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Russische Dürre treibt Weizenpreise

(c) APA (DPA)
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Ernteausfälle und verheerende Brände in Westrussland haben zum stärksten Anstieg der Weizenpreise auf dem Getreidemarkt seit 50 Jahren geführt. Die Angst vor neuen Hungerrevolten geht um.

Verzweifelte Menschen, die vor ägyptischen Bäckereien Schlange stehen. Horden von nigerianischen Kindern, die betteln, weil sich ihre Eltern kein Brot mehr leisten können. Plündernde Banden auf Haiti. Und weltweit Dutzende Tote bei wütenden Protesten – die Bilder von den Hungerrevolten im April 2008 schienen schon vergessen, verdrängt von einer Weltwirtschaftskrise, die auch die Rohstoffpreise in den Keller fallen ließ.

Aber jetzt geht das Gespenst wieder um: Die Neuauflage einer Kettenreaktion von explodierenden Getreidepreisen und sozialen Unruhen könnte bevorstehen. An der Warenterminbörse in Chicago sind die Notierungen von Weizen im Juli um 42 Prozent gestiegen. Das ist der steilste und schnellste Anstieg seit 50 Jahren. Und am Montag kletterten die Future-Preise des weltweit wichtigsten Grundnahrungsmittels weiter, auf den höchsten Wert seit zwei Jahren – dem Jahr der Revolten.

Schuld daran ist der „sukhovei“, ein heißer, trockener Wind, der aus Zentralasien kommt und gerade dabei ist, die Kornkammer Russlands in eine brennende Wüste zu verwandeln. Im Westen haben wochenlange Dürre und die schlimmste Hitzewelle seit 130 Jahren zu verheerenden Waldbränden und massiven Ernteausfällen geführt(siehe nebenstehenden Text).

Mindestens ein Fünftel der russischen Weizenernte ist zerstört. 15 Prozent des internationalen Handels stehen auf dem Spiel. Ägypten, wo die Revolten vor zwei Jahren am blutigsten verliefen, hat bereits reagiert. Der größte Getreideimporteur der Welt kaufte eiligst 180.000 Tonnen nach, aus Angst, die Preise könnten weiter steigen und der wichtigste Lieferant einen Exportstopp verhängen. Denn in Zeiten der Knappheit läge nahe, dass die russische Führung erst einmal die eigene Bevölkerung mit Brot und die eigenen Bauern mit Futter für ihre Rinder versorgt.

Genau diese Sorge versucht Moskau zu zerstreuen. Die Lager seien gefüllt genug, um die Exportpläne einzuhalten, versicherte das Landwirtschaftsministerium am gestrigen Dienstag. Das hat den Preisauftrieb vorerst gestoppt.

 

Die USA springen ein

Aber die Märkte bleiben besorgt, weil das wahre Ausmaß der Ernteausfälle noch unklar ist. Zumindest bis Mitte August, erwarten Meteorologen, wird die Dürre anhalten. Noch eine andere Weltgegend macht Sorgen: Australien, der viertgrößte Weizenexporteur, wird von einer Heuschreckenplage heimgesucht, und auch dort herrscht im fruchtbaren Westen des Landes seit Wochen Dürre.

Als wäre das nicht genug, geht auch noch die Angst vor dem „Weizenrost“ um, einem lange besiegt geglaubten Pilz, der in vielen Ländern Afrikas sein Unwesen treibt und sich anschickt, die Felder im Mittleren Osten und in Zentralasien zu befallen.

Die Rettung aus den Engpässen wird von den USA erhofft. Dort sind – ganz anders als 2008 – die Pufferlager prall gefüllt, die Ernte verspricht dank des milden Wetters ertragreich zu sein. Gespannt warten die Händler auf neue Produktionszahlen, die das US-Landwirtschaftsministerium Ende nächster Woche bekannt geben will. Auch wenn die Panik dann abflauen sollte: Der Weizenpreis bleibt eine gefährliche Zitterpartie in einer Welt, deren wachsende Bevölkerung immer mehr Fleisch konsumiert – vor allem dank des größeren Wohlstands in den Schwellenländern.

Und auch die Diskussion um den möglichen negativen Einfluss von Spekulanten auf die Nahrungsmittelpreise lebt nun wieder auf. Erst am Montag hat sich die Weltbank zu dieser Frage geäußert: Auf längere Sicht entscheiden einzig Angebot und Nachfrage über die Preise. Auf kurze Sicht kann Spekulation aber sehr wohl zu stärkerer Volatilität führen. Gerade die ärmsten Länder können von solchen „Episoden“ betroffen sein. So wie sie jetzt unter den Getreidepreisen leiden, die im Juli auch auf aktueller Basis um sechs Prozent gestiegen sind – hoffentlich nur für kurze Zeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2010)