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Junge Forschung

Die körpereigene Tumorabwehr

Victoria Klepsch erforscht an der Medizinischen Universität Innsbruck neue Gene, die den Immunzellen helfen, Tumore anzugreifen.
Victoria Klepsch erforscht an der Medizinischen Universität Innsbruck neue Gene, die den Immunzellen helfen, Tumore anzugreifen.Thomas Steinlechner
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Molekularbiologin Victoria Klepsch konnte nachweisen, dass das Immunsystem durch die Hemmung eines bestimmten Gens zur Zerstörung von Krebszellen angeregt werden kann.

Unser Körper kämpft jeden Tag gegen Eindringlinge“, sagt Victoria Klepsch. „Gegen Viren oder Bakterien zum Beispiel, aber auch gegen eigene Zellen, die sich krankhaft verändern.“ Das Immunsystem beseitige sie meist wieder. „Manchmal haben solche Zellen allerdings perfide Tricks auf Lager, um seinen Waffen zu entgehen.“ Und wenn sie sich ungehindert teilen können, entstehe und wachse Krebs. Klepsch ist Molekularbiologin und Postdoc im Labor des Zellgenetikers Gottfried Baier an der Medizinischen Universität Innsbruck. Hier arbeitet man daran, den Körper in die Lage zu versetzen, in solchen Fällen selbst gegenzusteuern. „Die Tumorimmunologie ist ein großer Hoffnungsträger in der Krebsbehandlung und setzt darauf, körpereigene Abwehrzellen wie etwa T-Zellen zur Zerstörung von Tumoren anzuregen.“

Immun-Checkpoints verstehen

Bedeutsam könnte hier ein zuvor unbekanntes Gen namens NR2F6 sein, das Klepsch mithilfe von Kollegen als Immun-Checkpoint identifiziert hat. Diese Kontrollpunkte können T-Zellen zum Kampf gegen Krebs aktivieren, sie aber auch bremsen, damit es nicht zu überschießenden Immunreaktionen oder gar Autoimmunkrankheiten kommt. Von dieser Funktion profitieren Krebszellen. „Manche schaffen es, sich vor dem Kontrollpunkt zu verstecken und so einem Angriff durch die T-Zellen zu entgehen. Teilweise können sie aber sogar selbst den Befehl zur Abwehr ausschalten.“

Das Verständnis der Genfunktion von Immun-Checkpoints und deren Signalwegen in T-Zellen sei die Grundlage dafür, Stoffe zu finden, die hier regulierend eingreifen. „Hemmt man die Kontrollpunkte, sind die Immunzellen aktiver und können die Krebszellen attackieren“, so die Forscherin. Bislang gebe es erst wenige für die klinische Anwendung zugelassene Immun-Checkpoint-Hemmer. „Jeder Kontrollpunkt wirkt ein wenig anders in den Signalwegen, daher wird es in Zukunft um geeignete Kombinationen gehen.“

Dass NR2F6 ein vielversprechender Ansatz ist, konnte die 33-Jährige belegen. Im Unterschied zu bereits bekannten Immun-Checkpoints, die an der Oberfläche von T-Zellen liegen, befindet es sich direkt im Zellkern. „Der Vorteil der NR2F6-Hemmung ist, dass die Immunantwort nicht systemisch im ganzen Körper, sondern nur in aktivierten Immunzellen in unmittelbarer Tumornähe ausgelöst wird. Dies vermindert Nebenwirkungen.“ Und nicht zuletzt ließen sich darauf basierende Präparate kostengünstiger herstellen als andere Krebsimmuntherapien, die oft exorbitante Beträge verschlingen.

Für den Nachweis der therapeutischen Wirksamkeit in diversen Laborexperimenten erhielt Klepsch im Frühjahr den Mannagetta-Förderpreis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „So eine Anerkennung ist sehr motivierend“, versichert sie. „Außerdem ist es ein enorm spannendes Forschungsfeld, denn hier gibt es noch vieles zu entdecken. Wir haben erst an der Spitze des Eisbergs gekratzt.“
Die Entscheidung für die Biologie und eine wissenschaftliche Karriere fiel bei ihr erst nach und nach. „Die Natur hat mich zwar immer fasziniert, aber in puncto Berufsaussichten wollte ich zunächst auf Nummer sicher gehen.“ Sie besuchte die Handelsakademie und begann danach ein Doppelstudium in Biologie und Betriebswirtschaft in ihrer Geburtsstadt Innsbruck. „An der Uni habe ich aber schnell gemerkt, dass mein Herz für die Biologie schlägt.“ Mit Tumorimmunologie kam sie im Zuge ihres Masterstudiums in Molekularer Zell- und Entwicklungsbiologie in Berührung. Vor fünf Jahren dissertierte sie am Institut für Zellgenetik, wo sie bis heute forscht.

Als bald zweifache Mutter könne sie ihren Traumjob als Wissenschaftlerin allerdings nur durch die tatkräftige Unterstützung ihrer eigenen Mutter und ihres Mannes ausüben. „Dafür bin ich sehr dankbar“, betont sie. „Und auch für den flexiblen Arbeitsplatz, den mein Chef mir ermöglicht.“ Privat tankt sie am liebsten beim Wandern und Bergsteigen auf. „Hoch oben gewinne ich oft erstaunliche Einsichten über das wirklich Wichtige im Leben.“

Zur Person

Victoria Klepsch (33) hat an der Universität Innsbruck Biologie und Betriebswirtschaft studiert und den Master in Molekularer Zell- und Entwicklungsbiologie abgeschlossen. 2015 hat sie am Institut für Translationale Zellgenetik der Medizinischen Universität Innsbruck dissertiert, wo sie seitdem als Postdoc forscht. Im März erhielt sie den Mannagetta-Förderpreis für Medizin.