Film

Johanna Moder: "Aktivisten sind schwierig"

Johanna Moder über ihren neuen Film "Waren einmal Revoluzzer", eine Jugend ohne Film und die "stille Revolution", die sie als Kind anzettelte.

Ihren ersten revolutionären Akt vollzog Johanna Moder als Kind in der Oststeiermark. Aufgewachsen in Graz, verbrachte die Filmregisseurin viel Zeit in der Heimat ihrer Mutter, in Miesenbach bei Birkfeld. Dort pflegten die Kinder zu Ostern den Brauch des Weihfeuertragens - pardon: nicht alle Kinder. "Damals war irgendwie klar, dass das nur Buben machen dürfen. Mir hat sich logisch nicht erschlossen, warum das ein männlicher Brauch sein soll", sagt Moder, die damals unbedingt mitgehen wollte: "Weil das ja super ist: Du gehst von Haus zu Haus und kriegst ein Ei oder fünf Schilling." Ihre Mutter gab ihr Recht, ließ den großen Bruder das Feuer holen, "verkleidete" die Tochter mit einer Haube und schickte die beiden los.

Wirklich für einen Buben dürfte sie niemand gehalten haben, erzählt Moder heute. Aber aufgeregt hat sich auch niemand - und ab da zogen in Miesenbach auch die Mädchen mit dem Weihfeuer um die Häuser. "Es war eine stille Revolution!", lacht Moder. Dass sie sich den "inneren Revoluzzer" bewahrt hat, hofft sie sehr. In ihrem jüngsten Film geht es um Menschen, die gern für ihre Ideale eintreten würden, aber an der eigenen Bequemlichkeit scheitern. "Waren einmal Revoluzzer", jetzt im Kino, dreht sich um zwei Paare (gespielt von Julia Jentsch, Manuel Rubey, Marcel Mohab und Aenne Schwarz), die einander mehr oder weniger freundschaftlich verbunden sind: Liberale Mitt-/Enddreißiger, die in schönen Altbauwohnungen leben, an der Karriere oder zumindest der künstlerischen Erfüllung feilen und daran erinnert werden, dass sie einmal etwas bewegen wollten: Pavel, ein Freund aus Studienzeiten, lebt als Aktivist im Moskauer Untergrund und hat Schwierigkeiten. Sie beschließen, ihn nach Wien zu holen. Fühlt es sich nicht toll an, etwas Gutes zu tun, nicht nur darüber zu reden?

Undankbar? Doch Pavel kommt nicht allein, sondern bringt auch Kind und Frau mit, nach der per Haftbefehl gesucht wird. Und die "Geretteten" benehmen sich nicht so dankbar und unterwürfig, wie es die "Retter" sich vorgestellt haben. Bald geht die erste Designerlampe zu Bruch, bald auch das erste Nervengerüst. Wie vertragen sich Idealismus und Kleinbürgerlichkeit, wie ein paternalistisches Konzept des "Helfens" mit dem Auflehnen gegen Autoritäten? "Wenn jemand mittellos herkommt, dann wünscht man sich, dass er in seinem Heimatland Autoritäten bekämpft oder sich für Demokratie eingesetzt hat, also ein aktivistischer Mensch ist. Nur soll der hier dann seinen ganzen Aktivismus ablegen? Wenn du aktivistisch bis, dann bist du schwierig, dann lässt du dich nicht in eine Rolle hineindrängen", sagt Moder. Ein Phänomen, das auch Flüchtlinge betrifft: "Wenn Flüchtlinge auf ihre Rechte pochen, wirft man ihnen vor, dass sie nicht dankbar sind für alles, was sie bekommen."

Inspiriert hat Moder ein ähnlicher Fall aus ihrem Bekanntenkreis - wobei die russischen Aktivisten da noch viel extremer gewesen seien und die Österreicher aufopfernder. "Ich habe das abgeschwächt, weil die Sympathie sonst zu eindeutig auf der Seite der Österreicher gewesen wäre." Letztendlich erzähle sie eine Geschichte über eine überforderte Generation: "Wir alle haben Ideale, gleichzeitig prasselt so viel auf uns ein: Die Welt ist in ihrem jetzigen Zustand so kaputt, dass wir als Individuen nicht mehr hinterherkommen, das zu reparieren."

Julia Jentsch und Manuel Rubey in "Waren einmal Revoluzzer"(c) Filmladen

Das Drehbuch entwickelte sie mit ihren Darstellern Manuel Rubey (dessen Töchter auch mitspielen) und Marcel Mohab, die schon in ihrem Spielfilmdebüt "High Performance" zwei Brüder gespielt hatten: Einen ehrgeizigen Karrieristen und einen verpeilten Künstlertypen. Diesmal ist die Rollenverteilung genau umgekehrt. Für die Figurenzeichnung beobachteten sie Menschen aus dem eigenen Umfeld - um auf realistische Art die Facetten einer Person einzufangen. "Die Menschen sind nicht stringent. Sie behaupten oft das eine und handeln dann ganz anders." Immer wieder fragten sich die drei selbst: Wie würden wir in so einer Situation agieren? "Es war eine ehrliche Selbstbeschau: Wie weit sind wir selbst bereit, für unsere Ideale auf den eigenen Komfort zu verzichten? Ich kann die Figuren nicht verurteilen: Wir würden wahrscheinlich auch scheitern."

Horror der Geburt. Das ist es, was Johanna Moder in all ihren Filmen beschäftigt: "Die Sehnsucht nach dem idealen Leben und das gleichzeitige Scheitern daran." Als Nächstes will sie sich für einen Horrorfilm mit dem Thema Geburt beschäftigen. "Es gibt Themen, die uns Frauen betreffen, doch es gibt keine Erzählung darüber. Dadurch, dass Männer nicht betroffen sind, werden diese Themen - der Wechsel, postnatale Depression - in Geschichten kaum behandelt. Das beschäftigt mich. Und ich finde, dass da viele Horrorelemente drinstecken."

Moders erste Liebe war übrigens nicht der Film, sondern die Literatur: Als Kind wollte sie Schriftstellerin werden und las viel. Die Theatergruppe Dagmar, in der sie damals aktiv war und zu der auch Marcel Mohab gehörte, trifft sich immer noch zur jährlichen Jahreshauptversammlung. Mit siebzehn bekam Moder zu Weihnachten eine Hi8-Kamera. Ab 2001 studierte sie Regie an der Wiener Filmakademie. Ihre Jugend war davor relativ filmfrei abgelaufen: "Ich hatte als junger Teenager eine Gehirnerschütterung und musste auf Anraten der Ärzte sehr lang immer um zwanzig Uhr schlafen gehen, um Langzeitschäden zu vermeiden. Ich habe deshalb fast keinen Film gesehen, den Menschen aus meiner Generation gesehen haben. So viele Filme kann man gar nicht nachsehen, es ist chancenlos! 'Star Wars' habe ich bis heute nicht gesehen. 'Dirty Dancing' habe ich mir vor zwei Jahren zum ersten Mal angeschaut. Und er hat mir sehr gut gefallen!"

"Waren einmal Revoluzzer". Ein Film von Johanna Moder, mit Julia Jentsch, Manuel Rubey, Marcel Mohab und Aenne Schwarz. Ab 28. August im Kino.

(("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe))