihre Beziehungen zu Syrien, gegen das es vor zehn Jahren beinahe in den Krieg gezogen wäre, dramatisch verbessert, die Visapflicht für Griechen aufgehoben und sogar versucht, sich mit dem Erzfeind Armenien zu versöhnen. Hardliner auf beiden Seiten haben Davutoğlu aber vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Auch die Aussöhnung mit den Kurden ist an einem kritischen Punkt angelangt: Die radikale Kurdenorganisation PKK liegt im Todeskampf und schlägt in ihrer Agonie wild um sich. 59 türkische Soldaten starben in den vergangenen sechs Monaten in Hinterhalten, bei PKK-Bombenanschlägen wurden in Istanbul Ende Juni sechs Menschen getötet. Die Drohung der militanten Kurden, den Terror in die Touristengebiete zu tragen, hat die Regionen Bodrum und Antalya in Panik versetzt.

Die 41-jährige Ceyda Karan, Kolumnistin und Außenpolitik-Redakteurin der kritischen Zeitung „Radikal“, ist keine Freundin der regierenden AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi) von Premierminister Recep Tayyip Erdoğan. Die Doğan-Medienholding, in dessen Portfolio sich auch „Radikal“ befindet, ist sogar in offener Feindschaft zu Premier Erdoğan. Aber die quirlig-eloquente Blondine muss zugeben, dass sie mit der außenpolitischen Strategie der AKP höchst einverstanden ist: „Eine Türkei, die mit allen Nachbarn verfeindet ist, das ist doch auf die Dauer untragbar.“ Und auch wenn Davutoğlu in einigen Punkten zumindest im Moment nicht vorwärtszukommen scheint: „Der Geist ist aus der Flasche.“ Nie wieder würden die Beziehungen zu Griechenland oder zu Armenien auf das Niveau der schlechten alten Zeit zurückfallen.

Wenn man die Journalistin nach dem Einfluss der AKP fragt, dann ist rasch von ihrer eigenen Verwirrung die Rede. Der Chefökonom des YapıKredi, Cevdet Akçay, hatte zuvor etwas Ähnliches gesagt: Links sei in der Türkei rechts, islamische Konservative seien oft moderner als die vermeintlich Progressiven.
Und auch der österreichische Türkei-Experte Gerald Knaus von der European Stability Initiative, der eben erst von einem Fellowship an der Harvard-Universität nach Istanbul zurückgekehrt ist, konzediert, dass die Schreckensszenarien der AKP-kritischen Kassandrarufer nicht eingetreten seien.

Die städtischen Eliten, die sich den Ideen des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk verpflichtet fühlen, hätten sich in Angstlust ergeben und den Teufel an die Wand gemalt: „Istanbul wird Teheran.“ Die Kemalisten hätten davor gewarnt, dass Erdoğan die laizistische Feuermauer des säkularen Staates niederreißen würde. Der Einfluss des Islam auf die Angelegenheiten des Staates würde steigen, das Erbe Atatürks wäre verraten.

Was hingegen passiert ist, sei ein Normalisierungsprozess gewesen, sagt „Radikal“-Journalistin Ceyda Karan. Am Ende der Entwicklung könnte eine Türkei stehen, in der das bisher alles beherrschende Militär keinen Einfluss mehr hat und die „alte Garde“ – so nennt sie die einflussreichen Kemalisten – nicht mehr länger die Strippen im Land ziehen.

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Kreative Explosion. Überall sind die Zeichen der Modernisierung, der Dynamik, der an allen Ecken und Enden zu sprießenden Kreativität zu sehen. Mitten im Zentrum von Istanbul, in Beyoğlu, ist das Designstudio „Autoban“. Die 34-jährige Seyhan Özdemir ist ein Teil des aus ihr und Sefer Çağlar bestehenden Design-Duos. Die beiden haben vor sieben Jahre ihre Firma „Autoban“ gegründet, designen Wohnobjekte oder ganze Innenarchitektur-Projekte. Zuletzt haben sie die Innenausstattung des Designerhotels „The House Hotel“ im Nobelviertel Nişantaşi fertiggestellt. Sie legten auch Hand an Attila Dogudans Istanbuler Büro an, wo der austrotürkische Airline-Caterer auch ein Ausbildungszentrum für sein Personal betreibt. Ihre Arbeit führte Seyhan Özdemir zuletzt nach Hongkong, Madrid und St.Petersburg, überall dort arbeiten sie an verschiedenen Projekten. „Vielleicht ergibt sich ja bald eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Dogudan in Wien“, meint die 34-Jährige kryptisch.

Die kreative Explosion begann in Istanbul vor weniger als zehn Jahren, erzählt Özdemir. „Bis 2002 waren wir mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Kurdenkonflikt. Wirtschaft.“ Dann sei langsam die Öffnung gekommen. „Die Einstellung von uns Türken hat sich seither geändert. Uns hat zwar auch die Krise erwischt, doch nach drei Monaten war der Spuk vorbei, los, weiter, keine Zeit für Krise.“ Das gilt auch für Özdemir, sie hat unzählige Ideen, als Nächstes will sie Teppiche mit modernen Mustern entwerfen.

Schleppende Bildungsreform. James Hakan Dedeoğlu gehört zur nachdrängenden jungen Generation. Gemeinsam mit seiner Frau Aylin Güngör hat er das Lifestyle-Magazin „Bant“ ins Leben gerufen. Er sitzt auf der Terrasse des Alternativ-Musikklubs „Peyote“, in dem er als Gitarrist dann später ein Konzert spielen wird. „Wir sind in den vergangenen zehn Jahren näher an Europa, näher an die Welt herangerückt, wir haben Selbstvertrauen gewonnen. Außerdem glaube ich, dass der Westen neugierig ist, was hier passiert.“ Die nächste Generation, jene der 22-, 23-Jährigen, werde jedenfalls eine boomende Generation sein, „wir 30-Jährigen haben noch zu viele Selbstzweifel“.


Problem Jugendarbeitslosigkeit.
Die schleppende Reform des Bildungssystems und die mangelnden Investitionen in Forschung und Entwicklung könnten dem freilich einen Strich durch die Rechnung machen: 40 Prozent aller türkischen Jugendlichen (rund fünf Millionen Menschen zwischen 15 und 24) haben weder einen Job, noch sind sie in Ausbildung, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent und ist somit doppelt so hoch wie die durchschnittliche Arbeitslosenrate quer durch alle Altersschichten.

Nun versucht die Regierung gegenzusteuern. Forschungsparks mit steuerlichen Anreizen sollen ausländische Investoren anlocken, die in der Türkei Forschung betreiben. Der österreichische Antriebstechnik-Hightech-Betrieb AVL-List ist eines der Unternehmen, die sich ins Land locken ließen und ein Forschungsbüro im Hightech-Park TÜBİTAK in Gebze, 65 Kilometer südöstlich von Istanbul, eröffneten. Umut Genç, Direktor von AVL-List Türkei, konstatiert, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis eine Kultur der Innovation in der Türkei Fuß fasst. „Aber es gibt jetzt das unbedingte Bemühen, das Land auf ein neues Level zu bringen.“

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