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Gesundschrumpfung nötig

Raumplaner Heinz Fassmann empfiehlt kleinen Gemeinden im „Presse“-Gespräch den Rückbau überdimensionierter Infrastruktur.

„Die Presse“: Manch einer sah den Trend zum Haus im Grünen beendet. Dabei scheint der Boom des Speckgürtels erst bevorzustehen. Heinz Fassmann: In Österreich hat die Suburbanisierung später eingesetzt als in Deutschland oder den USA. Gegenüber diesen Ländern haben wir Aufholbedarf. Dabei ist der Begriff Speckgürtel irreführend und ungerecht. Umlandgemeinden stellen Arbeitsplätze und Einkaufszentren zur Verfügung, von denen die großen Städte profitieren. Das Verhältnis zwischen Großstadt und Umland ist kein asymmetrisches mehr. Was wäre Wien ohne den Flughafen in Schwechat und die rundherum angesiedelte Wirtschaft? Was wäre Wien ohne Vösendorf, Mödling und Wr.Neudorf, wo sich das Transportgewerbe konzentriert?


Ein Teil der Prognose ist, dass „Altösterreicher“ ins Umland, Ausländer in die Städte ziehen.
Fassmann: Die Beschreibung der Tendenz ist korrekt. Zwischen den beiden Migrationen gibt es aber keinen kausalen Zusammenhang. Die einen ziehen nicht weg, weil die Ausländer kommen. Sie tun das beispielsweise auch deshalb, weil sie Kinder bekommen und mehr Wohnraum mit spezifischer Lebensqualität suchen. Und dass Städte Zuwanderer aus dem Ausland anziehen, war schon immer so.


Das sieht nach dem aus, was Kritiker Ghettobildung nennen.
Fassmann: Der Begriff ist vorbelastet. Aber: Es gibt eine großräumige, soziale Entmischung. Mittel- und Oberschichthaushalte konzentrieren sich in einigen Bereichen des unmittelbaren Stadtumlandes, weniger Vermögende weiter draußen, wo es billiger ist. In den Städten beobachten wir ein differenziertes sozialräumliches Muster, Ghettos sehen aber anders aus.


Das Wachstum um die Zentren wird die Verkehrsinfrastruktur weiter fordern. Was ist zu tun?
Fassmann: Die Umlandgemeinden besitzen ein hohes Maß an Autonomie. Jede bemüht sich selbstständig um Zuzug. Das fördert eine fragmentierte Entwicklung. Besser wäre es, das Wachstum im Einzugsbereich bestehender Verkehrsachsen wie Bahntrassen oder Autobahnen zu konzentrieren. Die Räume zwischen den Achsen sollten aber frei gehalten werden.

Was bedeutet die Entwicklung für schrumpfende Regionen?
Fassmann: Infrastruktur kann man nicht von heute auf morgen zurückfahren. Und man muss sie auch dann aufrechterhalten, wenn sie nicht mehr ausgelastet ist. Betroffene Regionen müssen Pläne zur langfristigen Gesundschrumpfung entwickeln. Die schlechte Nachricht lautet: Auch der Rückbau von Infrastruktur kostet Geld.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2010)