Schnellauswahl
Bildung

Was der Bauer nicht kennt, lässt sich lernen

Agrarstudien. Die Pandemie hat das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel und deren Produzenten gestärkt. Technologien spielen eine immer größere Rolle, und das nötige Wissen dazu gibt es in diversen Lehrgängen.

Der Anspruch an die Art und Weise, wie Lebensmittel hergestellt werden, wird immer höher. Die Gesellschaft achtet zunehmend auf gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel sowie verstärkt auch beispielsweise auf die Haltungsformen der Tiere“, sagt Thomas Haase, Rektor der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik. Andererseits sei es aufgrund der steigenden Weltbevölkerung erforderlich, mehr an Lebensmitteln zur Verfügung zu stellen. „Um diese Widersprüche erfüllen zu können, ist eine hohe fachliche Kompetenz in der Führung landwirtschaftlicher Betriebe erforderlich.“

 

Berufe im Umfeld

Er beobachtet, dass es immer mehr Menschen gibt, die nicht unmittelbar aus der Landwirtschaft stammen, aber gern in diesem Berufsfeld tätig sein möchten. Für sie bietet die Hochschule einige Studien an. Das Bachelorstudium „Agrarbildung und Beratung“ richtet sich an Interessierte, die eine Lehr- und Beratungsqualifikation im Agrarbereich erwerben wollen. Typische Tätigkeitsfelder sind solche als Lehrende im Bereich der schulischen Bildung, Erwachsenenbildner sowie im Agrar-, Ernährungs- und Haushaltsmanagement. Der Masterlehrgang „Unternehmensführung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft“ wiederum ist für jene geeignet, die eine Leitungsfunktion innehaben oder in Zukunft übernehmen wollen sowie für Personen, die ein Unternehmen gründen oder sich im Bereich General Management weiterbilden möchten. Im Masterstudiengang „Green Care“ lernen Studierende pädagogische, beratende und therapeutische Interventionen mit Tieren und Pflanzen zu planen und durchzuführen. „Im Rahmen dieses Studiums gibt es viel Potenzial, die gesundheitsfördernde Wirkung von Natur zu entdecken“, erläutert Haase.

Auch eine aktuelle Boku-Studie zu Motiven für den Kauf heimischer Lebensmittel und zur Bedeutung der Landwirtschaft in Österreich hat ergeben, dass die Gesellschaft zunehmend Wert auf nachhaltig erzeugte Lebensmittel legt. Regionalität liegt beim Kauf von Lebensmitteln im Trend. „Heimische Lebensmittel werden als nachhaltiger, strenger kontrolliert und aktuell auch als krisensicherer wahrgenommen“, sagt Studienautorin Petra Riefler, Leiterin des Instituts für Marketing und Innovation an der Universität für Bodenkultur. Für 86 Prozent der Befragten ist das Fortbestehen landwirtschaftlicher Betriebe in Österreich dadurch wichtiger geworden.

An der Boku gibt es mehrere Möglichkeiten, sich dem Thema Landwirtschaft zu nähern. Das Bachelorstudium „Agrarwissenschaften“ vermittelt Kenntnisse und Fähigkeiten entlang der landwirtschaftlichen Produktionskette. Innerhalb des Studiums kann man Schwerpunkte setzen, die von pflanzlicher und tierischer Produktion über Agrarbiologie bis hin zur ökologischen Landwirtschaft reichen. Anschließend besteht die Möglichkeit, sich in Masterstudien tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen. „Agrar- und Ernährungswirtschaft“ vermittelt Wissen für Tätigkeiten in den Bereichen der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln. Das englischsprachige Masterstudium „Organic Agricultural Systems and Agroecology“ umfasst und verknüpft ethische, ökologische, ökonomische, politische, kulturelle, geografische sowie produktionstechnische Charakteristika nachhaltiger Landnutzungsformen. Eine weitere Möglichkeit: das Masterstudium „Sustainability in Agriculture, Food Production and Food Technology in the Danube Region“, ebenfalls auf Englisch.

„Früher erfolgte die Bewirtschaftung von Ackerflächen und die Viehhaltung traditionsbehafteten Mustern. Heute unterliegen Landwirte einem enormen Kostendruck und einer Fülle von Dokumentationspflichten“, beschreibt Jürgen Karner, Leiter des Bachelor-Studiengangs Agrartechnologie an der FH Wiener Neustadt den Wandel in der Landwirtschaft. Viele Innovationen der modernen Landbewirtschaftung und Tierhaltung basierten auf Sensortechnologien und Satelliten-Services. „Beispielsweise fahren moderne Landmaschinen mittels hochpräzisem GPS automatisiert über die Felder. Dadurch kommt es zu weniger Überlappungen bei der Ausbringung von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln“, erläutert Karner. Moderne Technik sei die Basis für sauberes Grundwasser, gesunde Pflanzen und Tiere sowie effiziente Bewirtschaftung. Innerhalb der Bereiche Landwirtschaft, Technik (Informatik, Mechatronik, Landtechnik), Social Skills und Management werden Absolventen derart ausgebildet, dass sie an der Schlüsselstelle zwischen Agrar und Technik agieren und somit die Sprache beider Welten sprechen können. Und sie sind auch in der Lage, eine ökonomische Bewertung neuer Agrartechnologien vorzunehmen.

 

Innovative Denkansätze

An der Fachhochschule Oberösterreich wurde 2018 als Reaktion auf die sich verändernde Landwirtschaft der Studiengang „Agrartechnologie und -management“ initiiert. „Gerade in Zeiten, in denen innovative Denkansätze zum Thema Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimawandel gefordert sind und diese mit den großartigen Fortschritten in den Bereichen Technik, Digitalisierung und Automatisierung in Übereinstimmung erarbeitet werden müssen, braucht Österreich Absolventen, die sich in beiden Bereichen gleichermaßen auskennen“, sagt Studiengangsleiterin Claudia Probst. Ziel sei es, nicht den heutigen Trends hinterherzujagen, sondern Ideen zu entwickeln, „wie wir die Landwirtschaft zukunftsweisend, durch den gezielten Einsatz von Technik und ökonomischen Prinzipien, mitgestalten können“. Ein Studium sollte jedem Interessierten offenstehen, egal welche Vorbildung er oder sie mitbringt. Denn „die Landwirtschaft ist großartig!“ betont Probst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2020)