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Plastikproblem

Möbel aus dem Meer

Landgang. Die dänische Firma Wehlers setzt auch auf Plastik aus dem Meer.
Landgang. Die dänische Firma Wehlers setzt auch auf Plastik aus dem Meer.(c) Mette Johnsen
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Die Designer fischen neue Materialien und Ideen aus dem Wasser: in Form von Plastik.

Das Problem, es liegt im Wasser. Es treibt dort, häuft sich zu Inseln, sammelt sich am Ufer, dringt tief ein in biologische Kreisläufe und allmählich auch ins Bewusstsein der Menschen: Plastik. Der Niederländer Marius Smit musste nur vor die Haustür gehen, um zu sehen: Das Plastikproblem treibt nicht in weiter Ferne auf den Ozeanen vor sich hin, sondern auch in den Grachten von Amsterdam. Deshalb hat er gleich dort im Jahr 2011 eine Initiative verankert, die inzwischen zum Unter-nehmen ausgewachsen ist. Plastic Whale entstand ursprünglich aus einer simplen Idee – aus dem Plastik im Wasser ein Boot zu bauen. Inzwischen sind 13 Boote daraus geworden, alle aus den naheliegendsten lokalen Ressourcen gemacht: dem Müll, der auf den Wasserwegen der Stadt schwimmt. Mit diesen Booten gehen Mitarbeiter von Plastic Whale und Freiwillige fischen: Neues Material muss her. Unter anderem für eine „Signature Collection“ von Möbeln, die man zusammen mit dem Möbelhersteller Vepa und dem Designbüro Lama Concept entwickelt hat. Ein Konferenztisch war das erste Stück – denn der eigene im Büro war plötzlich zu klein geworden. Leuchten folgten, Stühle auch. PET-Schaum formt etwa ihre Lehnen zu einer Walflosse, die den Rücken stützt. 67 PET-Flaschen muss man dafür aus dem Wasser Amsterdams angeln, dann werden sie geschreddert, daraus wird Granulat – die Basis des neuen alten Materials. Und daraus wiederum werden die Möbel. 

Eingekleidet. Normann Copenhagen mit dem Material „Oceanic“.
Eingekleidet. Normann Copenhagen mit dem Material „Oceanic“.Normann Copenhagen

Fürsprecher des Ozeans

„Plastik ist ein Designfehler. Wenn es einmal produziert ist, stirbt es nie“, sagt Cyrill Gutsch, der Gründer von Parley for the Oceans, in einem Talk während des Virtual Design Festivals im Juni dieses Jahres, das Onlinedesignmagazin Dezeen hat es veranstaltet. Doch auch aus diesem „Fehler“ versuchen inzwischen verschiedene Gestalter das Beste zu machen. Zumindest solange innovative biologische Materialien das Plastik noch nicht vollständig ersetzen können – in der Produktion, auf dem Markt, im Alltag.Algen, Bakterien, Enzyme und Proteine – auf dieser Basis würden die Materialien der Zukunft wachsen, meinte Gutsch. Bis es so weit ist, hat Parley for the Oceans sicherheitshalber seine eigene Material-Trademark geschaffen: „Ocean Plastic“. Daraus sind unter anderem inzwischen auch Turnschuhe gemacht, in Kooperation mit Adidas. Oder Kreditkarten, gemeinsam mit American Express.

Walflosse. 67 PET-Flaschen aus Amsterdamer Grachten für die Rückenlehne.
Walflosse. 67 PET-Flaschen aus Amsterdamer Grachten für die Rückenlehne.Vepa

Doch mehr als Übergangslösungen könnten auch das nicht sein, meinte Gutsch: „Die Kreislaufwirtschaft wird mit den Materialien, über die wir heute verfügen, nie richtig funktionieren.“Doch Plastik, aus dem Meer gefischt, ist inzwischen trotzdem als innovative Materialressource für Designmöbel angekommen. Obwohl der dänische Hersteller Wehlers in seiner Onlineselbstdarstellung behauptet: „Die Welt braucht keine neuen Designmöbel.“ Sondern eher Lösungen, wie man das anachronistische Material Plastik in neue gestalterische Zusammen-hänge einfügt. Wehlers verwendet „Ocean Plastic“ schon länger. Und mit dem Modell „R.U.M“, ein Akronym aus „Re-Used-Material“, so konsequent wie nie zuvor: Der Stuhl ist zur Gänze aus Plastik, das aus dem Ozean gefischt worden ist, und recyceltem Stahl gefertigt. Auch ein anderer dänischer Hersteller, Normann Copenhagen, öffnet sich den Materialressourcen, die zuvor nicht mehr als Müll gewesen sind, weil man sie auch als nichts anderes betrachtet hat. Inzwischen überzieht man auch bei Normann Copenhagen manche Sitzflächen und Lehnen mit Stoffen, deren Grundlage aus dem Meer geschöpft worden ist – wie alte Fischernetze oder Wasserflaschen: „Oceanic“ nennt sich das Material. Jeder Laufmeter des Stoffes entspricht 26 Plastikflaschen.