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Die Unterwelt ist für Claudio Magris ein Altersheim

Unterwelt fuer Claudio Magris
Magris(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Der italienische Dichter mit Schauspielstar Senta Berger im Gespräch über einen modernen Mythos von Orpheus und Eurydike.

Am Wochenende waren Orpheus und Eurydike in Salzburg zu Gast – erst bei Glucks Oper im Festspielhaus (der Sängerdichter bekam konträr zum Mythos die Gattin aus der Unterwelt mit Amors Hilfe doch noch lebend zurück), dann in einer zeitgenössischen Version des Schriftstellers Claudio Magris im Landestheater: Senta Berger las den Monolog „Verstehen Sie mich bitte recht“ (Hanser Verlag, 2009), und in diesem Text bleibt die treue Gattin konsequent im Schattenreich, das wie ein amorpher, düsterer Ort wirkt und von einem mysteriösen, nicht greifbaren Chef geleitet wird.

Mit einem entschiedenen „Nein“ beginnt Eurydike den ersten Satz, ihre Geschichte endet aber relativierend mit „...jedoch...“ Was bedeutet diese Klammer? Magris beantwortet die Frage der „Presse“ bei einem Gespräch vor der Lesung so: „Sie spricht zu einem Präsidenten (unter dem man sich Gott vorstellen kann), dem will sie ihr Nein erklären, ihre Entscheidung, warum sie geblieben ist. Natürlich sind wir für das Ja. Aber jedes Ja muss durch das Nein gehen. Das Nein ist mir sehr sympathisch. Es ist eine Schwelle, über die wir müssen. Der Mann ist am Schluss müde und traurig.“

Senta Berger ergänzt diesen Gedanken positiv, schöpft Hoffnung für Witwer Orpheus: „Er ist noch fähig zur Heiterkeit, vielleicht sogar zum Glücklichsein. Dieses Jedoch, dieses Aufopfern finde ich sehr berührend.“ Eurydike sei eine sehr tüchtige Frau. „Sie hält sein Leben zusammen. Als ich diesen Text gelesen habe, habe ich mich schon gefragt: Wie ist es bei Magris zuhause?“

Dessen moderne Eurydike ist zugleich auch eine Intellektuelle, die sich Gedanken über den Prozess des Schreibens macht, die ihrem Orpheus den Schwulst und das Überflüssige rausstreicht, damit die reine Dichtung bleibe. Hat auch Senta Berger beim Schreiben ihrer Biografie eine Muse gehabt? Oder war diese strahlende Schauspielerin sogar eine Muse für andere? Die schönste aller Salzburger Buhlschaften lächelt: „Meine Muse war sicherlich ich selber, die kleine Senta. Für sie habe ich mit Zärtlichkeit geschrieben, ungestört, über das Vorstadtmädchen, das ich war.“ Und wenn sie tatsächlich auch eine Muse sei, dann für ihren Gatten: „Zu Michael Verhoevens Werk habe ich sicherlich auch etwas beigetragen. Eine Künstlerehe bedeutet wechselseitige Beeinflussung und Befruchtung.“

Magris, der scharfsinnige Analytiker, der 1963 mit seiner Dissertation „Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur“ als 24-Jähriger berühmt wurde, der renommierte Dichter, der im Vorjahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels gewonnen hat, lässt auch kurz durchblicken, wie unverhofft eine Muse erscheinen kann. Seine Eurydike spricht aus einem Heim: „Ich habe mich einmal um eine sehr alte Frau in einem Altersheim im Zentrum von Triest gekümmert. Wenn ich über die Schwelle dieses Hauses ging, war ich in einer anderen Welt.“ Und er verrät auch ein wenig von der Einsamkeit des Schriftstellers, indem er Czeslaw Milosz zitiert: „Die Dichter haben ein kaltes Herz.“ Das klingt wie ein Verrat an Orpheus, erklärt aber auch die Handlungsweise von dessen Gattin im Schattenreich.

Jedoch... das Tröstende? Dichtung ist für Magris auch das Lesen von Raum und Zeit, da fühlt er sich dem Historiker Karl Schlögel verwandt, mit dem er am Mittwoch im Landestheater (4. August, 19.30 Uhr) über „Das Weltreich der Melancholie“ spricht. Schlögel sei großartig im Lesen der Landschaft. Er, Magris, „verstehe Reisen und Schreiben auch als einen Kampf gegen das Vergessen. „Das ist wie bei den Jahresringen der Bäume. Die Ereignisse sind immer da. Für uns ist Shakespeare da!“ Und so sollte das eben auch mit Amors Hilfe bei Eurydike sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2010)