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Im Kino

„Unhinged“: Sei lieb zum Killer im Straßenverkehr!

UNHINGED - AUSSER KONTROLLE
Die Handlung dieses Films ist so hanebüchen, dass man lachen könnte – würde Russell Crowe nur nicht immer so kaltblütig schauen.Constantin Film
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Im Actionthriller „Unhinged“ geht Russell Crowe als kaltblütiger Brutalo auf eine Autofahrerin los. Ein fragwürdiges Plädoyer für mehr Gelassenheit auf der Straße.

Es ist eine asphaltgraue Hölle, die sich in vielen kurzen Kameraflügen vor dem Auge ausbreitet: ein dichtes Geflecht aus Auf- und Abfahrten, wuchtigen Betonpfosten und Fahrbahnen, die sich nur so übereinanderstapeln. Hier sitzen die gestressten amerikanischen Großstadtpendler, Stoßstange an Stoßstange, im Schatten mehrspuriger Stadtautobahnetagen in ihren SUVs und lauschen der allmorgendlichen Sinfonie aus Motorenbrummen und Hupfanfaren. Wer diesen Horror nicht gewohnt ist, kann schon beim Anblick Aggressionen bekommen.

Aber genau davor will „Unhinged“ warnen, ein Film, der seine Intention gleich in den ersten Minuten klarmacht. Von Gewalt im Straßenverkehr reden die Nachrichtensprecher in den Radio-Schnipseln, die da aneinandergereiht werden, von Aggressionen, die in Massenkarambolagen münden, von einer unterbesetzten Polizei und einer zu langsamen Rettung. Die Losung: Seid ein bisschen lockerer am Steuer! Durchatmen, freundlich bleiben, Nerven bewahren. Sonst kann es nämlich passieren, dass man ins Visier eines skrupellosen Gewalttäters rückt.

Der wird hier gespielt von Russell Crowe. Schon in einer Prologszene wird klargestellt, dass dieser Mann über Leichen geht. Jetzt sitzt er am Steuer seines überdimensionierten Pick-ups und stiert grimmig aus dem Fenster. Hinter ihm: Die entnervte Rachel (Caren Pistorius), die in einem unschönen Scheidungskrieg steckt, wegen ständiger Unpünktlichkeit – diese ewigen Staus aber auch! – beruflich strauchelt und jetzt auch noch ihren Sohn verspätet zur Schule bringt. Als der Wagen vor ihr eine grüne Ampel verschläft, zieht sie hupend an ihm vorbei. Der Mann holt auf und verlangt eine Entschuldigung. Sie weigert sich. Wofür soll sie sich entschuldigen?

Damit beginnt eine Verfolgungsjagd, und es wird klar: Um aggressives Fahrverhalten geht es gar nicht wirklich in diesem Film, da kann noch so oft das Wort „road rage“ fallen. Der Mann entpuppt sich als derart brutaler Rächer, dass man nicht glauben kann, dass bei ihm „nur“ eine Sicherung durchgebrannt ist. Präzise und durchdacht geht er vor in seinem Bestreben, das Leben von Rachel und ihrer Familie grundlegend zu zerstören – oder, wie er sagt: ihr zu zeigen, „was ein schlechter Tag ist“.

Schnörkelloser Gewaltexzess

Da wirbeln Autos über die Planken, da werden Hammer und Tafelmesser gezückt. Der amerikanische Regisseur Derrick Borte inszeniert den Gewaltexzess rasant und schnörkellos, das Drehbuch bettet die perversen Grausamkeiten dieses Killers ein in eine Handlung, die so hanebüchen ist, dass man lachen könnte – würde Crowe nur nicht immer so kaltblütig schauen. Pistorius – mit ihren 30 Jahren allzu jung besetzt, um die Mutter eines Teenagers zu spielen – wirkt umso zierlicher, je mehr Crowe sich hier aufbäumen kann. Immer wieder füllen seine verengten Augen und Schweißperlen auf der Stirn die Leinwand. Bald meint man, seinen groben Blick auch in seiner Karosserie zu erkennen, die unermüdlich gegen Rachels – nur vergleichsweise – kleinen Kombi kracht.

Was ihn zu seinem Terror verleitet? Filmische Vorbilder für den Fahrer im Amokmodus gibt es ja einige, Steven Spielberg ließ ihn in „Duell“ ein gesichtsloses Unheil bleiben, Michael Douglas gibt in „Falling Down“ einen „angry white man“, der völlig ausrastet, aber dabei überzeugt ist, ein anständiger Mann zu sein. In „Unhinged“ wird nur vage angedeutet, dass der Killer mit seiner Lebenssituation nicht umgehen kann, im Grunde ist er einfach böse. Der Täterperspektive nicht zu viel Raum lassen, das klingt modern.

Jegliche psychologische Erkenntnis über das Ausrasten am Steuer – immerhin das betonte Kernthema des Films – bleibt damit aber auch aus. Und die Botschaft ist am Ende mehr als fragwürdig: Hätte Rachel das mit dem Hupen lieber sein lassen! Hätte sie doch besser lieb gelächelt!


[QO6KV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2020)