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Soft Skills

Reine Wissensvermittlung ist out

Via Bildschirm persönliche Präsenz zu vermitteln, will gelernt sein.
Via Bildschirm persönliche Präsenz zu vermitteln, will gelernt sein.(c) Getty Images (svetikd)
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Studierende wollen mehr persönliche Fähigkeiten an der Hochschule lernen. Lehrbeauftragte müssen lernen, das zu lehren.

Das Institut für Rechtswissenschaftliche Grundlagen und das Zentrum für Soziale Kompetenz der Universität Graz sind gemeinsam mit Universitäten aus Lettland, Italien, Litauen, Niederlande und Polen Projektpartner des Projekts Discom (Development of Interdisciplinary Skills for Cooperation and Conflict Management) im Rahmen von Erasmus+. Erforscht wird, was man zur Entwicklung von interdisziplinären Fähigkeiten für das Kooperations- und Konfliktmanagement braucht.

Um die richtigen Lehr- und Lernmaterialien zum Erwerb von sozialen Kompetenzen und zur Förderung der Zusammenarbeit entwickeln zu können, wurden nun Studierende zum Thema Soft Skills befragt: 16 Prozent möchten mehr Kommunikationsfähigkeit und das Erlernen von kritischem Denken, 13 Prozent Konfliktmanagement, elf Prozent Zeitmanagement und -planung vermittelt bekommen.

Das funktioniert aber nur, wenn die Lehrbeauftragten ein Gespür dafür bekommen beziehungsweise haben. Und das konnte in den vergangenen Monaten der Online-Lehre ausführlich geübt werden. „Der fehlende persönliche Kontakt zu den Studierenden hat dazu geführt, dass man sich überlegen musste, wie man trotzdem aufeinander zugehen konnte“, sagt Barbara Geyer-Hayden Leiterin der Stabsstelle für Instructional Design an der FH Burgenland. Während man in Präsenzveranstaltungen oft an der Körpersprache der Studierenden erkennen konnte, ob sie den Ausführungen folgen können, ist man dabei nun auf die Kamera angewiesen. Doch bei größeren Gruppen ist selbst das keine Hilfe, weil unübersichtlich. „Im Hörsaal oder Seminarraum sind sie wenigstens anwesend, online sind sie oft nach kurzer Zeit nicht mehr geistig beim Thema“, erläutert Geyer-Hayden. Das habe vor allem Auswirkungen auf das Veranstaltungsdesign. Der Fakten-Input darf nicht länger als 20 Minuten dauern und muss abwechselnd mit Online-Meetings oder Gruppenarbeiten stattfinden. Geyer-Hayden spricht vom Tpack-Modell (Technological Pedagogical Content Knowledge), das technologisches mit pädagogischem und inhaltlichem Wissen vereint. „Das gilt immer mehr auch für Präsenzlehre.“

 

Weiterbildung verstärkt

Die FH Burgenland hat eine eigenes Programm für die Weiterbildung von Hochschul-Lehrenden. Das Athena Programm verzeichnete in den letzten zwölf Monaten an die 500 Anmeldungen, allein seit Ende März sind es über 100. Daher bietet die FH-Tochter Akademie Burgenland erstmals zwei Seminarprogramme für das Wintersemester 2020/2021 an – eines mit Präsenz-Seminaren und eines mit Online-Seminaren.

Die zwei Seiten der Lehr-Medaille hat auch Stefan Koch erfahren. Der Vizerektor für Lehre und Studierende an der JKU Linz sagt, dass Lehrende wie Studierende mit analogen Problemen bei der Heimarbeit zu kämpfen hatten. „Dazu kamen schon teilweise Aspekte des mangelnden sozialen Kontaktes mit Lehrenden, anderen Studierenden und am Campus. Aus einigen Rückmeldungen haben wir aber auch gesehen, dass teilweise die Kommunikation sogar intensiver oder regelmäßiger geworden ist.“ An den Lehrinhalten ändere sich in der Online-Lehre wenig, „auch wenn manche Soft Skills digital sicher schwieriger zu vermitteln sind. Das bietet aber gleichzeitig die Chance, Skills für die elektronische Kommunikation direkter zu üben und zu vermitteln.“ Aspekte der digitalen Kommunikation bis hin zu Präsentations- und Computerfähigkeiten seien für Lehrbeauftragte wichtiger geworden. Daher bietet die Personalentwicklung der JKU Weiterbildungen von didaktische Grundlagen der Online-Lehre bis hin zu Sprech-, Kamera-, Stimm- und Präsenztrainings an.

„Manche waren gut, manche hatten sich mit Online-Formaten noch nicht auseinandergesetzt“, sagt Tanja Eiselen, Rektorin der FH Vorarlberg, den Start in das „Corona-Semester“. Lernen mussten die Lehrbeauftragten vor allem, dass Online-Lehre anstrengender für alle Beteiligten ist. Die Konzentration war geringer, es mangelte an körperlicher Bewegung, auch die Pausenplanung wollte berücksichtigt werden. „Sie mussten die Beziehungen zu den Studierenden anders herstellen als gewohnt. Das ist das wichtigste Moment des Lernfortschritts“, sagt Eiselen.

 

Alte Routinen aufgebrochen

Die gewohnten Routinen mussten aufgebrochen werden und neue implementiert werden. Reine Wissensvermittlung sei aber bereits vor Corona out gewesen. Seit Jahren schon bietet die FH Vorarlberg didaktische Weiterbildung für Lehrkräfte an, wer neu ins Kollegium kommt, muss zwei Jahre praktische Didaktik nachweisen können. Darüber hinaus bietet die Österreichische FH-Konferenz Fortbildungen an. Mit wenigen Ausnahmen sind alle Workshops im Wintersemester 2020/2021 dem Thema Online-Lehre gewidmet. Hochschul-Lehre im Online-Setting kann dort ebenso gelernt werden wie das Führen von virtuellen Teams oder das Lehren und Lernen mit Smartphone und Co.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2020)