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Glaubensfrage

Der Vatikan macht ratlos

Er versteinert die Rolle des Pfarrers und verbietet Leitungsteams. Ist Rom rastlos? Oder ist selbst Rom ratlos.

Ich bekenne allen Leserinnen und Lesern: Zunächst hat sie sich an meiner Aufmerksamkeit vorbeigeschwindelt, die kurz im Urlaub auf anderes fokussiert war. Eine Instruktion des Vatikans! Vom Papst persönlich approbiert! Was für eine Schande! „Schande“ haben auch viele Kritiker besonders aus dem Land Martin Luthers geschrien.

Ohne erkennbare Not und ohne Einbeziehung der Ortskirchen hat es die Kleruskongregation unter Beniamino Stella (den Papst Franziskus ernannt und zum Kardinal gemacht hat) für nötig befunden, an die Regeln des unter Johannes Paul II. formulierten Kirchengesetzbuchs (schon 37 Jahre her) zu erinnern: was Aufgabe und Rolle der Pfarren und deren Leitung sein soll, und was eben nicht.

Unter dem harmlosen Titel „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ wird die exklusive Rolle des Pfarrers betont, der nur ein geweihter Priester sein kann. So weit, so unspektakulär. Das Hervorheben der Bedeutung der Mitarbeit von Laien wird in anderen Weltgegenden bejubelt, in (West-)Europa ist sie gelebte, unverzichtbare Praxis. Jetzt aber kommt es: Das Verbot, in Pfarren von Leitungsteams zu sprechen, trifft gerade Österreich und Deutschland genauso wie die Feststellung, dass auch in Vermögensfragen Laien nur beratende Funktion haben. Oder haben sollten. Denn Pfarrgemeinderatsordnungen sehen anderes vor. Selbst in der vom alles andere als ungestümen Kardinal Christoph Schönborn geleiteten Erzdiözese Wien sind ausdrücklich Pfarr-Leitungsteams vorgesehen. Wird das jetzt alles zurückgenommen? So wortgewaltig sich deutsche Bischöfe gemeldet haben, so deutlich ist das Schweigen in Österreich. Lediglich der Grazer Bischof Wilhelm Krautwaschl meinte, sein Reformprozess „entspricht weitgehend“ der aktuellen Instruktion. Die Anleitung biete ein klares Gerüst und „lässt Interpretationsspielraum für regionale Ausformungen zu, um das pastorale Leben moderner zu machen“. So jedenfalls sieht das Bischof Krautwaschl. Very sophisticated, indeed.

Vielleicht wird ja die Rolle der Pfarrer einbetoniert, um Konservative in der Kurie und anderswo zu besänftigen. Weil Papst Franziskus doch die Zugangsschranke Zölibat für Priester hochhebt? Oder ist er nicht mehr Herr über sein Vatikan-Gefolge? Jedenfalls: Die Vatikan-Instruktion für die Pfarren ist erstaunlich inhomogen. Sie will, eilfertig den Papst zitierend, Perspektiven öffnen. Andererseits verengt sie auf den traditionellen Status, ohne ihn auf seine Gegenwartstauglichkeit abzuklopfen – mit der Gefahr, in den Traditionalismus abzugleiten.

Das römische Papier kann für wenig Empörungsgeneigte auch als Zeichen eines Suchens, Sich-Vortastens, gelegentlich Stolperns und Strauchelns in einer disparaten Gegenwart gesehen werden. Als Dokument einer Ratlosigkeit, einer im Grunde fast erbarmungswürdigen Hilflosigkeit.

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2020)