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Nur keine Fadesse im Sommer

keine Fadesse Sommer
(c) Ute Woltron
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Des Gärtners Sommerloch ist das Blühloch. Es ist vergleichsweise unverfänglich und kann uns, die wir Kermesbeeren hegen, überhaupt nichts anhaben.

Herrlich ist so ein Sommerloch. Was da nicht alles hineinpasst. Ein Komposthaufen ist ein Witz dagegen. Oben stopfen die einen Angebliches hinein, schon wenig später quillt unten ganz viel eventuell Mögliches heraus. Im fruchtbaren Humus der Spekulation gedeiht ein Wildwuchs, der mitunter die Artenvielfalt des Amazonasbeckens in den Schatten zu stellen vermag – und wir anderen dürfen ungefragt, an all dem teilhabend, durch diesen Sumpf waten. Damit es nicht zu fad wird im politisch öden Vorwahlsommer.

Derlei Zerstreuung ist uns Gärtnerinnen und Gärtnern, die wir eher mit den Unbilden der Natur als mit jenen menschlicher Abgründigkeit ringen, wieder einmal nur am Rande gegönnt. Denn unser Sommerloch ist von ernsthafterer Natur. Wir stehen – glaubt man den Sommerlochbetreuern in den botanischen Gazetten und Magazinen – derzeit nur wenige Momente vor dem sogenannten Blühloch.

Es handelt sich dabei um eine – abermals sei bemerkt: angeblich – überaus gefürchtete Phase zwischen Frühsommerüppigkeit und Spätsommerintensität, wenn der Garten ohne gröbere ekstatische Blühorgien auskommen muss und uns lediglich grün und unblühend umgibt. Wo kommt man denn da hin im Garten, wenn nichts blüht? Vor diesem devastierenden Zustand warnen Fachleute mit belehrend erhobenen Zeigefingern: Achtung! August! Blühloch! Tun Sie sofort was dagegen!

Wer nun angstgepeitscht ins Auto springt, um den nächsten Grünmarkt aufzusuchen und dort die letzten Sommerlochblüher an sich zu raffen, ist hysterisch. Viel besser ist es, die eine oder andere ohnehin vorhandene Blühstaude in ihrer Sommermüdigkeit noch einmal mit ein wenig Dünger zu bestechen, und Sie werden sehen: Da geht alleweil noch was.

Oder Sie besorgen sich für die kommende Saison, und damit für die Ewigkeit, jene Pflanze, die sich ohne lange zu fackeln über jegliche Blühlöcher hinwegsetzt, weil sie buchstäblich monatelang blüht. Was jetzt aber, wie die botanischen Experten sofort und zu Recht meckernd anmerken würden, wissenschaftlich nicht korrekt ausgedrückt ist.

 

Ein solitärer Star

Denn die Kermesbeere, Phytolacca, von der hier die Rede ist, hat eine lang währende Blüte, die in eine noch länger währende Reifung zu besagten Beeren übergeht. Und all das ist in jeder Phase von Juni bis September gar prächtig anzuschauen. Die Kermesbeere schafft es sogar, innerhalb eines Blüten- und Fruchtstandes von Weiß auf Rot und zuletzt Schwarz zu wechseln. Nur Blau oder Orange sind nicht dabei, was aber in diesem Fall auch gar nichts zur Sache tut.

Ursprünglich beheimatet ist die mit bis zu zwei Meter Höhe beeindruckend stattliche Staude je nach Art in Nord- und Südamerika, Afrika oder Asien. In Europa findet man sie selten verwildert, und auch in Gärten ist sie noch nicht allzu häufig anzutreffen. Was schade ist, denn die Kermesbeere ist sowohl als hohe Hintergrundpflanze als auch als solitärer Star eine Dauershow. Sie mag es eher feucht, aber nicht nass, will eher Sonne als Schatten, eher mehr als weniger Dünger, gedeiht aber in hiesigen Breiten letztlich fast überall.

Wer sie einmal besitzt, hat sie ewig. Und nicht nur sie, sondern auch viele ihrer Abkömmlinge. Denn die schöne Pflanze, mit deren Beerensaft früher Stoffe, Weidenruten und Wein rot gefärbt wurden, streut sich aufs Fruchtbarste selbst aus. Setzen Sie die Pflänzchen im Herbst an geeignete Stelle. Bedenken Sie, dass die Stauden groß werden. Damit Sie aber über den Winter nicht vergessen, wo diese gärtnerische Aktie platziert, dieses Konto angelegt wurde, können Sie beispielsweise ein Tagebuch zu führen beginnen. Wer weiß, wofür das nächsten Sommer gut ist.

Kermesbeeren sind auch wissenschaftlich von Interesse, seit man weiß, dass die in ihren Wurzeln und Samen enthaltenen Saponine sowohl Schnecken als auch deren Gelege mit Sicherheit ums Eck bringen. Angeblich war es an einem äthiopischen Fluss, an dem zugereiste Biologen diese elektrisierende Beobachtung zuerst anstellten.

Schneckentötend.
Man könne, so wird heute in einschlägigen Magazinen und Foren behauptet, selbst einen schneckenabtötenden Sud aus den frischen oder getrockneten Kermesbeeren bereiten. Drei, vier Esslöffel davon pro Liter Wasser aufkochen, einen Tag lang stehen lassen und damit die Zonen potenzieller Eiablage durchdringend gießen. Als Nebeneffekt steige bei dieser Behandlung der PH-Wert des Bodens leicht an, heißt es.

Spekulation?
Es kann aber sein, dass auch hier so manches auf dem Humus der Spekulation gewachsen ist. Wer Näheres weiß, schickt bitte ein E-Mail: ute.woltron@diepresse.com.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2010)