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Die Angst der Ureinwohner vor dem Corona-Fiasko

Wegen der Covid-19-Pandemie fühlen sich indigene Gemeinden weltweit in der Existenz bedroht. Besonders prekär ist die Lage in Ländern wie Brasilien. Anlässlich des „Tags der indigenen Völker“ warnen deren Vertreter vor „Genozid durch Vernachlässigung“.

Es sind schreckliche Erfahrungen, die sich in das kollektive Gedächtnis der Ureinwohner eingebrannt haben: Krankheiten wurden von außen hereingetragen – mit dem Ziel, die Gemeinden zu dezimieren oder zu zerstören. Heute sind viele der kleinen, noch bestehenden Ureinwohnervölker Kanadas erneut in ihrer Existenz bedroht: dieses Mal durch die Coronapandemie.

„Das Coronavirus ist kein Virus, das eingeschleppt wurde, um uns loszuwerden. Aber es ist ein Virus, das uns sehr schaden kann“, erklärt Adeana Young, Sprecherin der Frauengruppe „Gaandlee Guu Jaajang“, der „Töchter der Flüsse“. Das Volk der Haida auf Haida Gwaii, der früher Queen Charlotte Islands genannten Inselgruppe, musste wie viele andere indianische Völker Nordamerikas erleben, dass in früheren Jahrhunderten Krankheiten wie die Pocken eingeschleppt wurden. Als jetzt die Debatte darüber entbrannte, ob einige Luxusherbergen für Touristen auf Haida Gwaii wieder öffnen können, führten die Haida-Frauen den Widerstand dagegen an. „Das ist kein Protest. Wir üben unsere angestammten Rechte aus“, sagt Adeana Young.

Die malerische Westküste Kanadas mit ihren Inseln und beeindruckenden Regenwäldern ist das traditionelle Siedlungsgebiet mehrerer First Nations, indianischer Völker Kanadas. Hier leben die Nuu-cha-nulth, die Heiltsuk-, Haida- und Nisga´a-Nation und viele weitere Völker.


UN-Generalsekretär warnt. Der „Internationale Tag der indigenen Völker“ am 9. August legt heuer das Augenmerk auf die Gefahren, die diesen Völkern durch Corona droht. „Covid-19 hat verheerende Auswirkungen für mehr als 476 Millionen Angehörige indigener Völker rund um die Welt“, sagt UN-Generalsekretär António Guterres in seiner Botschaft zum „Internationalen Tag der indigenen Völker“. Er nennt mehrere Gründe: Armut, soziale Ungleichheiten, Stigmatisierung, Diskriminierung, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitssystem, sauberem Wasser und Sanitäranlagen.

In vielen Ländern des Südens, in denen indigene Völker leben, ist die Subsistenzwirtschaft zusammengebrochen. Indigene Frauen, die oftmals die Hauptlast für die Ernährung ihrer Familien tragen, können ihr Kunstgewerbe und ihre Feldfrüchte nicht mehr anbieten, weil die Märkte ihrer Gemeinden geschlossen wurden. Indigene Arbeiter verloren ihre Jobs, weil sie zu Hause bleiben mussten, um die Verbreitung des Virus zu stoppen.

Während in manchen Ländern die Regierungen zusammen mit den Organisationen der indigenen Völker versuchen, den Bedrohungen entgegenzuwirken und mit staatlichen Leistungen helfen, sind die Ureinwohnervölker anderenorts auf sich allein gestellt.


Notstand und Straßensperren.
„First Nations sind die gefährdetsten Gemeinden in diesem Land“, sagt National Chief Perry Bellegarde, der nationale Häuptling der Assembly of First Nations, des Dachverbands der indianischen Völker Kanadas. Alle indigenen Gemeinden Kanadas hatten im März den Notstand erklärt und den Zugang zu ihnen durch Straßensperren kontrolliert. In Kanada sind 96 Gemeinden der First Nations sogenannte fly-in-Gemeinden, die nur mit dem Flugzeug erreicht werden können. Sollten in abgelegenen Gemeinden Infektionen auftreten, ist Hilfe vor Ort kaum möglich. Wegen der Wohnraumnot würde es schwer sein, Menschen zu isolieren. Ein Ausbruch von Covid-19 in indigenen Gemeinden hätte dramatische Folgen nicht nur für die Gesundheit der Menschen.

Marilyn Slett ist als Chief Councillor der „Häuptling“ der Heiltsuk. Sie weist darauf hin, dass Covid-19 vor allem die älteren Menschen bedroht. Sie sind die Träger der Legenden und des traditionellen Wissens und oft die Einzigen, die die Sprache ihrer Völker noch fließend beherrschen.

Bisher war der Abwehrkampf der indigenen Völker Kanadas erfolgreich. Bis Anfang August wurden in den Reservaten und Territorien der First Nations 412 Covid-19-Fälle registriert. Sechs Todesfälle sind bisher zu beklagen. Im Inuit-Gebiet Nunavik im Norden Quebecs traten 17 Fälle auf. Als einziges Territorium Kanadas ist das überwiegend von Inuit bewohnte Arktisterritorium Nunavut mit rund 35.000 Menschen in etwa 30 Gemeinden komplett covidfrei. Kanadas Regierung stellte für indigene Gemeinden bisher eine Milliarde Dollar (660 Millionen Euro) für den Kampf gegen Covid-19 und zur Stärkung des dortigen Gesundheitswesens zur Verfügung.

In Kanada ist die Lage der indigenen Völker in der Covidkrise zwar angespannt, aber nicht desaströs wie in anderen Weltregionen wie etwa in Brasilien mit seinem Präsidenten Jair Bolsonaro. Dessen Politik, die Rodungen des Amazonaswaldes und Umweltzerstörung ermöglicht und die Rechte der etwa 900.000 Menschen der rund 305 indigenen Ethnien missachtet, ist für diese eine akute Bedrohung. Bolsonaro hatte Medienberichten zufolge im Juli sein Veto gegen ein vom Kongress verabschiedetes Gesetz eingelegt. Es hatte die Bundesregierung verpflichtet, Trinkwasser, Desinfektionsmittel und Krankenhausbetten zu liefern. Er begründete dies mit einer angeblichen Verfassungswidrigkeit dieser Maßnahmen, da sie nicht finanziert seien.

Nationale indigene Organisationen der Amazonasregion klagen über die Vernachlässigung durch die Zentralregierungen und Infektions- und Sterberaten durch Covid-19, die weit über nationalen Durchschnitten liegen. Wie die Organisation „amerika21“ gestützt auf Daten von COICA, dem Dachverband der indigenen Völker des Amazonasgebiets, berichtet, sind von der Pandemie etwa 190 Ureinwohnervölker betroffen. Sie leben in den neun Anrainerstaaten des Amazonasgebiets, wozu nicht nur der große brasilianische Teil, sondern auch angrenzende Regionen Kolumbiens, Venezuelas, Perus, Ecuadors, Boliviens und der drei sogenannten Guyana-Staaten gehören.

Besonders prekär ist die Lage der isoliert lebenden indigenen Völker des Amazonasgebiets. Weltweit gibt es laut der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) mindestens 110 freiwillig isolierte indigene Völker, die meisten von ihnen im Amazonasbecken in Brasilien, Bolivien und Peru. Sie wollen damit Gewalt und Krankheiten entgehen. Kontakte mit der Außenwelt sind für sie mit Risken verbunden. So wurde bei sechs Angehörigen der Nahua in Peru das Coronavirus nachgewiesen, nachdem sie Kontakt mit Außenstehenden hatten. „Leider werden sich selbst versorgende Völker immer wieder gegen ihren Willen aufgesucht“, sagt Juliana Miyazaki von der GfbV. „Illegale Eindringlinge wollen in den Gebieten dieser Völker Holz fällen oder Gold schürfen. Auch Evangelikale, die zum Missionieren kommen, bringen Covid-19 und andere Krankheiten mit. Und es gibt Übertragungen durch unentdeckt infiziertes medizinisches Personal, das eigentlich helfen sollte.“

Von etwa 170.000 isoliert lebenden indigenen Menschen der Region hätten sich bis Ende Juli 28.000 mit dem neuen Coronavirus infiziert und mehr als 1100 seien gestorben. „Sprecher der Gemeinschaften warnen vor einem drohenden Genozid durch Vernachlässigung“, berichtet „amerika21“, das Portal für Nachrichten und Analysen aus Lateinamerika. In den USA waren nach Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation Paho von Mitte Juli 22.500 Covid-19-Fälle unter Angehörigen der indianischen Völker gemeldet worden. In den meisten Ländern und Territorien Amerikas habe die Zahl der Covid-Erkrankungen zugenommen, vor allen in einigen Ländern Zentral- und Südamerikas. Paho listet mehrere Risikofaktoren für indigene Völker auf: Kontakte zwischen indigener und nicht-indigener Bevölkerung, schlechter Gesundheitszustand der indigenen Bevölkerung und Vorbelastung durch Krankheiten wie Tuberkulose sowie das illegale Vordringen von Holzwirtschaft und Bergbau.


Protest gegen Parkeröffnung. In Australien wurden wegen der Krise fast alle indigenen Gemeinden, vor allem die im Northern Territory, gesperrt. Beim Uluru (Ayers Rock) gab es Proteste gegen die Wiedereröffnung des Parks. Die Bewohner des Aboriginaldorfes Mutijulu fürchten Ansteckungen. Wie in anderen Ländern sind auch in Australien Ureinwohner besonders gefährdet wegen ihrer generell schlechteren Gesundheit. Australiens indigene Gemeinden zogen auch Konsequenzen aus ihren Erfahrungen mit der H1N1-Pandemie 2009, von der sie überproportional stark betroffen waren.

„Die Staaten müssen ihre Ressourcen einsetzen, um den Bedürfnissen der indigenen Bevölkerung gerecht zu werden, und deren unveräußerliche Rechte respektieren“, fordert UN-Generalsekretär Guterres. Die Rechte der Ureinwohnervölker zu beachten, heißt für ihn auch, dass diese in die Strategien gegen Covid-19 und für den Wiederaufbau eingebunden werden.

Dass die Krise auch die Möglichkeit bietet, alte Traditionen zu beleben, zeigt die Muscowpetung Saulteaux First Nation in Kanadas Prärieprovinz Saskatchewan. Sie brachte eine aus 15 Tieren bestehende Bisonherde auf ihr Gebiet. Melissa Tavita, die im April zum Chief der First Nation gewählt worden war, sah es als eine ihrer ersten Aufgaben an, die Nahrungssicherheit ihrer Gemeinde bei einer möglichen zweiten Coronawelle zu gewährleisten. Ein ausgewachsener Bison liefert bis zu 1000 Kilogramm Fleisch. Vor 150 Jahren hatte der Bison weitgehend das Leben der Prärievölker geprägt, bis er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ausgerottet wurde.

Buchtipp

Demnächst erscheint das Sachbuch von „Presse“-Korrespondent Gerd Braune über Kanadas Indigene.

Gerd Braune
„Indigene Völker in Kanada. Der schwierige Weg zur Verständigung“
Ch. Links Verlag
240 S., 20,60 Euro