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Unterwegs

Liebt mich, liket mich, verehrt mich!

(c) imago/Westend61
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Warum findet die Jugend plötzlich das Wandern so toll? Das kann wohl nur an Instagram liegen.

Noch vor zehn Jahren konnten sich Jugendliche nichts Spießigeres, Öderes und Sinnloseres vorstellen als zu wandern. „Was machst du so in deiner Freizeit?“: Wer darauf die Lust des Müllers nannte, erntete Spott, Hohn oder peinlich berührtes Schweigen. Heute schenken sie dir leuchtende Augen und ein andächtiges: „Wow, toll!“ Weil die Jugend nun häufiger heuchelt, höflicher ist als früher? Nein, so gut können die sich nicht verstellen. Um das Rätsel zu lösen, genügt ein Blick in den Jubiläumskalender: Seit zehn Jahren gibt es Instagram. Seither inszenieren Schüler und Studenten ihr Leben auf der Fotoplattform.

Um nicht als völlige Loser zu gelten, brauchen sie prestigeträchtige Kulissen. Aber spätestens wenn sie am Pragser Wildsee in Südtirol (eineinhalb Millionen Besucher pro Jahr), nach Stau und verzweifelter Parkplatzsuche, eingekeilt zwischen all den anderen Möchtegern-Influencern ihr 30-Sekunden-Fotoshooting am Ufer absolvieren, dämmert auch ihnen, dass mit solchen Allerweltsaktionen kein Pokal zu gewinnen ist. Und so ruft nun auch sie der Berg. Oben angekommen, rufen sie zu uns: Seht her, ich habe unter größten Mühen und Gefahren diesen Gipfel erklommen, um dieses legendäre Foto zu schießen! Liebt mich, liket mich, verehrt mich!

Auf der norwegischen Trolltunga, einem mächtig gehypten Felsvorsprung, kann man nach 28 Kilometern Anstieg für einen schnellen Schuss so tun, als wäre man der König der Löwen. Aber nicht ohne zuvor auf luftiger Höhe in Norwegens längster Schlange zu stehen. Ich finde: Das sieht nicht gut aus. Gibt's dagegen keinen Filter?

karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2020)