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Tschechien: „Die dramatischen Erkenntnisse waren alle falsch“

Tschechien bdquoDie dramatischen Erkenntnisse
(c) Clemens Fabry
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Gernot Mittendorfer, Chef der tschechischen Erste-Tochter, über Stärken seines Marktes und Fehler des IWF. "In der Krise waren die Tschechen im Vorteil, weil sie mit der Krone steuern konnten."

„Die Presse“: Während bei den Erste-Töchtern in Ungarn, Rumänien und der Ukraine hohe Kreditausfälle drohen, schreibt ihre Tschechische Sparkasse schöne Gewinne . . .

Gernot Mittendorfer: Tschechien war von der Krise weniger betroffen als andere Ostländer. Und als exportstarkes Land profitiert es jetzt vom beginnenden Aufschwung.

Das klang zu Beginn der Krise anders: Tschechien sei durch die dominante Autoindustrie zu stark von Exporten nach Westeuropa abhängig, wo die Nachfrage wegbricht, hieß es da.

Mittendorfer: Diese Bedenken habe ich nie geteilt. In Tschechien bauen Škoda, Hyundai, Peugeot-Citroën und Toyota vor allem Kleinwagen, die in der Krise noch stärker gefragt sind. Auf einen Škoda Fabia wartet man so lange wie auf ein Luxusgefährt. Das Hyundai-Werk ist das modernste des Konzerns. Auch wenn die Autobranche zu hohe Kapazitäten hat: Man wird sie nicht dort reduzieren, wo man am effizientesten arbeitet.

Als einziges EU-Land hat sich Tschechien gegen den Plan Brüssels einer Bankensteuer gestellt. Haben Sie besser lobbyiert als andere?

Mittendorfer: Wir haben gar nicht lobbyiert. Das ganze Land – Nationalbank, Parteien und Bürger – ist überzeugt, dass eine Bankensteuer kontraproduktiv für die Wirtschaftsentwicklung ist. Das Finanzsystem hat keine staatliche Hilfe gebraucht. Diese Stimmung, dass „die Banken zahlen sollen, weil sie die Krise provoziert haben“, ist viel weniger verbreitet als in Österreich. Diesem Populismus folgen die Politiker nicht, das hat mich selbst überrascht. Die Zentralbank sieht auch den international Trend zu mehr Regulierung kritisch. Zu Recht: Nicht fehlende Regeln haben die Krise verursacht, sondern mangelhafte Aufsicht.

Der neue Gouverneur Miroslav Singer hat im „Presse“-Interview auch die Rolle des Internationalen Währungsfonds in Osteuropa scharf kritisiert. Ebenfalls zu Recht?

Mittendorfer: Ich finde es richtig, dass sich die Prager Notenbanker zu Wort melden. Internationale Analysten haben bei Osteuropa nie differenziert. Man hat das schlechteste Land als Maßstab für alle anderen genommen. Da wurden – auch von Ratingagenturen – aus isolierten Zahlen dramatische Erkenntnisse gezogen, die allesamt falsch waren. Tschechien stand als hoch verschuldet da, obwohl es eines der wenigen Länder ist, die mehr Einlagen als Ausleihungen haben. Wenn die angeblich besten Ökonomen solche Fehler machen und damit Spekulationswellen gegen Währungen auslösen, dann muss man reagieren.

 

Wie hoch ist bei der Česká spořitelna der Anteil notleidender Kredite?

Mittendorfer: Wir haben schon im ersten Quartal die Spitze erreicht, mit sechs Prozent. Das ist nicht dramatisch. Ein Grund dafür: Im tschechischen Privatgeschäft gibt es keine Devisenkredite. Aus gutem Grund, denn der Kronen-Zinssatz liegt unter dem des Euro. Zwar hat die Krone in den letzten zehn Jahren um ein Drittel aufgewertet, aber damit hat niemand spekuliert. Und es gibt genug Liquidität in heimischer Währung, weil so viel gespart wird. Die Leute hier sind sehr vorsichtig, das ist die nordeuropäische Mentalität.

Wie steht der Staatshaushalt da?

Mittendorfer: Schon für 2010 wurde im Vorjahr ein striktes Sparprogramm beschlossen – das hatten wir von der Übergangsregierung gar nicht erwartet. Die neue Regierung will das noch schneller umsetzen. Das kostet heuer einen halben Prozentpunkt Wachstum, aber mittelfristig wird das Land von diesem Weg profitieren.


Warum haben die Tschechen den Euro noch nicht eingeführt?

Mittendorfer: Weil sie ihn nicht wollen. Die Slowaken haben von der Einführung zuerst profitiert, durch günstige Refinanzierungskonditionen. Aber in der Krise waren die Tschechen im Vorteil, weil sie mit der Krone steuern konnten. Zum Problem kann werden, wenn die Krone wieder extrem aufwertet– vor der Krise waren es 15Prozent in neun Monaten. So etwas stellt die exportorientierte Industrie vor enorme Herausforderungen. Deshalb will sie den Euro. Aber die Bevölkerung will ihn großteils nicht, und dass die Eurozone jetzt Griechenland retten muss, verstärkt die Skepsis. Gastkommentar, Seite30

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2010)