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Wer nach oben kommt, muss ein Ekel sein? Aber nicht doch

Muss man sich nach oben boxen? Er Ja (Alexander Povetkin, Schwergewichts-Champion), andere nicht.
Muss man sich nach oben boxen? Er Ja (Alexander Povetkin, Schwergewichts-Champion), andere nicht.(c) imago images/ITAR-TASS (Valery Sharifulin via www.imago-images.de)
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US-Psychologen widerlegen die beliebte Ansicht, die Netten seien beim Karriere-Machen im Nachteil. Erfolglosigkeit hat andere Gründe, sorry.

Traurige Weisheiten können ungemein tröstlich sein. Wie diese: Wir machen keine Karriere, weil wir zu nett sind. Wer an die Macht will, muss über Leichen gehen, manipulieren, Furcht verbreiten und Regeln brechen – kurz: ein ziemlicher Ungustl sein. Anders als wir, gottlob!

Lange schien die Wissenschaft diese beruhigende Gewissheit zu bestätigen. Aber nun kommen Störenfriede aus Amerika, Psychologen der Uni Berkeley, und behaupten (in Pnas, 31.8.) glatt das Gegenteil: Mistkerle und Miststücke haben keine besseren Chancen, in Unternehmen an die Macht zu kommen. Das finden die Netten gar nicht nett. Aber ach: Die Studie wirkt tatsächlich sauberer als die meisten ihrer Vorgänger. Sie zieht Schlüsse nicht aus unrealistischen Spielchen mit Studenten im Labor, sondern aus dem echten Leben.

Fast 700 Hochschüler von drei Universitäten machten dafür zwischen 1999 und 2008 einen Persönlichkeitstest, der nach bewährten Methoden feststellte, wer von ihnen „disagreeable“ ist: egoistisch, streitsüchtig, kaltschnäuzig. 2018 arbeiteten die Absolventen in Unternehmen, und die Forscher ermittelten durch Befragungen, wie mächtig sie dort waren.

Das Fazit: Es gibt null Zusammenhang zwischen ungutem Charakter als Student und späterer Machtposition. Auch eine moderate Dosis (im Volksmund: „Ein bisserl ein Arschloch muss man schon sein. . .“) hilft nicht weiter, weder Männern noch Frauen.

Vier Wege an die Macht

Skeptisch? Erwiesen scheint, dass es vier Wege zum Erfolg gibt: Man ist kompetenter und leistet mehr als andere. Man knüpft Netzwerke mit den Einflussreichen. Man ist zu allen kollegial und hilfsbereit. Oder man boxt sich nach oben – und das machen doch die Ekel, oder? Ja, aber was sie damit gewinnen, verlieren sie durch mangelnde Beliebtheit, soziale Isolation. Sie bemühen sich zwar oft um Allianzen, aber die halten nicht, weil ihre Verbündeten ihnen nicht trauen. In Summe heben sich die Effekte auf.

Anders bei „Extrovertierten“: Sie nutzen alle vier Pfade nach oben, sind kontaktfreudig, voll Energie – und wirken nicht aggressiv, sondern überzeugend und durchsetzungsfähig. Bleiben Zweifel? Wegen der vielen Tyrannen in der Chefetage? Das widerspricht dem Ergebnis nicht. „Kein Zusammenhang“ (statt eines negativen) führt dazu, dass es an der Macht ebenso Nette wie Unangenehme gibt.

Schlimm genug – weil man weiß, dass „toxisches“ Verhalten von Führungskräften Gift für den Erfolg des ganzen Unternehmens ist. Noch immer nicht überzeugt? Weil „die da oben alle gleich“ sind? Na gut: Die Studie schaut sich nur an, wie man nach oben kommt, nicht, wie man oben bleibt. Vielleicht macht ja die Macht manche Vorgesetzte erst so ungut, wie sie in vielen Augen sind. Dieser Trost mag den zu kurz Gekommenen bleiben, in der Forscher Namen.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2020)