Die Holländerin Elsie de Brauw spielt bei den Salzburger Festspielen in dem Drama "Angst" nach Stefan Zweigs Novelle Irene Wagner;. Ein Gespräch über Beziehungslügen, Selbstschutz und die deutsche Sprache.
„Die Presse“: Sie spielen in dem Drama „Angst“ nach Stefan Zweigs Novelle Irene Wagner, eine untreue Frau, die aus Angst lieber in den Tod ginge, als ihrem Mann ein Geständnis zu machen. Was bedeutet das Wort Angst für Sie?
Elsie de Brauw: Angst ist eine körperliche Angelegenheit, anders als die Furcht, die ist etwas Bestimmtes. Ich habe, so wie Irene, immer auch Ängste, dass etwas zuschlägt, zum Beispiel, dass meine Kinder sterben. Vor drei Jahren hatte ich einen Stalker, der hat mir auch Angst eingejagt. Und jetzt habe ich vor der Aufführung Angst. Wie wird es sein?
Diese Irene ist unterdrückt, eine Frauenfigur von vor 100 Jahren. Können Sie das nachempfinden? Ist das nicht sehr altmodisch?
De Brauw: Wenn ich hier in Salzburg in einer Szene ins Publikum gehe und Einzelne anspreche, über eitle und wollüstige Frauen rede, die ihre Männer schamlos betrügen, dann sehe ich so manche zurückzucken. Ich glaube, man trägt auch heute noch immer Masken, trifft als Paar gesellschaftliche Verabredungen und zeigt sich nach außen hin glücklich. Nicht nur Irene hat eine Maske, sondern auch ihr Gatte, Fritz. Sie sehen aus wie ein tolles Liebespaar, aber sie sind überhaupt nicht ehrlich. Das ist aber eine Geschichte für alle Zeiten.
Eine Mode unserer Zeit ist es, dass man in einer Beziehung fordernd sagt: „Warum redest du nicht mit mir?“ Und dabei will man eben einfach nur ein Fußballspiel anschauen.
De Brauw: Ich kenne nicht so viele Ehepaare, deren Verhältnis gleichwertig ist. In „Angst“ ist Fritz der Boss. Sonst würde er seiner untreuen Frau keine Erpresserin schicken. Er behandelt sie wie die Katze das Mäuschen. Und in diesem Sinne fragt er seine Frau immer, ob sie ihm nichts zu sagen habe. Es gibt aber auch Ehefrauen, die Macht haben. Die sagen dann: „He, rede mit mir!“
Sie haben eine Künstlerehe, Ihr Mann Johan Simons ist Regisseur. Kennen Sie alle psychologischen Tricks, um Lügen zu entlarven?
De Brauw: Nein, die kennen wir nicht, zu Hause kann ich keine Theatertricks machen.
Ein Mensch, heißt es, lügt 77-mal am Tag, er kann nicht anders. Wer kann Lügen besser entlarven, Frauen oder Männer?
De Brauw: 77-mal? Aber nur gegenüber Männern! Es gibt verschiedene weibliche Angelegenheiten, von denen Männer nichts wissen müssen sollten. Frauen können besser lügen. Die Lügen der Männer zu enttarnen ist nicht so schwer. Wenn man sie gut kennt.
Hat die Beziehung von Fritz und Irene am Ende des Stücks überhaupt eine Chance?
De Brauw: Sie können am Ende der gesellschaftlichen Verabredung keine Chance mehr geben. Aber sie haben Kinder, die ihnen viel bedeuten. Es könnte ja sein, dass sie schließlich zu streiten beginnen und damit auch zu reden. Das könnte ein neuer Anfang sein. Irene wurde eingeschränkt, durch das Geschehen ist sie zum Nachdenken gekommen. Vielleicht war es das Beste, was ihr passieren konnte.
In einer Szene stecken Sie als Irene Ihren Kopf in eine Schublade, ein symbolisches Versteck. Was sind Ihre persönlichen Schubladen?
De Brauw: Schubladen, in denen man etwas sucht? Das sind meine Eltern, sie sind schon tot, sie sind meine Schutzladen, ich rufe sie an, sie sind immer bei mir, wenn ich wirklich Angst habe. Mein Mann findet das albern, aber mir hilft es. Im Vorjahr habe ich mit dem Auto bei einer langen Reise fast einen Unfall gebaut. Ich dachte, ich kann nicht mehr weiterfahren. Da habe ich imaginär meinen Vater und meine Mutter hinten in den Wagen gesetzt, Vater hat die Hand über meine Schulter gelegt. Das gab mir Kraft.
Das klingt wie eine Familienaufstellung, ruft nach Deutung. Haben sie einen Bezug zu Sigmund Freud, den Zweig sehr verehrt hat?
De Brauw: Ich habe Psychologie studiert. Ich weiß viel von ihm, glaube aber nicht, dass man alles sexuell erklären kann.
Im Stück stellen Sie die Irene dar, spielen sie und referieren dann aber auch erzählend über sie. War das schwer?
De Brauw: Die zwei Ebenen helfen mir, sonst müsste ich alles spielen. Man könnte dabei aber viel weniger zeigen.
Wie wohl fühlen Sie sich als Niederländerin in der deutschen Sprache?
De Brauw: Sie ist doch eine Fremdsprache für mich. Es hilft aber, dass die Sprache von Zweig so schön, so kostbar ist, keine Alltagssprache. Es ist insofern schwer, weil man in der fremden Sprache nicht improvisieren kann. Man fühlt sich, als ob man eine griechische Tragödie spielt. Das muss man wirklich gut und präzis machen.
Interessiert Sie Zweig über die Novelle hinaus?
De Brauw: Ich habe mir seine „Ungeduld des Herzens“ gekauft, und das werde ich jetzt lesen.
Irene scheint relativ harmlos, sie kennt ihren Mann doch kaum, diesen dominanten und selbstgerechten Rechtsanwalt...
De Brauw: Ich hoffe, sie lernt ihn noch kennen. Ich komme selber aus einer Rechtsanwaltsfamilie. Mein Vater war einer. Die Premiere hat auch ein Bruder von mir gesehen, der ebenfalls Rechtsanwalt ist. Er hat zu mir danach gesagt, er verstehe diesen Fritz total, und die Lösung mit der Erpresserin, die der Ehemann inszeniert hat, fand er elegant.
Das war von Fritz wahrscheinlich ein noch stärkerer Vertrauensbruch als jener von Irene.
De Brauw: Das finde ich auch, aber viele Männer sehen das nicht so. Mein eigener Sohn, er ist 17, hat zu mir gesagt, Irene sei doch schuld.
Ist Schauspiel für Sie eine Lüge?
De Brauw: Das finde ich überhaupt nicht. Es ist die totale, die größte Wahrheit. Wenn ich auf der Bühne anfange zu lügen, dann bin ich weg. Ich weiß bisher auch nicht, wie ich mich in den Stunden vor dem Auftritt verhalten soll, was die beste Stimmung ist, um in die Vorstellung zu gehen. Muss man vor diesem Höhepunkt am Abend fröhlich sein, sorglos, traurig? Muss man Probleme von zu Hause mitnehmen? Ich mache das schon.
Reagieren Sie auch auf das Publikum?
De Brauw: Natürlich. Aber manchmal ist das harte Arbeit. Bei der zweiten Vorstellung hier hatte ich erst das Gefühl, die Zuschauer seien skeptisch. Aber ab dem Monolog mit den Schubladen waren sie voll dabei. Das ist aber jeden Abend anders. Man muss offen reingehen, dafür braucht man jedoch Mut.
Würden Sie gerne auch Regie führen?
De Brauw: Nein. Dazu habe ich keine großen Ideen für Interpretationen. Ich kann tief schauen, aber nicht breit. Die Breite ist aber die Gabe der Regisseure. Ein guter Regisseur hat ein Œuvre, ein Schauspieler ist immer nur so gut wie seine letzte Rolle. Wir fangen immer wieder von Neuem an.
Laufbahn
■Elsie de Brauw, geboren 1960, studierte an der Theaterakademie in Maastricht, war Mitglied der Theatergruppe Hollandia und ist seit 2001 Ensemblemitglied am NT Gent. 2009 gastierte sie mit der Johan-Simons-Inszenierung von „Instinct“ bei den Wiener Festwochen. De Brauw arbeitet regelmäßig für Film und Fernsehen und gewann beim Nederlands Filmfestival 2007 den Peis als beste Darstellerin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.08.2010)