Was nicht im Schulbuch steht

Universität Nagoya. Schweigen im Hörsaal. „Erinnerungskultur“, so das Thema meiner Lehrveranstaltung. Was wissen meine Studenten von den japanischen Kriegsverbrechen? Vom Nanking-Massaker, von den „Trostfrauen“, von der Einheit 731?

Im Hörsaal herrscht absolutesSchweigen. Während der Nachspann zu Bill Guttentags preisgekrönter Spieldoku „Nanking“ läuft, wende ich mich zu den Studierenden, versuche, in ihren Gesichtern zu lesen. Viele haben den Kopf gesenkt. Einige wischen sich verstohlen die Augen. „Möchte jemand etwas zu dem Film sagen?“, frage ich – und ahne doch schon aufgrund der Erfahrung der vergangenen Monate, dass sich niemand freiwillig melden würde. Stille. Wieder bin ich mir nicht sicher, ob sie nichts sagen wollten oder nichts sagen können, weil sie nicht verstanden haben.

Erinnerungskultur in Österreich und in Japan, das hatte ich zum Thema meiner Gastvorlesung gemacht. Fokus: Umgang mit der NS-Zeit in Österreich, Umgang mit dem sogenannten 15-jährigen Krieg zwischen 1931 und 1945 in Japan. Die Vorlesung war eine Lehrveranstaltung im Rahmen interkultureller Studien, musste ein kulturvergleichendes Thema behandeln und in englischer Sprache abgehalten werden – das waren die einzigen Vorgaben, alles andere hatte mir die Städtische Universität Nagoya freigestellt. Die Unterrichtssprache sollte zunächst eine der größten Hürden darstellen. Langjährige Japan-Insider meinten sarkastisch, dass derartige Gastprofessuren wohl in erster Linie dazu dienten, die Englischkenntnisse der Studierenden zu verbessern. Auch inhaltlich musste ich bei null beginnen. Die Befassung mit Geschehnissen, die 70 Jahre zurückliegen, waren für die Studenten, die in erster Linie mit der Frage beschäftigt waren, ob sie in ein paar Jahren ei- nen Job finden würden, fremde Nachrichten aus einer fremden Welt, und zwar auch ihr eigenes Land betreffend.

Bill Guttentags Film erzählt die Geschichte von John Rabe, Vertreter der Siemens China Company in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking. Rabe wird 1937 Augenzeuge des Wütens der japanischen Truppen bei der Eroberung von Nanking. Als Reaktion auf „die Vergewaltigung Nankings“, wie das Massaker im englischsprachigen Raum treffend bezeichnet wird, errichtet Rabe gemeinsam mit rund einem Dutzend anderer westlicher Ausländer eine internationale Sicherheitszone. Der Hitler-Verehrer und „Parteigenosse“ Rabe setzt dabei vergeblich auf die Hilfe der Nazis. Trotzdem gelingt es ihm und den anderen Ausländern, rund 200.000 Zivilisten das Leben zu retten. Der Film ist eine Montage aus dokumentarischem Material, Zeitzeugeninterviews sowie Originaltexten aus Briefen und Tagebüchern der ausländischen Helfer. Chinesische Überlebende des Massakers zeigen die tiefen Narben an Körper und Seele, die ihnen über die Jahrzehnte geblieben sind; ehemalige japanische Militärs geben Morde und Vergewaltigungen zu.

Ob den Studenten und Studentinnen so etwas zumutbar sei? Der mich betreuende Professor äußerte vorweg seine Bedenken. Die jungen japanischen Studenten seien sehr sensibel, ich solle darauf Rücksicht nehmen.


Erstarken der Revisionisten

Erst als wir die Sitzordnung im Hörsaal aufbrechen und einen Halbkreis bilden, wagen sich einige aus der Reserve. Sie sind erschüttert und überwältigt von der Dimension der Verbrechen. Besonders schockiert sind sie von den Aussagen der japanischen Veteranen. Manche meinen, sie schämten sich für Japan. „Aber wer sagt uns denn, dass das die Wahrheit ist?“, meint eine schließlich. „Wem soll ich glauben – Ihnen, dem Film oder den Websites, auf denen steht, dass das alles eine Erfindung des Westens ist?“ Eine andere Studentin nickt. Bei der Einnahme von Nanking durch japanische Truppen wurden nach heutigen Erkenntnissen zwischen 200.000 und 300.000 Menschen getötet und Zigtausende chinesische Frauen vergewaltigt. Im Internet sei von weitaus weniger Toten die Rede, sagt die Studentin. Ich stelle die Gegenfrage: Wie könnten Sie sich selbst ein objektives Bild über die historischen Fakten machen? Sie wissen keine Antwort.

Ich gebe ihnen die Aufgabe, für den Abschlusstest einige Fragen schriftlich zu beantworten: Fanden sich Kriegsverbrechen wie das Massaker von Nanking, die sogenannten „Trostfrauen“ oder die Einheit 731 in Ihren Schulbüchern? Was wissen Sie von den Revisionisten? Was wissen Sie aus anderen Quellen über die Kriegszeit, und was war in der Vorlesung neu für Sie?

Die euphemistische Bezeichnung „Trostfrauen“ ist eine wörtliche Übersetzung aus dem Japanischen, die sich etabliert hat. Mindestens 200.000 Frauen wurden in ei- nem von der japanischen Armee organisierten System aus ganz Asien als Zwangsprostituierte in Frontbordelle verschleppt.

Die dem Army Medical College unterstellte Einheit 731 führte in der Mandschurei Forschungen zur bakteriellen und biologischen Kriegsführung und Menschenexperimente durch, bei denen mindestens 3000 Menschen starben. Die Verbrechen kamen nicht vors Tokioter Kriegsverbrechertribunal, da sich die USA die Untersuchungsergebnisse sicherten.

Die jungen Menschen, die vor mir sitzen, haben etwa zwischen 1999 und 2007 die Junior High School und die High School besucht. Die Schulbücher unterliegen durch dieZulassungsbehörde im Erziehungsministerium einer starken staatlichen Kontrolle. „Was in den Schulbüchern steht, ist ein Symbol für die japanische Haltung, sich an die Kriegsvergangenheit zu erinnern“, wie ein Student richtig schreibt.

1996 wurde ein „Verein zur Erstellung neuer Geschichtslehrbücher“ gegründet, der sich auf Englisch als „Japanese Society for History Textbook Reform“ bezeichnet. Der Verein fordert ein Ende des „masochistischen Geschichtsbildes“, das seit der Nachkriegszeit in den Geschichtslehrbüchern, etwa durch die Darstellung der „japanischen Aggression in Asien“, vertreten werde. Zum Stein des Anstoßes wurde vor allem die Erwähnung der „Trostfrauen“ in den Schulbüchern. 2001 wurde das Buch für den Unterricht zugelassen, allerdings nur an wenigen Schulen verwendet; seine Neuauflage 2005 führte zu heftigen antijapanischen Protesten in China.

Der japanische Historiker Takashi Yoshida sieht im Erstarken der Revisionisten eine Gegenbewegung zur früheren Geschichtsdarstellung. Er weist darauf hin, dass das Massaker von Nanking unmittelbar nach 1945, spätestens aber durch eine aufsehenerregende Artikelserie in der „Asahi“-Zeitung 1971 wesentlicher Bestandteil der japanischen Nationalgeschichte geworden ist.

Später werte ich die Antworten der 26 Studenten aus. Tenor: „Nanking“ ist eine Fußnote im Geschichtsunterricht, reduziert auf einen Begriff, einen Ort, einen „Zwischenfall, bei dem es eine große Zahl an chinesischen Opfern gegeben hat“. Was konkret geschehen ist, bleibt vage, das gilt auch für die „Trostfrauen“. Oder, wie eine Studentin in ihrer Abschlussarbeit schreibt: „Das Massaker von Nanking war wohl etwas ziemlich anderes als der Nanking-Zwischenfall, von dem ich im Geschichtsunterricht gehört habe.“ Das kollektive Gedächtnis über die Kriegszeit bleibt auf die Opferrolle Japans und die Atombombenabwürfe beschränkt, die Botschaft lautet: So etwas Schreckliches wie Krieg darf sich niemals wiederholen.

Vier Studenten schreiben, die „Trostfrauen“ seien in ihren Geschichtsbüchern gar nicht vorgekommen. Mehr als die Hälfte der Studierenden hat in meiner Vorlesung zum ersten Mal von der Einheit 731 gehört. Einige berichten von Filmen, TV-Dokus, Büchern, auch von Gesprächen innerhalb der Familie über die Kriegszeit. Immer wieder geht es dabei um die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, um die schweren Luftangriffe auf Tokio gegen Kriegsende. Alle waren auf Schulexkursion in Hiroshima. Meine beste Studentin, die eine Zeit lang im Ausland verbracht hat, schreibt sinngemäß: „Alljährlich um den Jahrestag der japanischen Kapitulation am 15. August gibt es massenweise Fernsehprogramme darüber, dass Japan von den USA besiegt worden ist. Da kommen dann die Atombomben vor, Hunger, Mangel und das Leid der Bevölkerung. Jede einzelne Geschichte lässt die Japaner in Tränen ausbrechen!“

Eine Studentin erzählt folgende Geschichte: Ihre High School hatte eine Exkursion zur Gedenkstätte in Nanking geplant. Doch nach dem Besuch von Premierminister Koizumi beim Yasukuni-Schrein zum 15. August und den antijapanischen Protesten in China sei das Reiseziel geändert worden. Die Schulklasse fuhr stattdessen zur Atombombengedenkstätte nach Nagasaki.

Was nun in dieser Lehrveranstaltung neu für sie war? „Alles“, schreibt einer. „Die Details über Nanking“, schreiben alle. Alle haben zum ersten Mal Zeitzeugen oder Bildmaterial gesehen. Niemand hat je von John Rabe und der internationalen Sicherheitszone gehört. Eines geht aus allen Antworten hervor: tiefe Betroffenheit, Erstaunen und auch Ärger darüber, dass ihnen bisher so vieles vorenthalten wurde.

So verwundert es wenig, dass sie auch die Ursachen für ihr Nichtwissen nicht kennen: Rund ein Drittel wusste von der Bewegung der Revisionisten gar nichts. Eine Studentin lässt aufhorchen: Sie erwähnt Channel Sakura, einen rechtsgerichteten Pay-TV-Sender, den sie im Internet angesehen habe. Dort habe sie einen Bericht über die Nanking-Gedenkstätte in China gesehen, in dem die korrekte Darstellung der Ereignisse massiv in Zweifel gezogen worden sei. Als Argument habe der Bericht angeführt, dass die in der Gedenkstätte ausgestellten Schädelknochen unmöglich aus dem Jahr 1937 stammen könnten.


„Chinesen fressen kleine Kinder“

Eine lange zurückliegende Begegnungkommt mir in den Sinn: 1998, auf Recherche für ein Radiofeature über „Die Tagebücher des John Rabe“ in Tokio. „Wussten Sie“, fragt der junge Mann an meiner Seite und senkt seine Stimme auf Flüsterton, „Wussten Sie, dass die Chinesen kleine Kinder fressen?“ Wir sind mit der Bahn unterwegs in einen der grauen Vororte Tokios. Mein Kontaktmann ist Student. Er wird mich zu Masaaki Tanaka bringen, den er „Sensei“ nennt, den verehrten Herrn und Meister. Ehemaliger Sekretär des Kriegsverbrechers Iwane Matsui, Kommandant der Kaiserlichen Japanischen Armee in Nanking zwischen 1937 und 1938. Während der Bahnfahrt ins Ungewisse erklärt Matsuo, er helfe Tanaka dabei, Beweise zu sammeln, die das Massaker von Nanking als Fälschung enttarnten. Von einemBeweis erzählt er: Die Knochen und Schädel in der Gedenkstätte in Nanking könnten nicht von Opfern aus dem Jahr 1937 stammen, sondern seien aus der Zeit der Kulturrevolution. Denn die Schädel im Museum wiesen Kopfeinschüsse auf, die japanischen Soldaten hätten jedoch stets in die Brust und nicht in den Kopf geschossen.

Der chinesische Gaststudent beantwortet die Fragen aus seiner Perspektive. In seinem Geschichtsunterricht sei es fast ausschließlich um japanische Kriegsverbrechen wie das Massaker von Nanking, das in China jeder kenne, oder die Einheit 731 gegangen. „Wir sind mit den Berichten über die Kriegsvergangenheit aufgewachsen.“ Mit einer Einschränkung: Die „Trostfrauen“ kamen in den chinesischen Schulbüchern auch nicht vor. Das Thema ist in China tabuisiert.

Nach der Filmvorführung kommt er in meine Sprechstunde. Er druckst ein wenig herum. Er möchte sich für die Filmvorführung bedanken, sagt er, denn er finde es ausgesprochen mutig, einen solchen Film an einer japanischen Universität zu zeigen. Ob ich denn nun keine Angst habe? ■

ERINNERN. Radioreihe


Das Ö1-Radiokolleg bringt vom 16. bis 19. August (9.05 Uhr) die Reihe „Erinnerungskulturen“. Die ersten beiden Folgen befassen sich mit Gedenken und neuen Formen des Erinnerns in Österreich, in der dritten Sendung geht es um die Spaltung der Gesellschaft in Südtirol infolge der „Option“, in der letzten
Sendung um Japans Kriegsvergangenheit.