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Buchbesprechung

„Brüste und Eier“: Der verschlungene Weg zum Kind

Mieko Kawakami hat eine selbstkritische, zweifelnde, energiegeladene und authentische Heldin geschaffen.
Mieko Kawakami hat eine selbstkritische, zweifelnde, energiegeladene und authentische Heldin geschaffen.(c) Wakaba Noda
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Eine Enddreißigerin wünscht sich ein Kind. Wie könnte sie es bekommen? Mieko Kawakamis Roman über eine alleinstehende und asexuelle Japanerin räumt mit vielen Klischees auf.

Über das Kinderkriegen sind in letzter Zeit viele Romane erschienen. Autorinnen berichten über die Freuden und über die Zumutungen, Mutter zu werden. Mutterschaft ist, gerade weil sie heutzutage für viele Frauen nicht mehr selbstverständlich ist, zum Gegenstand der literarischen Reflexion geworden. Frausein und Muttersein ist heute nicht mehr eins. Was also macht die Mutterschaft mit der Frau?

„Lebenswerk“ lautet der vielsagende Titel des Romans der Schriftstellerin Rachel Cusk über das Mutterwerden. „Das sagt einem ja keiner“, fasst die britische Poetin Hollie McNish ihr Erstaunen über die dramatische Veränderung ihres Lebens in Worte. Und Elisa Albert beschreibt in „Einschnitt“ die Depressionen einer Frau aus dem US-Intellektuellenmilieu nach der Geburt ihres Kindes. Auch die Entscheidung, kinderlos (oder: kinderfrei) zu bleiben, ist literarisch aufgegriffen worden: in Sheila Hetis „Mutterschaft“ etwa.

An einen anderen Aspekt wagen sich weniger Autorinnen heran, obwohl er an Dramatik kaum zu überbieten ist: den unbedingten Kinderwunsch und die Hindernisse auf dem Weg dorthin. Diese Problematik findet vor allem Ausdruck in Ratgebern und Onlineforen. Nicht in der Literatur.
Doch nun dieses Buch von Mieko Kawakami, das sich dem Thema mit großer Bedächtigkeit und aus der Perspektive einer jungen Japanerin nähert: „Brüste und Eier“ heißt der erfolgreiche Roman, der nun auf Deutsch erschienen ist. In ihm geht es um die Enddreißigerin Natsuko Natsume, die alleinstehend ist, kein sexuelles Interesse hat, sich aber ein Kind wünscht.

Wettstreit der Normen. Die sympathische Frau erscheint als typische Vertreterin ihrer Generation: Sie hat sich trotz widriger Bedingungen ein eigenständiges Leben geschaffen. Ihre ärmliche Herkunft in Osaka hat sie hinter sich gelassen. Sie lebt in Tokio und kann sich vom Schreiben ernähren. Als Autorin schreibt sie kürzere Texte für Journale; eigentlich aber arbeitet sie schon länger – erfolglos – an ihrem Roman.

Rund um die Schriftstellerin treten andere Frauen des zeitgenössischen Japans auf: ihre ältere Schwester Makiko, Bardame in einem heruntergekommenen Etablissement. Nichte Midoriko, deren Aufwachsen Natsuko mit Anteilnahme beobachtet. Freundinnen, die in ihrer Ehe unglücklich sind und gegen die traditionelle Unterordnung des weiblichen Lebensentwurfs aufbegehren. Ihre Lektorin Sengawa, eine erfolgreiche, kinderlose Frau. In ihren Gesprächen reflektieren die Frauen geltende Normen. Und sie diskutieren, ob Natsuko in Ermangelung eines Partners eine anonyme Samenspende aus dem Ausland oder einen Spender von einer japanischen Webseite nutzen soll. Ist das egoistisch? Was ist ihre Verantwortung gegenüber einem Kind? Was bedeutet es, gute Eltern zu sein?

Nur der Wille zählt. Natsuko verwirren die widersprüchlichen Botschaften um sie herum. Ihre Schwester warnt sie vor der Verantwortung als alleinerziehende Mutter. Ihre Lektorin rät ihr, sich aufs Schreiben zu konzentrieren. „Für ein Kind braucht man keine männliche Lust“, stellt eine befreundete Autorin hingegen trocken fest. „Weibliche Lust natürlich auch nicht. Man muss auch nicht miteinander schlafen. Man muss den Willen haben.“ Sie rät ihr, einen Spender zu suchen und einen Roman über ihre Wahl zu schreiben. „Oder gibt's so ein Buch schon?“

Mieko Kawakami hat es geschrieben. Ihr gelingen in dem Roman mehrere Dinge. Sie beschreibt die japanische Gegenwartsgesellschaft, in der traditionelle Geschlechterrollen mit individuellen Wünschen kollidieren. Sie beschreibt eindringlich das soziale Gefälle: die Geldsorgen der Durchschnittsbürger, ihre Verschuldung. Aber auch kulturelle Besonderheiten wie den offenbar sehr speziellen Dialekt von Osaka, der Stadt, aus der die Autorin selbst stammt. Vor allem aber porträtiert Kawakami eine großartige Heldin: selbstkritisch, zweifelnd, energiegeladen, authentisch. Sie schlägt einen, ihren Weg ein, den sie zuvor erst finden muss. So wie das Leben ein Risiko ist, ist es mit dem Geborenwerden: „Niemand von uns kommt freiwillig auf die Welt.“

(c) Dumont Verlag

Neu Erschienen

Mieko Kawakami
„Brüste und Eier“

Übersetzt von Katja Busson,
Dumont Verlag, 496 Seiten, 24,70 Euro

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2020)