Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Premium
Leitartikel

Zeit zu gehen: Lukaschenko hat kein Gespür mehr für sein Volk

Opposition supporters protest against presidential election results in Minsk
REUTERS
  • Drucken
  • Kommentieren

Der wahre Konflikt in Belarus spielt sich ab zwischen einer aufgeschlossenen Bevölkerung und einem sturen Despoten, der jeglichen Wandel verabscheut.

Warum lässt ein Despot wie Alexander Lukaschenko in regelmäßigen Abständen Wahlen abhalten? Denn eigentlich gilt für ihn ja die Devise: Einmal Diktator, immer Diktator – wozu also dann Wahlen? Vermutlich geht es darum, dass sich Machthaber seiner Sorte immer wieder ihre angebliche Beliebtheit im Volk bestätigen lassen wollen. Zumeist haben sie Speichellecker um sich versammelt – bedingungslos loyale Leute, die ihnen ständig einreden, wie ungeheuer populär sie im ganzen Land sind. Deshalb müssen Umfragen gefälscht, Lügengebäude errichtet und Wahlen zu ungeniert manipulierten Beliebtheitstests umgemünzt werden. Das Regime in Minsk hat es bei all dem zur Meisterschaft gebracht, den Despoten sechs Mal wiederwählen lassen.

Praktisch unbehelligt inzwischen 26 Jahre an der Macht, haben Lukaschenko und Co. jedes Gespür dafür verloren, was da unten im Volk eigentlich vor sich geht. Die jüngeren Generationen sind gut gebildet, modern und weltoffen eingestellt, sehnen sich nach Wandel. Doch ihr Land wird geführt von einem Mann, der archaische Ansichten zu Staat und Gesellschaft hat, altsowjetischen Werten anhängt und von Veränderungen und einer Modernisierung des Landes nichts wissen will.
Die Absurdität des Minsker Regimes zeigte sich am Sonntag, als Lukaschenko Zehntausende seiner aus dem ganzen Land zusammengekarrten Anhänger bei einer Kundgebung fragte: „Wollt ihr Freiheit?“ „Nein!“, schallte es zurück. „Wollt ihr Veränderung?“ Wieder ein lautes „Nein!“. „Wollt ihr Reformen?“ – „Nein!“

Oh doch, die Menschen in Belarus wollen Freiheit, Veränderung und Reformen. Und dass Lukaschenko im Wahlkampf zuerst Herausforderer wegsperrte, andere Bewerber bagatellisierte, das Wahlergebnis danach schamlos fälschen ließ und dann seine Sicherheitskräfte auf Demonstranten, die gegen die Wahlfälschung protestierten, gnadenlos einprügeln und sie wegsperren ließ, hat diese Sehnsucht nach Wandel nur noch vergrößert. So gut wie alle in Belarus wissen, dass Lukaschenko den Popularitätstest am 9. August verloren hat, wahrscheinlich auch er selbst. Nicht, weil sich die Wählerschaft die politisch unerfahrene Swetlana Tichanowskaja an der Staatsspitze wünscht, sondern weil sie Lukaschenko von dort weghaben will.
Nur will dieser seine Niederlage nicht wahrhaben. Deshalb reagiert er so irritiert, wenn er bei öffentlichen Auftritten ausgepfiffen wird und ihm sogar die vom Regime so gehätschelte Arbeiterschaft die Gefolgschaft kündigt. Die Arbeiter sind eine seiner Achillesfersen, die andere ist der Sicherheits- und Verwaltungsapparat. Wenn sich da einmal größere Risse auftun, ist es Zeit für Lukaschenko, an einen einigermaßen geordneten Abgang von der Macht zu denken.