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„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“: Ein verrücktes Fest der Fiktion

Zwei behinderte Menschen, die einander lieben: Rosa (Macarena García) und Gárate (Javier Botet).
Zwei behinderte Menschen, die einander lieben: Rosa (Macarena García) und Gárate (Javier Botet).(c) Filmladen
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Normal ist das alles nicht: Mit seinem großartigen Debüt „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ macht Aritz Moreno Hoffnung auf ein neues spanisches Filmwunder.

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ist nicht unbedingt ein Titel, der rasantes Kinovergnügen und große Leichtigkeit verspricht. Dabei unternimmt der spanische Regisseur Aritz Moreno in seinem Langfilmdebüt eine wahre Tour de Force durch so unterschiedliche Genres wie Krankengeschichte, Thriller, schwarze Komödie, Beziehungsdrama und Horrorfilm. Unterwegs mutet er seinen Protagonisten wie dem Publikum einiges an Härten zu und entfaltet ein gewitztes Panorama der Gegenwart.

Dabei begnügt er sich nicht damit, die Wirklichkeit filmisch auf der Höhe der Zeit auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen – mit allen Abgründen und Geschichten dieser Welt, samt den daran hängenden, teils nachvollziehbaren, teils abstrusen Theorien über sie. Aus Mengen an Stoff, die andere gleich zu mehreren abendfüllenden Epen inspirieren könnten, extrahiert er wie nebenbei auch noch eine vexierbildhafte Metaerzählung über das Wesen des Erzählens selbst

Alles beginnt damit, dass eine Frau nach Hause kommt und ihren Mann versunken in die Betrachtung seiner Fäkalien vorfindet. Sie lässt ihn in eine Klinik „im Norden des Landes“ einweisen. Auf ihrer Rückfahrt nach Madrid trifft die Frau, von der wir später erfahren, dass sie die Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) ist, im Zug auf einen Mitreisenden, der sich als Ángel Sanagustín (Ernesto Alterio) vorstellt und als Psychiater in eben jener Klinik, in der sie ihren Mann untergebracht hat. Um die Fahrt kurzweiliger zu gestalten, bietet er an, aus einer Akte von Patientengeschichten vorzulesen, die er mit sich führt.

 

Der Psychiater und seine Puppen

Schizophrene, erklärt er zum Einstieg, neigten häufig dazu, immer wieder das eigene Leben zu schildern, allerdings jedes Mal anders. Ihre Persönlichkeit bestehe „lediglich aus einer Abfolge sich überlappender Episoden“, hinter denen kaum etwas zu finden sei, das sich als Individuum bezeichnen ließe. Paranoiker hingegen nähmen verstärkt Notiz von der Außenwelt und stellten falsche Zusammenhänge her. Ihre Geschichten könnten daher sehr gefährlich werden.

Von solch einem Paranoiker handelt sein erster Fall – auch wenn der Psychiater dessen Leben und Wirken anschließend ein ums andere Mal unterschiedlich erzählen wird. Martín Morales de Úbeda (Luis Tosar), so sein Name, hat im Kosovo-Krieg als Angehöriger der Luftstreitkräfte verstörende Erfahrungen rund um ein finanziell vor dem Ruin stehendes Kinderkrankenhaus gemacht, zu dessen Erhalt sich die leitende Ärztin auf die zwielichtigen Machenschaften einer Geheimgesellschaft einlässt. Was sie Martín hierzu anvertraut, bringt ihn – recht nachvollziehbar – um den Verstand.

Doch das ist nur der erste Schritt in ein ganzes Geflecht aus sich auf verschiedenen Ebenen überlagernden Geschichten – ein Dickicht, in dem die Grenzen zwischen Autoren, Erzählern und Figuren mehr und mehr verschwimmen.

So wird zunächst Ángel in Martíns Geschichte regelrecht hineingezogen, und in mehreren Anläufen entstehen konkurrierende Bilder einer Arzt-Patienten-Konstellation, die einmal mehr, einmal weniger Gefahr beinhaltet. Doch bald findet sich auch Helga, die Zuhörerin des zugfahrenden Psychiaters, mit ihrer ganzen Existenz tief gefangen wieder in diesem Erzählkosmos, dessen Struktur mit dem von Ángel genutzten Bild von den russischen Matroschkapuppen nur unzureichend beschrieben ist.

In drei Kapiteln mit unzähligen untergeordneten Episoden erschafft „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ ein sich verästelndes Gefüge von miteinander kommunizierenden Themen und Motiven um Wahnvorstellungen, Persönlichkeitsspaltungen, das Elend des Menschen in einer nicht immer vorteilhaft eingerichteten Welt – und auch seltsame Formen der Liebe. Und obwohl Morenos Film von verrückten Bild- und Erzählideen nur so strotzt, droht er doch an keiner Stelle auseinanderzufallen.

Mit einem ganzen Ensemble an hoch originellen Figuren und einer nie nachlassenden Spannung eröffnet „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ berechtigte Hoffnungen auf ein neues spanisches Filmwunder nach Almodóvar.

 

Großes Kino nach 20 mageren Jahren

Zuletzt hatte es Ansätze dazu um die Jahrtausendwende mit den ersten größeren Filmen Julio Médems gegeben, allen voran „Die Liebenden des Polarkreises“ von 1998. Dessen Werk verlor sich dann allerdings in einer vordergründigen Fokussierung auf hübsch anzuschauende erotische Oberflächen und verlor beständig an erzählerischer Dichte. Mit seinem zwischen Verrücktheit und Brillanz mäandernden Erstling empfiehlt sich nun Moreno als neuer Anwärter auf diesen wichtigen, aber unbesetzten Platz im europäischen Kino.

„Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“
(im Original: „Ventajas de viajar en tren“). Spanien, Regie: Aritz Moreno; Länge: 103 Minuten. Läuft zurzeit in vielen österreichischen Programmkinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2020)