Wien ist ein nasser Hund

Im August ist die Ex-Metropole für mich so abweisend wie Attnang oder Puchheim.

Nach Wochen der Abwesenheit bin ich leider wieder in Wien gestrandet. Ich sage nach ausgedehnten, wunderschönen Landpartien von Baden über Altmünster bis ins verregnete Herz von Salzburg absichtlich nicht: „Endlich wieder in Wien!“ Denn diese verfluchte, verkommene Stadt am Rande der Landstraße ist mir naturgemäß überhaupt nicht abgegangen. Ausgerechnet im August musste ich zurückkehren, wo ich doch aus Erfahrung weiß: Wien, das ich sonst so goldig ins Herz geschlossen habe, ist im Hochsommer überhaupt nicht zu ertragen. Ein Pfuhl! Wien entpuppt sich für mich im Sommer als ein einziger neurotischer Zustand, beinahe so tödlich abweisend, wie Attnang oder Puchheim das ganze Jahr über sind. Das Burgtheater ist zu, die Staatsoper auch, nur im Parlament brennt ein Notlicht.

Nun gut, das mit Attnang nehme ich zurück, aus Rücksicht auf jene Puchheimer, die sich, wenn sie von Attnang aus in Wien ankommen, sofort unter den nächsten Zug stürzen wollen, so unbarmherzig scheint ihnen das Pendeln zwischen diesen beiden Stätten der Gastfeindschaft. Denn was erwartet einen in Wien? Die Baustelle am Westbahnhof, dessen alte Empfangshalle jetzt wie ein warmes Würstchen zwischen zwei großen faschistischen Blöcken eingezwängt ist, eine einzige Lächerlichkeit. Und der Südbahnhof, der gar nicht mehr da ist, wird irgendwann in 30 Jahren, wenn dort genug Geld versickert ist, als Hauptbahnhof ein Zentralbahnhof sein, der kleine Bruder des Zentralfriedhofs, an den man ihn unbedingt anschließen sollte.

Vom Bahnhof Wien Mitte möchte ich gar nicht reden, da muss ich jeden Tag durch, auf der Reise von Meidling nach Erdberg. Ein Lokalpolitiker hat Wien Mitte einmal „Razznstadl“ genannt, und das wird auch so bleiben. Der Karlsplatz für Arme ist dieser Ort, das Armutschkerl unter den verlorenen Plätzen dieser Ex-Metropole, die sich, wenn man von ihren künftigen Bahnhöfen ausgeht, wie die billigste Animierdame vom Gürtel kleidet.

Aber lassen wir uns nicht vom Charme der Straße ablenken. Kommen wir zur Sache. In Wien scheint die Politik selbst im August, den ich hier, wie erwähnt, abgrundtief hasse, erstaunlich stabil zu sein. Von den Wahlplakaten grinsen ausnahmslos illuminierte Zombies runter, die perfekt zu den Bahnhofsruinen passen. Mit Mordsgier blecken sie die Zähne. Vor einer solchen Plakatserie mit kitschigen Versprechungen bin ich heute gestanden, als ein Bus der Linie 15A absichtlich durchs Pfützenwasser pflügte. Ich war nass bis aufs Taschentuch. Schuld daran sind der Bürgermeister, seine Hofschranzen, die Opposition und überhaupt der ganze Magistrat. Was lese ich auch solch dummdreiste Slogans?

Der Busfahrer lachte fröhlich. Wenigstens eine ehrliche Haut gibt es hier in der Stadt, dachte ich mir. Der übt sich nicht in unterwürfiger Verstellung, der zeigt, was er von uns Wienern hält. Wahrscheinlich kommt er aus Attnang. Oder Mistelbach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2010)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.