Die US-Netzbetreiber AT&T und Verizon Wireless planen einen Frontalangriff auf die Anbieter von Kreditkarten. Sie sollen früher oder später von Handys abgelöst werden. Vorerst wird ein Testsystem installiert.
New York/Wien (Bloomberg/cim). Es gibt wenig, was Smartphones noch nicht können: E-Mails schicken, Videos drehen, Autos navigieren? Alles längst Standard. Der nächste große Schritt könnte das Bezahlen per Handy sein. Bezahl-Services für Park- oder Fahrscheine gibt es zwar schon, in den USA planen die Marktführer nun aber einen groß angelegten Angriff auf die Kreditkarte.
AT&T und Verizon Wireless, die führenden Netzbetreiber der USA, wollen mit T-Mobile USA ein Unternehmen gründen. Dieses soll ein Bezahl-System etablieren, das Kreditkarten durch Smartphones ersetzen soll. Das berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Unternehmen wollten sich dazu noch nicht offiziell äußern.
Zunächst planen die drei Partner einen Test in Atlanta und in drei weiteren US-Städten, in denen Smartphone-User kontaktlos über Funk bezahlen können. Sie werden dabei vermutlich mit Discover Fiancial Services sowie Barclays als Finanzdienstleister zusammenarbeiten. „Mobile Bezahl-Services sind der logische nächste Schritt“, sagt AT&T-Sprecher Mark Siegel.
Wettrennen um den Zahl-Markt
Mastercard und Visa warten aber nicht auf ihre Ablösung. Visa entwickelt mit einem Partner Anwendungen, mit denen man nur ein Handy braucht, um via Kreditkarte zu zahlen. Ein Smartphone soll dabei die Daten mehrerer Karten speichern. „Wie verhandeln mit diversen Netzbetreibern weltweit“, so Bill Gajda, der Chef von „Mobile for Visa“. Bei Visa glaubt man, dass die Kooperation der Kartenanbieter und der Mobilfunker die beste Lösung bringen werde.
Das hofft man auch bei Mastercard: Die US-Bank Citigroup hat im Juni „Mastercard PayPass“-Sticker präsentiert. Diese klebt man auf die Rückseite eines Handys, so kann man bei etwa 230.000 Händlern in den USA bezahlen.
In der Branche schätzt man aber, dass die Mobilfunker einen Startvorteil im Rennen um die Herrschaft am Zahlungsmarkt haben. Branchenanalyst Richard Crone spricht von einer Revolution: „Ein Mobiltelefon ist online. Die Interaktivität in Echtzeit verändert die Beziehung zum Kunden. Eine Karte ist dumm.“
Die Mobilfunker haben bereits einen Zugang zu den Handys ihrer Kunden und zu ihren Kontoinformationen. Außerdem haben sie jahrelange Erfahrung mit Abrechnungen und dürften im US-Einzelhandel offene Türen einrennen: Der wettert schließlich schon lange gegen die Gebühren, die von den Kreditkartenfirmen eingehoben werden.
2015 zahlt jeder Zweite mobil
„Wir leiden darunter, dass es am Markt für Bezahl-Services keine wirkliche Konkurrenz gibt“, sagt Brian Dodge, der Sprecher der Retail Industry Leaders Association, dem Verband der US-Händler. Ein sicheres und verlässliches Service, das den Bedürfnissen der Kunden entspricht und die Kosten der Händler reduziert, sei jederzeit willkommen.
Bei der US-Notenbank Fed ist man neuen Bezahl-Diensten gegenüber aber skeptisch: Jedes neue System würde in den USA zunächst an der Hürde scheitern, dass Kunden es erst annehmen, wenn sie wissen, dass es bei einer großen Zahl von Händlern funktioniert. Die Händler hingegen würden erst investieren, wenn es eine „kritische Masse“ an Benutzern gibt. Jeder Händler müsste schließlich etwa 200 Dollar (151,92 Euro) für ein neues Lesegerät ausgeben, die Smartphones würden durch die Zusatzfunktion um zehn bis 15 Dollar teurer.
Bedarf an Handys, die sich als Geldbörse nutzen lassen, gibt es aber. Die US-Consultingfirma Mercatus geht davon aus, dass in fünf Jahren fast die Hälfte der US-Konsumenten und 80 Prozent der 18- bis 34-Jährigen mit ihrem Handy bezahlen werden. „Die User nehmen das schnell an. Schließlich verlassen sie sich jetzt schon auf ihr Smartphone, um jeden Bereich ihres Lebens zu managen“, meint Mercatus-Partner Bob Hedges.
Österreich als Vorreiter
Österreich hat – was das Bezahlen per Handy betrifft – in Europa eine Vorreiterrolle. Seit 2001 kann man via Paybox bezahlen. Das funktioniert aber nur bei einzelnen Vertragspartnern. Dieser Service wird immer beliebter. Der Marktführer verzeichnete allein im Vorjahr mit 700.000 aktiven Kunden ein Plus von 40 Prozent. Die Anzahl der Transaktionen legte um 52 Prozent auf 5,5 Millionen Zahlungen zu. Am beliebtesten ist das Bezahlen der Parkgebühr oder an Automaten.
AUF EINEN BLICK
■Smartphone statt Karte: Die führenden Mobilfunkbetreiber in den USA gründen gemeinsam ein Unternehmen, das ein neues mobiles Bezahlsystem etablieren soll. Visa oder Mastercard sollen damit überflüssig werden. Auf die Mobilfunker wartet ein lukratives Geschäft. Der Wettlauf um die Führung am Markt für Bezahl-Services ist eröffnet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2010)