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Formel 1

Hochschaubahn statt Pension

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Nico Hülkenberg hilft in Silverstone erneut bei Racing Point aus. Das Comeback hat der Deutsche ordentlich gespürt, das Auto inzwischen besser kennengelernt.

Silverstone/Wien. An diesem Wochenende feiert die Formel 1 sich ein bisschen selbst. Schließlich sind seit dem ersten Grand Prix in Silverstone 70 Jahre vergangen. Anlass genug, die aktuelle Fahrergeneration vor dem fünften Saisonrennen (Qualifying heute, 15Uhr, Rennen Sonntag, 15.10 Uhr, live, ORF1, RTL, Sky) nach ihren frühesten Erinnerungen an die Motorsport-Königsklasse zu befragen. Ferrari-Pilot Sebastian Vettel erinnerte sich daran zurück, wie er als Bub gemeinsam mit seinem Vater die Rennen noch im Fernsehen anschaute. „Das ist ein großer Teil meines Lebens“, erklärte der Deutsche, noch weiter ging Renault-Kollege Esteban Ocon: „Die Formel 1 ist mein ganzes Leben. Sie ist wie eine Droge.“

Racing-Point-Aushilfe Nico Hülkenberg, der am Sonntag zum zweiten Mal den positiv auf Corona getesteten Sergio Pérez vertreten wird, erklärte: „Seitdem ich sieben war und die Formel 1 entdeckte, war sie immer mein Traum.“ In Silverstone bekommt der Deutsche eine neue Chance, sich wieder für ein Vollzeitcockpit zu bewerben. In der Vorwoche hatte ein technischer Defekt seinen Renneinsatz zunichtegemacht. „Ich habe eine Menge in der vergangenen Woche über den RP20 gelernt und bin bereit, meine Erfahrungen an diesem Wochenende einzusetzen“, kündigte der 32-Jährige an.

 

Fitness, die nicht von Gewichten lebt

Hülkenberg hält den unrühmlichen Rekord von 177 Rennen ohne Podestplatz, sein Blitzcomeback in der Vorwoche in einem ihm unbekannten Auto brachte ihm aber Respekt ein. „Ein ganz neues Lenkrad kennenzulernen, die ganz neue Balance eines Autos kennenzulernen und wie es sich zu neuen Reifen, Wind und unterschiedlichen Streckenbedingungen verhält, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung“, meinte McLaren-Fahrer Carlos Sainz.

Auch körperlich hinterließ der Einsatz Spuren, schließlich wechselte der Deutsche quasi vom Heimtraining auf die Rennstrecke. „Das Rennfahren mit den G-Kräften, das ist die Fahrfitness, und die kriegst du einfach nur beim Fahren. Da kann man Gewichte stemmen, wie man will“, erzählte er und verwies auf die Belastung auf dem Traditionskurs in England. „Ich weiß nicht wie oft, aber hier sind Querbeschleunigungen von über 5G ein paar Mal pro Runde. Das ist schon richtig Kasalla auf den Nacken.“ Zur Veranschaulichung: In Hochschaubahnen werden kurzfristig bis zu 6G erreicht.

Hülkenberg, der von 2012 bis 2019 für Force India, Sauber und Renault in der Königsklasse gefahren ist, hat die Hoffnung auf ein Comeback für 2021 noch nicht aufgegeben. Der Emmericher weiß aus jahrelanger Erfahrung, wie man das Scheinwerferlicht auf sich zieht. Die Gespräche liefen, mit etwas Konkretem sei allerdings erst in einigen Wochen zu rechnen.

 

Harte Strafe für Racing Point

Inmitten der Fahrerthematik ereilte Racing Point im Streit um angeblich illegale Kopien von Bauteilen eine harte Strafe durch die FIA-Rennkommissare: 15 Punkte Abzug in der Konstrukteur-WM und 400.000 Euro Geldbuße. Renault hatte Protest gegen die Bremsbelüftungen der rosa Boliden eingelegt, denn diese sollen illegal vom Mercedes der Saison 2019 kopiert sein. „Das Gute ist, dass das Auto technisch gesehen komplett legal ist, also können wir weiter mit dieser Bremskühlung fahren, es ist nur eine Frage des Prozesses in den Sportlichen Regeln. Dort steht nichts Konkretes drin, das uns das verbietet, was wir getan haben“, lautete der erste Kommentar von Teamchef Otmar Szafnauer gegenüber „Sky“. „Andere Teams haben genau das Gleiche gemacht, sind vielleicht sogar etwas weiter gegangen als wir. Etwas eigenartig.“ (swi)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2020)