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An meine Völker: Es werden bessere Tage wiederkommen

Reden an die Nation können kurz wie ein Leitartikel oder ausufernd wie ein Roman sein. Auf jeden Fall sollten sie beruhigen.

Der Debattierklub „Cicero“ in den Festsälen des Gegengiftes hat eine kaum zu bezähmende Passion. Seine Mitglieder lieben allerlei Reden zur Lage der Nation, vor allem die englischen und amerikanischen, weil sie nur selten larmoyant (wenn auch nicht immer gehaltvoll) sind. Allein ihr Pathos bringt uns leicht zum Lachen. Seit 1964 haben wir die Reden der US-Präsidenten vor ihren Volksvertretern und ergo auch ihrem Volk mitgeschrieben. Es ist praktisch, gelungene Passagen beiläufig in einen wilden Diskurs einzuflechten. Meist hat das beruhigende, manchmal sogar sedierende Wirkung.

Wie lang soll eine solche Rede dauern? Das ist Charaktersache. Präsident Lyndon B. Johnson brauchte bei den State-of-the-Union-Ansprachen im Schnitt knapp 50 Minuten, Richard Nixon nur 35. Ronald Reagan war für gewöhnlich nach 40 Minuten fertig, Gerald R. Ford nach 45, so wie George Bush Senior. Sein Junior hingegen stammelte um sieben Minuten länger, bis dem Kongress vielleicht klar war, was Sache sei. Die demokratischen Präsidenten zwischen und nach diesen zwei Republikanern zeigten sich vergleichsweise maßlos: Bill Clinton mit 74 und Barack Obama mit 62 Minuten wurden inzwischen allerdings von Donald Trump überboten. Der Rechtsausleger pendelte sich bei 75 Minuten ein. So lang dauert ein billiger Horrorfilm aus Hollywood.

Als am wenigstens ausgeglichen erwies sich Jimmy Carter. Im Schnitt dauerten seine Reden zwar bloß 37 Minuten, aber jene von 1981, die er nur schriftlich abgab, umfasste 33.667 Wörter! Ein langer Brief zum kurzen Abschied. Wie knapp hielt sich da im Vergleich George Washington. Die erste Rede an die Nation 1790 endete nach 1089 Wörtern. Kurz wie ein Leitartikel. Alles drin. Die im Bürgerkrieg siegreichen Kolonien imitierten mit diesem Statement einen Brauch des entfernten britischen Königshauses.

Und wenn man die beiden Traditionen vergleicht? Es kann nur eine geben. Seit Queen Elizabeth II. 1952 den Thron bestieg, hat sie 65 Mal zur Eröffnung des Parlaments gesprochen. Allein die Schwangerschaften 1959 und 1963 haben ihren Auftritt verhindert. Und wie lang redet sie? 10 Minuten dauert die von Ministern geschriebene Ansprache im Mittel. Ohne Zorn und Eifer. Cool wie Britannia. Präzision pur. Thematisiert werden darin all jene Gesetzesvorschläge, die danach im Unter- und im Oberhaus zur Debatte stehen sollen.

Rarer ist es, wenn sich Elizabeth von zu Hause aus an ihre Völker richtet. Da muss schon der Irak-Krieg ausgebrochen, die unglückliche Schwiegertochter verunglückt oder die Mutter gestorben sein, damit die Allgemeinheit von der Königin in solch royaler Form informiert wird. Zuletzt hielt sie Anfang April 2020 eine derartige Ansprache von Windsor aus – wegen der Coronapandemie, die Großbritannien besonders hart getroffen hatte: „We will succeed . . . better days will return,“ tröstete die Queen ihre Untertanen. Maßvolle Verse, wie aus besten elisabethanischen Tagen. Das kann kein US-Präsident überbieten.