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Testessen im Everybody's Darling

Christine Pichler
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Mit dem Everybody's Darling landete eine Luxuskreuzfahrtschiffsbar auf den Tuchlauben. Damit ist das neue gefährliche Bermudadreieck perfekt.

Es war und ist ein kulinarisch trauriger Ort, im Bermudadreieck verschwanden nicht nur die Besucher und Neuzugezogenen aus den nahen und fernen Bundesländern und Bezirken, sondern auch fette überbackene Brote, Bier und saurer Wein. Ja, es gab Ausnahmen wie den Kuchldragoner mit seinem ewigen Reisfleisch und das Ma Pitom mit schickem Mittelmeeressen und dazugehörigen ersten Dates, aber sonst war das alte jüdische Viertel ein kulinarisches Trauerspiel. Das ist leider zum Teil noch immer so, aber es gibt nun ein neues Bermudadreieck 4.0, oder besser: eines für Journalisten, Sektionschefs und Entrepreneure. Spätestens in der Postlockdownzeit etablierten sich die Schanigärten von Schwarzem Kameel, der Campari Bar, dem Fabios und dem Kain und Abel der Wiener Lokalszene - Café Korb und Delia's - als ein Wiener Szenefeld, das einen die Krise vergessen machen könnte. Nun gibt es einen potenziellen Neuzugang für diese sehr Wienerische Luxusmeile, der sich aber noch beim Publikum beweisen muss.

Nachdem es die Nachtlokale und Bars noch immer schwer haben, machten die Betreiber des Everybody's Darling aus der Not eine Tugend und eröffneten folgerichtig eine Tagesbar. Der schmale Schanigarten auf den Tuchlauben war anfangs mehr eine Raucherbar. Die Homepage ignoriert Corona ziemlich lustig: "Bars sind Orte, die man besucht, um zu sehen und gesehen zu werden. Um alte Gesichter zu treffen und neue zu finden. Ein Küsschen links, ein Küsschen rechts, eine Umarmung, Blickkontakt."

Ok, ich blicke mal. Etwa auf die Inneneinrichtung, die auch ein New Yorker Hotel oder noch besser ein Luxuskreuzfahrtschiff zieren könnte   im Hafen von Dubai. Da hat eine ganze Truppe ein bisschen Geld investiert, konkret handelt es sich um ein Klassentreffen der Wiener Nachtszene aus Volksgarten und Co. Entsprechend kommen auch Nachtvögel endlich früher in ihr Lokal. Wirklich bemerkenswert sind die originellen Drinks - vor Yuzu gibt es kein Entkommen - und die Küche des Chefs, der stolz den Titel "TV-Koch" trägt, was in Streamingzeiten auch ein Statement ist.

Christine Pichler

Jedenfalls hat Alexander Kumptner da ein Trüffel-Ei zubereitet, das so mollig, buttrig und intensiv schmeckt, dass wir nie wieder nach Alba fahren müssen. Das gute Beef Tartare darf auf der Miniaturspeisekarte nicht fehlen, wirklich empfehlenswert ist die Ceviche von der zarten Wildgarnele, die von Koriander und der omnipräsenten Avocado unterstützt wird. Das soll hier definitiv kein Aufruf sein, schon untertags zu trinken, sondern eher viele der Kleinigkeiten zu verzehren, um eine Unterlage zu schaffen. So hätte man das im alten Bermudadreieck formuliert.

Info

Everybody's Darling, Tuchlauben 22, 1010 Wien, Tel.: +43/(0)664/10 50 550.

Restaurant geöffnet: Montag - Samstag, 10:00 - 1:00 Uhr.

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("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 28.08.2020)