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Gesundheitsversorgung

Weniger Krebs im Lockdown entdeckt

CORONAVIRUS: PK 'ERSTE ANALYSE UeBER AUSWIRKUNGEN DES LOCK-DOWN AUF DAS OeSTERREICHISCHE GESUNDHEITSSYSTEM': EGLAU / ANSCHOBER / HAM-RUBISCH
Karin Eglau (Gesundheit Österreich GmbH), Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Margot Ham-Rubisch (Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft) am Mittwoch.APA/HELMUT FOHRINGER
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Gesundheitsminister Anschober zieht eine erste Bilanz über die Auswirkungen des Lockdowns auf das österreichische Gesundheitssystem. Bei Herzinfarkt- und Krebsbehandlungen kam es zu einer massiven Reduktion.

Geschlossene Arztpraxen, abgesagte Therapien und Operationen: Oft wurde bereits vor gesundheitlichen „Kollateralschäden" aufgrund des Coronavirus gewarnt. Das Gesundheitsministerium hat nun erste Daten präsentiert, wie sich der Lockdown auf die gesundheitliche Versorgung ausgewirkt hat. In dieser Zeit habe man sich auf akute Behandlungen konzentriert, um in den Spitälern nicht an die Kapazitätsgrenzen zu stoßen, und „niemals entscheiden zu müssen, wer noch eine Behandlung bekommt und wer nicht“, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Das sei gelungen, aber: „Es hatte auch Nebenwirkungen."

Während des Lockdowns haben Österreichs Spitäler ihre Leistungen stark zurückgefahren. In beinahe allen untersuchten Bereichen reduzierten sich die stationären Aufenthalte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum massiv - sowohl bei akuten als auch nicht-akuten Erkrankungen. So kam es etwa seit Mitte März zu einem Viertel weniger Behandlungen aufgrund eines Herzinfarkts. Obwohl die genauen Gründe noch zu erheben seien, erklärte sich dies die Expertin von Gesundheit Österreich, Karin Eglau, durch die bestehende Angst, sich in Krankenhäusern anzustecken, aber auch, weil bestimmte „Triggerereignisse" für einen Herzinfarkt aufgrund des Lockdown möglicherweise ausgeblieben seien. Auf die geringere Mobilität während des Lockdowns - sowohl beim Sport als auch im Auto -  seien auch die um die Hälfte reduzierten Unfälle zurückzuführen. Ein Sonderfall bei den Akuterkrankungen seien, so Segau, die Schlaganfälle: Hier kam es anders als im internationalen Vergleich zu keiner Reduktion.

Ausgesetzte Krebs-Untersuchungen

Bei den Behandlungen aufgrund von Krebserkrankungen zeichnete sich ein problematisches Bild: Spitalsaufenthalte gingen um 20 Prozent oder mehr zurück. Gab es im Mai letzten Jahres etwa 540 Spitalaufenthalte aufgrund von Brustkrebs, ließen sich heuer nur 340 Patientinnen behandeln. Wohl auch deshalb, weil nur die dringendsten diagnostischen Untersuchungen durchgeführt wurden, meint Eglau. „Wir wissen, dass auch Mammografien verschoben wurden. Nur findet man dann auch keinen Krebs.“ Aber auch bei den Krebspatienten, „die ja gleichzeitig Teil der Risikogruppe waren“, habe vermutlich die Angst vor einer Ansteckung eine Rolle gespielt. Um längerfristige Auswirkungen vorauszusagen, sei es noch zu früh. Dennoch: „Möglicherweise werden die Stadien, wo der Krebs entdeckt wird, höher sein.“

Weniger ins Spital kamen auch Kinder und Jugendliche. Vor allem Infektionen gingen massiv zurück. Das sei „sehr erfreulich“, sagte Segau, weil die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln funktionieren würden. Was die Schließung von Kindergärten und Schulen mit den Kindern machen „wird man sich aber noch genauer anschauen müssen."

Genauer hinsehen müsse man noch in vielen Bereichen. Die nun präsentierten, „vorläufigen“ Daten seien nur „Blitzlichter“, ambulante Behandlungen seien etwa noch gar nicht inkludiert, sagte Segau. Anschober kündigte zudem bis Ende des Jahres eine „umfassendere Gesundheitsfolgenabschätzung“ für den Lockdown an.

Spießrutenlauf von Patienten

Weniger datengetrieben, aber durch tausende eingegangene Beschwerden getrieben war die Kritik von Patientenanwältin Margot Ham-Rubisch am „Herunterfahren“ der Gesundheitsversorgung, die auch jetzt noch „bei weitem vom Normalbetrieb entfernt“ sei. Patienten und Angehörige hätten einerseits besonders durch die massive Einschränkung von Besuchsrechten gelitten. Andererseits beklagte Ham-Rubisch die Absage von wichtigen Untersuchungen in Krankenhäusern, die „unkoordinierten Ordinationsschließungen“ im niedergelassenen Bereich und die fehlende Information der Ärztekammern. Ham-Rubisch schilderte exemplarisch den Spießrutenlauf eines Patienten für eine Krankschreibung, und die Verzweiflung eines anderen, er solle sich für eine Prostata-Biopsie aufgrund eines Krebsverdachts „melden, wenn das Coronachaos vorbei ist.“

Ham-Rubisch nahm Ärztekammern und Krankenhausträger in die Pflicht, auch in einem möglichen zweiten Lockdown die Versorgung aller Patienten sicherzustellen. Eglau folgerte mit dem Blick auf den Gesundheitsminister: „Man wird den Menschen das Vertrauen in die Spitäler zurückgeben müssen."

ÖGK: Mehrere hundert Millionen Verlust

Anschober sicherte zumindest von finanzieller Seite her zu, dass es für die Versicherten in Österreich „keine Verschlechterungen geben wird, keine Beitragserhöhungen oder Leistungskürzungen." Darauf habe er sich mit Vertretern der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) geeinigt, die dennoch vor einer beträchtlichen Finanzierungslücke stehen. Diese bewege sich - berechnet aufgrund steigender Arbeitslosenzahlen und Konjunkturprognosen - derzeit in einem „dreistelligen Millionenbereich für heuriges Jahr“. Für wie viel der Bund aufkommen werde, sei noch nicht entschieden, so der Gesundheitsminister. Aber: „Wir wollen die Kassen nicht alleine lassen.“ Akute Finanzierungsprobleme gebe es derzeit keine.