Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Kunst und Klimawandel

Fotografin Samoylova: "Ich möchte keine Propaganda machen"

Camouflage, 2017, aus der Serie: FloodZone.Anastasia Samoylova
  • Drucken

In ihrer Fotoserie „FloodZone“ widmet sich Anastasia Samoylova den Auswirkungen des Klimawandels in Florida. Die verstörende Wirkung dieser Bilder entfaltet sich oft erst bei genauerem Hinsehen.

Ein rosaroter Gehsteig, helle, mediterrane, zeitgenössische Architektur, hochgewachsene Palmen: Bestandteile einer pittoresken Stadtszenerie, wie sie sich nicht unschwer Miami Beach zuordnen lässt. Doch die Idylle ist getrübt von Spuren der Zerstörung. Denn die Palmen stehen nicht aufrecht, sie lehnen an den Fassaden, wurden aus ihrer Verwurzelung gerissen. Das Foto zeigt offenbar eine Situation, wie sie sich nach Eintreten (und Vorübergehen) einer Naturkatastrophe darstellt. „Pink Sidewalk“ ist gerade wegen dieses Perspektivenwechsels zwischen erstem und getrübtem zweiten Blick ein gutes Beispiel für die Arbeit von Anastasia Samoylova. 1984 in Moskau geboren, zog sie in ihren Zwanzigern in die USA und lebt seit 2016 in Miami.

Zerstörung. Szenen wie diese dokumentiert Samoylova in ihrem Alltag in Miami.Anastasia Samoylova


Diese urbane Stadtlandschaft, ihre neue Heimat, erschloss sie sich zunächst ohne die Absicht, sie zum Teil ihrer künstlerischen Arbeit zu machen, mit beobachtender Street Photography. Diese Art des beobachtend dokumentierenden Fotografierens war damals uncharakteristisch für Samoylova, doch sie bot sich als geeigneter Kanal an, um ihre Position der Zugezogenen widerzuspiegeln.

Anastasia Samoylova

„Eigentlich bin ich ein Mensch des Nordens. Ich wurde in Moskau geboren, wuchs in der Sowjetunion auf, lebte in den USA zunächst im Mittleren Westen. Florida ist wie ein Kondensat der amerikanischen Verrücktheit“, erzählt sie am Telefon. „Für Menschen, die schon lang hier leben, ist das die Normalität. Aber für mich, die als Beobachterin von außen nach Miami kam, war diese Realität auf vielen Ebenen verstörend.“

Wirkung auf den zweiten Blick. Nutzte sie Fotografie zunächst somit als Mittel der Selbstverortung in einem neuen Lebensumfeld, wurde Samoylova bald auf den Aspekt der bedrohten Stadtlandschaft und die sich dramatisch ankündigenden Folgen des Klimawandels aufmerksam. „FloodZone“ ist der Titel ihrer seit 2016 kontinuierlich fortgesetzten Fotoserie, die spürbare Auswirkungen desselben in Miami dokumentiert.

An Intensität und Häufigkeit zunehmende Orkane („Pink Sidewalk“ zeigt die Nachwehen eines solchen Sturms) gehören dazu, wie auch Überflutungen ohne vorangehenden Starkregen – auch sie treten häufiger auf als in der Vergangenheit und machen weiterhin ansteigende Immobilienpreise auch in bedrohten Gegenden zum Paradoxon.

Verwurzelt. Im Fokus der Fotografin steht die sich allmählich verändernde Natur in Florida.(c) Anastasia Samoylova


„Viele Bilder, die die Klimakatastrophe begleiten, zeigen weit Entferntes oder zugespitzte und vorübergehende Situationen wie Großbrände in der Wildnis“, sagt Samoylova. „Ich möchte weniger dramatische Situationen zeigen, die ästhetisiert sind und so vielleicht erst beim zweiten Hinschauen ihre Wirkung entfachen.“ Diese Wirkung soll aber dann umso größer sein und zum Beispiel, hofft die Fotografin, auch Skeptiker oder gar Klimawandelleugner zum Nachdenken bringen. „Wie schwer ist es, in eine Bibliothek zu gehen und sich einschlägige Fachliteratur zu besorgen?“, fragt Samoylova. Ihre Hoffnung, dass Kunst dazu beitragen kann, die Einstellung ihrer Betrachter zu verändern, ist ungebrochen.

Eine pädagogisch zu nennende Wirkungsabsicht hat Anastasia Samoylova also ohne Zweifel, wobei sie Wert darauf legt festzuhalten: „Als jemand, der in der Sowjetunion aufgewachsen ist, möchte ich ganz bestimmt keine Propaganda machen.“ Sich spürbar ändernde Realitäten scheinen aber ohnehin für sich zu sprechen, so ist etwa New York wenige Tage vor dem Gespräch mit der Fotografin als subtropisch eingestuft worden: „So etwas ist doch unglaublich“, sagt Samoylova. „Auch hier in Florida werden schon offen Gespräche darüber geführt, welche Straßen auf den Keys man künftig nicht mehr instand halten wird, weil sie ohnehin von Überflutung bedroht sind, sodass künftig manche Wege nur mehr mit dem Boot zurückgelegt werden können.“

Mehr Ressourcen für Männer. Die positive Resonanz, auf die Samoylovas „FloodZone“-Serie stößt, legt nahe, dass das Thema auch in der Kunstwelt derzeit von vielen als relevant angesehen wird. Ihre Perspektive als Beobachterin von alltäglichen Situationen in ihrem urbanen Lebensumfeld entspreche, meint Samoylova, zugleich einer etablierten Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in der Fotografie: „Die beeindruckenden, wuchtigen Naturaufnahmen von oben, etwa von Gletscherlandschaften in Südamerika – dafür braucht es teure Ressourcen, gesponserte Expeditionsreisen. Traditionell haben eher Männer Zugang zu diesen Mitteln, Frauen sind auf die ‚Everydayness‘ ihrer Beobachtungen zurückgeworfen“, unterstreicht sie. Der Eindrücklichkeit ihrer Arbeit tut dies freilich keinen Abbruch, und Anastasia Samoylova hat auch vor, sich weiterhin der in „FloodZone“ angerissenen Themenwelt zu widmen. Für eine künftige Serie erkundet sie derzeit die Atlantikküste von Florida, eine Referenz sind in den frühen Vierzigerjahren von Walker Evans aufgenommene Bilder. Samoylova wird also nicht müde, Facetten des Alltagswahnsinns in ihrem „neuen Territorium“, wie sie es nennt, zu erkunden.

Tipp

„FloodZone“. Das Fotobuch ist 2019 im Steidl Verlag erschienen. Bilder aus der Serie sind ab 16. 9. im Kunst Haus Wien zu sehen.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 28.08.2020)