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Der ökonomische Blick

Commerzialbank Mattersburg: „Don’t put all your eggs into one basket!”

Peter Kufner
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Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Stefan Pichler über die Commerzialbank Mattersburg und die burgenländische Landespolitik.

„Don’t put all your eggs into one basket!”. Dieses Zitat (das auch in Standardwerken der Finanzwirtschaft hin und wieder zitiert wird) wird Yogi Berra zugeschrieben, dem wohl für alle Zeiten erfolgreichsten Baseballspieler, der neben seinen sportlichen Leistungen vor allem auch für seine teilweise ungewollten Aphorismen und Malapropismen („Yogiisms“) bekannt wurde. Auf gut deutsch würde man diesen Ausspruch wohl mit „Setze nicht alles auf eine Karte!“ übersetzen, aber man kann sich die Situation aus auch Sicht eines Eierlieferanten oder des Osterhasen gut vorstellen, dass es im Fall eines Sturzes oder einer anderen starken Erschütterung einen großen Unterschied machen wird, ob man seine auszuliefernden Eier in einem einzigen Korb verstaut oder auf mehrere Körbe aufgeteilt hat.

In der Finanzwirtschaft wird diesem Ausspruch durch das Prinzip der Risikostreuung – der Diversifikation – Rechnung getragen. Dieses Prinzip besagt zunächst nur ganz einfach, dass Investitionen und Veranlagungen, die auf mehrere Investitionsobjekte aufgeteilt sind, weniger riskant sind als Investitionen in wenige oder gar nur ein einziges Investitionsobjekt. Diese Aussage ist mathematisch beweisbar, wenn man ausschließt, dass man die Zukunft – etwa durch gute Beziehungen zu besonderen Gottheiten (was bis ins 18. Jahrhundert tatsächlich auch in der Wissenschaft vielfach geglaubt wurde) – perfekt vorhersagen kann. Es ist daher quasi eine Errungenschaft der Aufklärung, dass bei Entscheidungen, in denen zukünftige Ereignisse eine Rolle spielen, auch das Prinzip des Zufalls – also der Nichtvorhersehbarkeit – eine große Rolle spielen muss. Und das gilt ebenso für Finanzinvestitionen: Wenn man nicht zu 100 Prozent genau weiß, was das Ergebnis sein wird, reduziert Diversifikation immer das Risiko.

Die große Errungenschaft der 50er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in den Wirtschaftswissenschaften war die Erkenntnis, dass für risikoaverse Anleger selbst unter Berücksichtigung des Umstands, dass gewisse Investitionsobjekte einen höheren Ertrag erwarten lassen als andere, Diversifikation immer zu besseren Ergebnissen führt. Risikoaverse Anleger würden bei gleichem erwarteten Ertrag immer die risikoärmere Variante wählen. Wenn man nun eine Anlagemöglichkeit in ein ganz bestimmtes einzelnes Anlageobjekt als mögliche Investitionsvariante betrachtet, dann kann man in der Regel immer ein Portfolio aus mehreren Anlageobjekten – also ein diversifiziertes Portfolio – finden, das bei gleichem erwarteten Ertrag ein geringeres Risiko aufweist. In den mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichneten Arbeiten von Harry Markowitz und William Sharpe konnte sogar gezeigt werden, dass diese im Risiko-Ertrags-Sinne effiziente Veranlagungen immer extrem breit gestreut sind, und unter gewissen Voraussetzungen sogar das gesamte Marktportfolio umfassen sollten.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Wenn man diese bedeutende Errungenschaft auf die Entscheidungssituation der Veranlagung von liquiden Finanzmitteln („Cash Management“) herunterbricht, bedeutet das nichts anderes, als dass man seine Veranlagungen immer auf mehrere Objekte aufteilen muss (es sei denn, man kann sich zu 100 Prozent sicher sein, was die Zukunft bringt). Stellen wir uns ganz konkret ein Unternehmen oder eine Gemeinde vor, die 100 Millionen Euro an Bankkontobeständen hat. Nehmen wir zusätzlich auch an, dass die Notwendigkeit, diese 100 Millionen Euro sehr kurzfristig liquide zu veranlagen, auch wirklich gegeben ist. Was kann/soll so ein Unternehmen oder Gemeinde nun tun? Eine Möglichkeit wäre, den gesamten Betrag bei einer einzigen Bank zu veranlagen, beispielsweise bei jener Bank, deren Zweigstelle am besten zu erreichen ist, oder bei jener Bank, die die höchsten Zinsen in Aussicht stellt. Diese Lösung ist immer die Lösung mit dem absolut größten Risiko, es sei denn, man kann sich zu 100 Prozent sicher sein, was die Zukunft bringt, das heißt ob die betreffende Bank wirklich mit völliger Sicherheit in der Lage sein wird, die veranlagte Summe auszuzahlen. Letzteres wäre beispielsweise dann realistisch, wenn es sich um 100.000 Euro handelt, die ja von der Einlagensicherung abgedeckt werden könnten. Aber für größere Beträge oder Beträge von Gemeinden bzw. Landesgesellschaften haftet die Einlagensicherung nicht. In diesem Fall sagen Harry Markowitz, William Sharpe und Yogi Berra – gemeinsam mit dem gesunden Hausverstand -, dass diese Variante nicht gut ist. Es ist immer besser diese Beträge auf mehrere Banken aufzuteilen. Und das völlig unabhängig davon, wie hoch die verschiedenen Zinsversprechen sind. Ich spreche hier ganz exakt immer von „Zinsversprechen“, weil jene Banken, die die höchsten Zinsen versprechen, aus empirischer Sicht immer jene sind, bei denen die Wahrscheinlichkeit, dass diese Zinsen (und der veranlagte Betrag) gar nicht gezahlt werden, am höchsten ist. Zusammenfassend halte ich fest: Beträge über der gesetzlichen Einlagensicherung müssen, wenn man irgendwie auf Risiken achten will, auf mehrere Banken aufgeteilt werden.

Folgende Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen dem eingegangenen Risiko und der Anzahl der Banken, auf die man die 100 Millionen Euro aufgeteilt hat.

Abbildung 1: Darstellung der Abhängigkeit des Risikos (vertikale Achse) von der Anzahl der Banken (horizontale Achse), auf die der Betrag von 100 Mio. EUR aufgeteilt wird. Das Risiko wird als Value-at-Risk zum 0.1%-Niveau berechnet. Diese Kennzahl ist in der Bankpraxis und Bankaufsicht sehr gebräuchlich. Andere Kennzahlen würden analoge Ergebnisse liefern. Die Ausfallwahrscheinlichkeit einer einzelnen Bank ist mit 0.1% angenommen (was in etwa dem internationalen empirischen Marktdurchschnitt entspricht). Ebenso wurde angenommen, dass Bankausfälle voneinander unabhängig sind, was empirisch natürlich nicht realistisch ist. Man muss aber sehen, dass die Bankaufsicht weltweit derzeit als oberstes Ziel die Finanzmarktstabilität verfolgt, also genau diese Abhängigkeit versucht möglichst klein zu halten. Wenn es dennoch solche Abhängigkeiten gäbe, wäre die dargestellte Kurve nur etwas flacher, und die daraus abgeleiteten Schlüsse blieben inhaltlich zur Gänze bestehen.

Man erkennt sehr deutlich, dass selbst eine Streuung auf eine geringe Anzahl an Banken das Risiko drastisch reduziert. Man braucht nun kein großes mathematisches Wissen, um zu erkennen, dass es für risikoaverse Anleger auf jeden Fall geboten ist, den angelegten Betrag auf mehrere Banken aufzuteilen. Bereits bei fünf Banken hat man einen sehr starken Diversifikationseffekt. In diesem Beispiel ist das Risiko um etwa 80 Prozent reduziert, bei einer Aufteilung auf zehn Banken hat man bereits eine extrem starke Risikoreduktion erreicht.

Jetzt stellt sich die Frage, wieso im Fall der Insolvenz der Commerzialbank Mattersburg derart viele Unternehmen und öffentliche Einrichtungen von derart großen Verlusten zu berichten hatten. Einige davon – vor allem Gemeinden aus dem Umland von Mattersburg - gaben den Medien gegenüber an, dass sie ihr gesamtes liquides Finanzvermögen dort angelegt gehabt hätten. Lassen wir einmal die Frage, warum auch private Unternehmen dieses unnötige Risiko eingegangen sind, beiseite und konzentrieren wir uns auf die betroffenen Landesunternehmen und Gemeinden, die ja nicht ihr privates Geld dort veranlagt hatten, sondern Steuergelder, für die sie eine besondere Sorgfaltspflicht haben.

Spätestens seit der schief gelaufenen Veranlagung der Österreichischen Bundesfinanzierungsagentur 2008/09 und der darauffolgenden Welle an Skandalen um riskante Finanztransaktionen öffentlicher Einrichtungen (Land Salzburg – Rathgeber, Stadt Linz – Swap mit der Bawag, u.v.m) muss allen Entscheidungsträgern klar sein, dass der Umgang mit öffentlichen Finanzmitteln einer besonders risikobewussten Ausrichtung bedarf. Der Grundsatz der risikoaversen Finanzgebarung wurde unter dem Schlagwort „Spekulationsverbot“ mittlerweile im Bund und in allen Bundesländern gesetzlich verankert. So sagt zum Beispiel das Burgenländische Finanzgebarungs- und Spekulationsverbotsgesetz in § 3 Absatz 1: „Rechtsträger haben ihre Finanzgebarung insbesondere […] bei der Veranlagung öffentlicher Mittel und beim Risikomanagement bezüglich der Risikoarten Kreditrisiko und Liquiditätsrisiko […] risikoavers auszurichten“.

Das ist eine ganz klare gesetzliche Vorgabe, dass Anlageentscheidungen risikoavers auszurichten sind. Im Fall der Veranlagung liquider Mittel heißt das ganz eindeutig, dass man die Mittel diversifizieren und somit auf mehrere Banken aufteilen hätte müssen. Es drängt sich nun die Frage auf, ob sich jene Gemeinden und andere öffentlichen Einrichtungen, die das nicht getan haben, im Sinne dieses Gesetzes verhalten haben. Auch bei jenen Gemeinden und öffentlichen Einrichtungen, die zwar höhere Beträge bei der Commerzialbank Mattersburg angelegt haben aber ihr Geld auch auf andere Banken verteilt hatten, besteht eine gesetzliche Vorgabe in § 3 Absatz 2 des oben genannten Gesetzes: „Das Managen des Kreditrisikos soll sicherstellen, dass die Bonität eines Schuldners […] laufend beobachtet wird.“ Haben die betroffenen Gemeinden und Landesgesellschaften das wirklich getan? In einigen öffentlichen Aussagen von betroffenen Bürgermeistern weisen diese ja gerade darauf hin, dass sie gar nicht in der Lage waren, die Bonität laufend zu beobachten. Das hätten sie diesem Gesetz folgend aber tun müssen.

Wie hätten sich Gemeinden und andere öffentliche Einrichtungen nun richtig verhalten sollen, um den Vorgaben der gesetzlich geforderten risikoaversen Finanzgebarung zu entsprechen? Ganz einfach, zuerst hätte man Veranlagungsobergrenzen („Limits“) für einzelne Banken festlegen müssen, deren Höhe sicherstellt, dass es immer eine ausreichende Diversifikation auf mindestens fünf, besser aber zehn Banken gibt. Danach hätte man eine Liste von Banken vorgeben müssen, bei denen eine Veranlagung zulässig ist, d.h. deren Bonität man laufend überprüfen kann. Für jene Gemeinden oder anderen Institutionen, die keine Technologie zur Durchführung eigener Bonitätsbeurteilungen besitzen, kommen dann nur mehr jene Banken in Frage, die eine Bonitätsbeurteilung („Rating“) durch eine anerkannte Ratingagentur besitzen. Das sind in Österreich im Prinzip alle Großbanken und indirekt auch all jene Banken, die in einem Haftungsverbund mit einer gerateten Großbank sind (z.B. Raiffeisenbanken oder Sparkassen). Eine Veranlagung bei einer anderen Bank hätte nur zulässig sein dürfen, wenn man selbst die erforderlichen regelmäßigen Bonitätsprüfungen vorgenommen hätte.

Abschließend stellt sich natürlich noch die Frage, wieso im Fall der Commerzialbank Mattersburg so viele Gemeinden und Landesgesellschaften ihre Veranlagungsentscheidungen nicht nur entgegen den Regeln des gesunden Hausverstands getroffen haben, sondern auch entgegen den Vorgaben eines geltenden Landesgesetzes gehandelt haben. Ein möglicher Grund könnte die sehr schwach ausgeprägte Detaillierung des Burgenländischen Finanzgebarungs- und Spekulationsverbotsgesetzes sein. Während in anderen Bundesländern (etwa in Tirol oder der Steiermark) die generellen Grundsätze wesentlich detailreicher normiert werden, findet man im burgenländischen Landesrecht außer diesen Grundsatzvorgaben vergeblich nach genaueren Regelungen (es ist etwa einigermaßen unklar, ob dieses Gesetz sich auch überhaupt auf Gemeinden bezieht). Aber vielleicht existieren ja auch interne, nicht veröffentlichte Regelwerke, die genauere Handlungsempfehlungen geben. Ein anderer möglicher Grund könnte auch ein Mangel an entsprechender Aufsicht und Kontrolle durch die Einrichtungen des Landes Burgenland sein. Zum Beispiel findet man in allen auf seiner Webpage veröffentlichten Prüfberichten des Burgenländischen Landesrechnungshofes keine Hinweise, dass es jemals eine Prüfung der Risiken in der Veranlagung von Finanzmitteln von Gemeinden gegeben hätte (obwohl alle anderen Element der Finanzgebarung sehr wohl regelmäßig bei verschiedenen Gemeinden geprüft wurde). Auf jeden Fall ist festzuhalten, dass wenn es eine Aufsicht und Kontrolle der Veranlagungsentscheidungen der Gemeinden und Landesgesellschaften überhaupt gegeben hat, diese Aufsicht und Kontrolle nicht ausreichend war, um die gegenständlichen Verluste zu verhindern.

Was kann man aus diesen Betrachtungen lernen? Öffentliche Einrichtungen beginnend vom Bund und Ländern bis hin zu Gemeinden, Sozialversicherungsträger oder Universitäten müssen im Sinne einer risikoaversen Finanzgebarung ihre liquiden Finanzmittel in jedem Fall auf ausreichend viele Banken aufteilen und überhaupt nur bei jenen Banken veranlagen, wo man in der Lage ist, laufend Informationen über deren Bonität zu beobachten. Alles andere wäre ein sorgloser und fahrlässiger Umgang mit Steuergeldern.

Stefan Pichler
Stefan Pichler(c) © Katharina Schiffl

Der Autor

Stefan Pichler ist seit 2003 Professor für Banken und Finanzwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien und war dort auch als Vizerektor für Forschung tätig. Er ist Mitglied der Vienna Graduate School of Finance und war in den letzten Jahren Leiter zahlreicher Forschungsprojekte im Bereich Zinsmärkte und Bankenregulierung.

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