Ein von Duisburg beauftragtes Gutachten stellt keine Pflichtverletzungen der Stadt fest. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen ortet hingegen mangelnde Kontrollen.
Der Streit zwischen der Stadt Duisburg und der Landesregierung über die Verantwortung für die Katastrophe bei der Loveparade ist voll entbrannt. Die Stadt legte am Mittwoch den Bericht einer Anwaltskanzlei vor, der ihr rechtmäßiges Handeln bescheinigt. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) nahm hingegen die Polizei in Schutz und bekräftigte seine Vorwürfe gegen die Stadt: "Es besteht der Verdacht, dass die Stadt die Einhaltung der Auflagen nicht kontrolliert hat."
Überlebende, Veranstalter und Stadt hatten der Polizei eine Mitverantwortung für die Tragödie gegeben, durch die 21 Menschen ihr Leben verloren haben. "Ich werde nicht zulassen, dass die Polizei als Sündenbock für die Fehler und Versäumnisse anderer herhalten muss", erwiderte Jäger in einer Sondersitzung des Landtags-Innenausschusses in Düsseldorf. "Es ist schäbig, erst die Polizei um Hilfe zu rufen, weil die Veranstaltung aus dem Ruder läuft und ihr dann auch noch den Schwarzen Peter zuzuschieben", wehrte Jäger die Vorwürfe ab.
"Wenn das Sicherheitssystem des Veranstalters funktioniert, muss die Polizei nicht zur Hilfe gerufen werden", betonte der Minister. Er sicherte aber zu, alle Vorwürfe gegen die Polizei aufzuklären. Indirekt deutete Jäger an, dass es auch bei der Polizei zu Fehlern gekommen sein könnte: "Es ist unwahrscheinlich, dass ein Einsatz dieser Dimension fehlerfrei verläuft", wenn das Sicherheitskonzept des Veranstalters zusammenbricht.
Der Weg zur Loveparade wurde zur tödlichen Falle: Bei einer Massenpanik bei der Loveparade in Duisburg sind am 24. Juli 21 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
13 Frauen und acht Männer starben im Gedränge an einem Zugangstunnel. Unter den Toten sind zwölf Deutsche, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft Duisburg mit. (c) Reuters (WOLFGANG RATTAY)
Die Opfer stammen auch aus Deutschland, den Niederlanden, Australien, Italien, China, Spanien und Bosnien. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Zu der Panik unter den Besuchern war es vor dem Loveparade-Gelände am ehemaligen Güterbahnhof in einem Tunnel gekommen. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Viele Besucher seien bei dem Andrang umgekippt. Vor dem eingezäunten Gelände des Güterbahnhofs hatte sich der Besucherstrom gestaut, einige wollten auch schon wieder nach Hause. Der Tunnel war dabei ein Nadelöhr. Dabei entstand Gedränge. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
"Zu Todesfällen kam es ausschließlich außerhalb des ebenfalls zum Veranstaltungsgelände gehörenden Tunnels", sagten die Ermittler. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
16 Tote seien auf der westlichen Seite der Zugangsrampe gefunden worden, davon 14 im Bereich einer abgesperrten Metalltreppe und zwei an einer Plakatwand zu Anfang des Aufgangs. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Nach Zeugenaussagen am Tunneleingang eine unerträgliche Enge. Menschen versuchten, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach nach Polizeiangaben Panik aus. (c) EPA (PETER MALZBENDER / POOL)
Organisatoren und Verantwortliche sahen sich am Sonntag harten Vorwürfen ausgesetzt. Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt nach der Tragödie wegen fahrlässiger Tötung. (c) APN (Mario Vedder)
Offen ist, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt der Tragödie in der Partyzone aufhielten: Die Zahl der Teilnehmer reicht von 105.000 Menschen, die mit der Bahn zum Feiern reisten, bis hin zu 1,4 Millionen Ravern, die sich in der Stadt aufgehalten haben sollen. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Die abgeschlossene Partyzone sei für rund 300.000 Feiernde ausgelegt gewesen, sagte der Leiter des Krisenstabs, Wolfgang Rabe. Der Platz sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht vollständig gefüllt gewesen. (c) APN (Mario Vedder)
Die Autobahn A59, die direkt neben dem Gelände entlangläuft, wurde für den Verkehr gesperrt, damit Rettungshubschrauber landen konnten. (c) EPA (FREDEDERIC VICTOR SCHEIDEMANN)
Ein Tunnel als einziger Fluchtweg habe zur Katastrophe geführt, kritisierte die Gewerkschaft der deutschen Polizei (GdP) das Sicherheitskonzept der Veranstalter. Es sei sehr gefährlich, bei Massenveranstaltungen das Gelände fast komplett einzuzäunen. (c) REUTERS (Kirsten Neumann)
Die Toten seien Opfer "materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der 'Kulturhauptstadt 2010'" Druck ausgeübt habe, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der DPolG, Wolfgang Orscheschek (c) AP (Frank Augstein)
Duisburger Stadtpolitiker seien "in die Enge getrieben" worden, so dass sie trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich nur "ja" sagen konnten. Polizei und Feuerwehr "haben im Vorfeld ihre Vorbehalte geäußert", sagte Orscheschek. (c) REUTERS (THOMAS PETER)
Viele Augenzeugen erhoben schwere Vorwürfe. Der schmale Tunnel sei "das programmierte Chaos" gewesen, sagte ein Loveparade-Teilnehmer. Der Tunnel habe keine Fluchträume zugelassen. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Nordrhein-Westfalens neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) sagte, sie sei "total betroffen" und fühle mit den Angehörigen der Gestorbenen. Kraft bezeichnete den Zugangstunnel als "Nadelöhr". (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Die Loveparade soll es nach Angaben des Veranstalters Rainer Schaller nun nicht mehr geben. (c) EPA (FREDRIK VON ERICHSEN)
1989 in Berlin unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" gegründet, fand das fröhliche Techno-Event seit 2007 im Ruhrgebiet statt. Im vergangenen Jahr fiel die Loveparade aus: Die Stadt Bochum hatte die Ausrichtung unter anderem aus Sicherheitsgründen abgesagt. (c) REUTERS (Kirsten Neumann)
Die dritte Loveparade im Ruhrgebiet war am Nachmittag friedlich gestartet. (c) APN (Hermann J. Knippertz)
Ab 14 Uhr rollten 15 sogenannten Floats über das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs der Ruhrgebietsstadt. Erstmals fuhren die Paradewagen nicht wie in früheren Jahren durch die Innenstadt, sondern auf einem abgesperrten Gelände im Kreis - das Gelände, das 19 Menschen zum Verhängnis wurde. (c) EPA (RENEÂ TILLMANN)
Dr. Motte, der Erfinder der Loveparade, forderte Konsequenzen aus dem Unglück von Duisburg. "Das ist das Wenigste, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und Buße tun", sagte er. "Das wird auf jeden Fall ein Nachspiel haben." (c) REUTERS (Kirsten Neumann)
Fatale Massenpanik
Stadt lehnt Verantwortung ab
Die Stadt Duisburg lehnte unterdessen jede Verantwortung ab. Es lägen "keine Erkenntnisse dafür vor, dass Mitarbeiter der Stadt Duisburg ihre gesetzlichen Pflichten verletzt hätten und auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten", ließ sie über eine Anwaltskanzlei erklären. Allerdings hätten vermutlich "Dritte gegen Vorgaben und Auflagen der Genehmigungen der Stadt Duisburg verstoßen".
Minister Jäger bemängelte die Kontrolle dieser Auflagen und warf dem Veranstalter vor, sein eigenes Sicherheitskonzept von Anfang an nicht eingehalten zu haben. Des weiteren sei die Anweisung, die Tunnel zu sperren, nicht umgesetzt worden. Stattdessen hätten die Ordner durch das Entfernen von Zäunen im kritischen Zeitraum den Zustrom von Menschen noch erhöht, statt ihn zu stoppen.
Für die Sondersitzung des Innenausschusses, die mit einer Gedenkminute begann, waren die Abgeordneten aus dem Urlaub zurückgerufen worden. Die Oppositionsparteien CDU und FDP haben Jäger insgesamt fast 100 Fragen vorgelegt. Dabei geht es vor allem um die Verantwortung für die Tragödie und die Genehmigung des Sicherheitskonzepts. Im Gedränge am einzigen Ein- und Ausgang des Loveparade-Geländes für die Besucher waren am 24. Juli 21 Menschen erdrückt und mehr als 500 verletzt worden.
Dr. Motte fühlt sich mitschuldig
Loveparade-Gründer Dr. Motte fühlt sich an der Katastrophe von Duisburg mitschuldig. "Ich fühle mich schuldig, dass ich die ganze Sache nicht frühzeitig gestoppt habe", sagte der 50-Jährige dem "Zeitmagazin". Beim Verkauf der Rechte an die Fitnesskette McFit sei er überstimmt worden und habe kein Veto eingelegt. Er sehe heute die Loveparade als sein Kind an - "ein Kind, das missbraucht wurde", betonte Dr. Motte alias Matthias Roeingh.
Der Techno-DJ erklärte: "Mein mit der Loveparade verbundener Traum war der Weltfrieden, und durch die Wiederholung der Veranstaltung sollten andere Menschen mit diesem Traum angesteckt werden." Die Loveparade sollte ein "Fest der Menschheit" sein. Alles, wofür Duisburg vor der Katastrophe gestanden habe, habe nichts mehr mit Techno zu tun gehabt.
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun bezeichnet die Loveparade als "Sünde" vor einem "richtenden und strafenden Gott". Zugleicht betont er, dass er nicht über die Toten urteilen wolle.
Nach der Loveparade-Tragödie stellt sich der Duisburger Bürgermeister Sauerland einem Abwahlverfahren im Stadtrat. Ihm wird vorgeworfen, Warnungen in den Wind geschlagen zu haben.
Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel war bei der Feier vertreten. Der Gedenkgottesdienst wurde im Fußballstadion auf Leinwänden übertragen. Nur einige hundert Menschen fanden den Weg ins Stadion.
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