Claudio Magris: „Die Welt gehört auch verbessert“

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Claudio Magris bdquoDie Welt(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Claudio Magris, als „Dichter zu Gast“ bei den Salzburger Festspielen, über die Literatur in Triest, fürchterliche Reaktionäre und die Notwendigkeit von Utopien.

„Die Presse“: Wo waren Sie 1989, als das Imperium der Sowjets zerbröckelte?

Claudio Magris: Ich war Anfang November 1989 in Frankreich, in Blois, bei einem Symposium mit dem Kulturminister, mit Autoren und Politikern aus dem sogenannten anderen Europa. Ein junger Regisseur aus Berlin war dabei, er berichtete bewegt über den Anfang der Proteste in der Stadt, das war noch vor dem Mauerfall. Er sagte, es sei unmöglich, vorauszusagen, was passieren werde. Nur eines sei sicher. Die Mauer werde noch Jahre bestehen. Zwei Tage später war sie weg, er hatte dabei aktiv mitgewirkt. Auch die sogenannten Realisten, die Politiker, hatten einfach kein Gefühl für Realität.

Die These vom Ende der Geschichte hat sich nicht bewahrheitet.

Magris: Das war schon damals ein Blödsinn, ein Beweis für blinden Konservativismus.

Sie gelten als ein Sympathisant der Linken. Das Ende der Geschichte gab es nicht. Aber wo bleiben heute deren Ideen?

Magris: Der Fall der Utopie ist für mich überhaupt keine Enttäuschung. Natürlich müssen wir das Gefühl haben, dass die Welt nicht nur verwaltet, sondern auch verbessert werden muss. In religiöser Sprache würde ich von Erlösung sprechen. Ändere die Welt, sie braucht es. Dass wir einige falsche Wege gegangen sind, ist keine Enttäuschung für mich. Ich fühle mich nicht als Waise der Utopien. Sie bedeuten die hartnäckige Suche nach Verbesserung. Moses hat nie den Fuß ins Gelobte Land gesetzt, und er wusste es, aber er hat nie aufgehört, in diese Richtung zu gehen. Don Quichotte hat unrecht, wenn er glaubt, dass der Topf ein magischer Helm sei. Dennoch ist es auch ein magischer Helm, das Bedürfnis danach erfüllt einen Sinn. Wenn Kinder, die keine Verrückten sind, mit einem Papierboot spielen, wissen sie, dass es kein Boot ist, sie wissen aber auch, dass es nicht nur Papier ist. Es gibt eine utopische Pflicht und Realität.

Was bedeutet das für die Realität?

Magris: Nicht zufällig sind Extremisten, die schon morgen Revolution verlangen, nach ihrer Enttäuschung sofort fürchterliche Reaktionäre. Viele der Roten Brigaden sind heute für (den rechtspopulistischen Premier) Berlusconi. Es gibt eine Logik dafür. Schon Friedrich Schlegel war ganz radikal. Als er sieht, dass die Französische Revolution nichts wird, erfindet er die Romantik im Bett und wird zu einem Erzreaktionär in der Politik, den Metternich bremsen muss, weil Politiker viel flexibler sind als Dichter. Ich habe nicht an ein endgültiges Rezept der Utopie geglaubt, aber an die Utopie. Die Antworten des Kommunismus waren falsch, das gilt aber nicht für die Fragen.

Kommt die Gefahr nur von rechts? Kommt sie nicht eher von diversen Nationalismen, die links und rechts gleich schlimm sein können?

Magris: Die Gefahr kommt vom Populismus. Die Krise bedroht Demokratie und Liberalismus. Wobei Italien wieder in der Avantgarde ist. Wir haben ja auch den Faschismus erfunden, bis uns andere darin übertrafen.

Als Ihre Dissertation „Der habsburgische Mythos...“ herauskam, waren Sie 24 Jahre alt. Ihr Werk machte Sie in der Literaturwissenschaft berühmt. Jetzt sind Sie emeritiert. Wie sehen Sie heute diesen jungen Wissenschaftler von damals? Mit Milde oder Stolz?

Magris: Nicht mit Stolz. Mit 18 war ich damals zum Studieren nach Turin gegangen. Ich war ein Bücherwurm, der mit 13 Jahren Dostojewski zu lesen begonnen hatte. Aber ich kannte noch keine Zeile von Autoren aus Triest, meiner Heimatstadt. In Turin habe ich aus Sehnsucht nach daheim angefangen, sie zu lesen. Da habe ich verstanden, was ich früher nur gefühlt hatte. Zum Beispiel, dass der Karst auch den Kontakt zur slowenischen Welt bedeutet, welche Rolle die jüdische Gemeinde spielt. Triest war nicht mehr nur eine italienische Stadt mit großer österreichischer Vergangenheit für mich. Ich hatte das Gefühl, dass ich, um diese Welt um mich zu verstehen, eigentlich auch ihre Literatur vor meiner Geburt kennen müsste, deutschsprachige und andere.

Was für eine Welt war das?

Magris: Diese versunkene Welt, der man nachgetrauert hat, rief Nostalgie hervor, nach der einstigen Harmonie. Aber ihre Literatur kehrte im Gegenteil die Unordnung der Welt hervor, denken Sie an Robert Musil und Franz Kafka. Wien war die Wetterstation für den Weltuntergang. Ich habe ganz einfach angefangen, über diese Welt zu schreiben, ohne erst das wirkliche Thema zu kennen. Mein Dissertationsvater hat das nicht verstanden, weil ich es selbst noch nicht verstanden habe. Das ist mir bis heute geblieben. Wenn ich anfange, etwas zu schreiben, weiß ich nicht, wofür das Äußere eine Metapher ist. Sie schreiben ein Gedicht über eine Blume, und es wird ein Gedicht über eine geliebte Frau. Ich begann damals zu begreifen, dass diese Welt auch ein letztes Beispiel der Einheit in der Epik war. Man hatte noch ein Gefühl der Totalität der Welt, zugleich aber sieht man auch das Theater ihres Zerbröckelns. Ich bin für dieses Buch noch immer sehr dankbar, es bedeutet mir auch eine indirekte Autobiografie, war eine Möglichkeit, mit Triest abzurechnen.

Mich wundert, dass darin Hermann Broch kaum vorkommt, der Ihnen so ähnlich scheint, mit seinen gelehrten Essays.

Magris: Danach kommt er bei mir immer wieder vor. Vielleicht war ich damals dafür noch nicht reif genug. Es gab diesen Zwiespalt von großer Belesenheit und starkem poetischen Gefühl. Ich war imstande, Grillparzer und Hofmansthal nicht nur zu verstehen, sondern auch zu beschreiben, was sie für uns alle bedeuten. Aber um Robert Musil oder Hermann Broch mitzubekommen, braucht man nicht nur weitere Lektüre, sondern eigentlich ein ganzes Leben.

Sie haben sehr viele Essays geschrieben, aber nur einen umfangreichen Roman, „Blindlings“. An dem Buch über einen Triestiner Kommunisten haben Sie sehr lange geschrieben. Ist das Ihr Herzensbuch?

Magris: Wahrscheinlich ist es das Buch, das mir neben meinem Erstling und „Donau“ am nächsten liegt. Ich habe mir Zeit gelassen dafür, es ist damals vieles passiert, im Guten und im Bösen. Abgesehen von diesen persönlichen Sachen war es mir anfangs nicht möglich, das Thema zu beherrschen. Ich fing mit einem linearen Roman an. Der Schlüssel zu diesem Wahnsinn war eine zweite Geschichte über Jorgen Jorgensen, ohne diesen zufälligen Fund wäre es wahrscheinlich nicht gelungen.

Preisgekrönter Dichter

Claudio Magris, 1939 in Triest geboren, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2006 in seiner Heimatstadt als Universitätsprofessor moderne deutschsprachige Literatur. Für seine Essays, Romane und Reiseberichte erhielt der Autor und Übersetzer höchste Auszeichnungen, zuletzt 2009 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Bekannteste Werke: Il mito absburgico (1963), Danubio (1986), Alla cieca (2005).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2010)

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