Als Ödipus ist Klaus Maria Brandauer wieder in Salzburg, wo er einst den Jedermann spielte. Ein Gespräch über Masken, Schicksalsgötter und das Vergnügen, mit Peter Stein Tragödien zu machen.
Sie arbeiten als Protagonist in „Ödipus auf Kolonos“ zum dritten Mal mit Regisseur Peter Stein zusammen – höchst erfolgreich. Wie bewerten Sie diese Symbiose?
Klaus Maria Brandauer:Ich bin froh, dass es jemanden gibt, der mich inzwischen gut kennt und auf mich aufpasst. Wenn da unten einer sitzt, der weiß, worauf es ankommt, dann kann man viel freier in Aktion sein. Ich bin mutiger, wenn er da ist!
Nach der Premiere hat man Herrn Stein beim Applaus glücklich lächeln sehen. Eine Seltenheit. Was haben Sie da zueinander auf der Bühne gesagt?
Also Peter Stein lächelt auch bei den Proben hin und wieder (lacht). An diesem Abend haben wir uns einfach gefreut. Es war ja nicht nur einfach eine Premiere, sondern für uns beide eine Rückkehr hierher nach langer Zeit. Das Stück ist und bleibt ein Wagnis, doch es hat wirklich gut funktioniert. Der Gefahr, es nur als Gottesdienst zu zelebrieren, sind wir nicht erlegen, und trotzdem geht es um ganz große, grundsätzliche Dinge im Leben, die wir auf den Tisch legen wollten.
Das Energiebündel Brandauer muss als blinder, alter Mann zweieinhalb Stunden meist ruhig sitzen, und dennoch oder eben gerade deshalb wird an den Zuseher viel Energie übertragen. Wie empfinden Sie diese Situation?
Das ist für mich immer eine Art Übung in Zen-Buddhismus, ich sitze fast den ganzen Abend mit geschlossenenAugen. Ein faszinierendes Erlebnis, zugleich in höchster Konzentration und dennoch völlig auf sich und seine Gedanken zurückgeworfen zu sein. Das Nicht-Sehen übernimmt die anderen Sinne, es entsteht eine ganz andere Tiefenschärfe im Kopf. Und ich habe das Gefühl dabei, dass mir nichts passieren kann, obwohl ich bis auf das Gehör keine Kontrolle habe. Der Augenkontakt zu Publikum und Mitspielern fällt weg und fehlt doch nicht, die Verknüpfung ist immer da. Das ist eine wirklich besondere Erfahrung.
Berührend ist bei diesem Drama von Sophokles, dass der Blinde den Sehenden am Schluss den Weg weist, er wird erhöht...
Es ist natürlich die Substanz des Stückes und eine ganz existenzielle Botschaft. Man muss blind sein, um sehen zu können. Dazu ist das Theater da, sich solcher Wahrheiten anzunehmen und sie uns ins Gedächtnis zurückzurufen. Shakespeare tut nichts anderes. Man hat das später irgendwann Dialektik genannt, aber es ist eigentlich bloß eine ganz menschliche Grunderfahrung, weil wir eben aus Körper, Geist und Seele bestehen und alles irgendwie unter einen Hut kriegen müssen. Dass Sophokles das dann noch ins Religiöse überhöht, ist doch auf seine Weise wieder sehr überraschend und heutig.
Wie war die Arbeit am Text?
Die Übersetzung von Peter Stein ist sehr theatertauglich und war die beste Anleitung, sich diesen 2400 Jahre alten Text anzueignen, denn sie trifft das heutige Sprachverständnis. Niemand soll ausgeschlossen werden, weil er nicht weiß, dass Moira das Schicksal, Helios der Sonnengott ist. Dennoch muss man sich als Zuschauer auch anstrengen, wenn man etwas mitnehmen will. Das ist im Theater immer so. DieKonstruktion der Ödipus-Geschichte ist ja schwierig und nicht gerade zeitgemäß. Was sagt uns der Mythos? Der Einzelne kann gar nicht allein die Verantwortung tragen, weil es die Vorvordern gibt, denen er nicht entrinnen kann. Auf Katholisch heißt das Erbsünde.
Wie sollen wir also diesen Ödipus am Ende seines Weges begreifen, der seinen Vater getötet, die Mutter geheiratet und Kinder mit ihr gezeugt hat, der sich dann geblendet hat und als Bettler Jahrzehnte blind von Stadt zu Stadt gezogen ist?
Vielleicht verordnet er einen Schluss-strich, für sich und seinen Stamm.
Das ist die heute am schwersten zu begreifende Konsequenz, dass er den Sohn verflucht und damit auch die Töchter Antigone und Ismene ins Verderben stürzt.
Es ist ein Fluch gegen sich selbst. Der Sohn macht genau dieselben Fehler wie einst Ödipus, aber in diesem Fluch ist auch eine Ermunterung an Polyneikes enthalten, es doch nicht zu tun, nicht im Kampf gegen den Bruder Eteokles vor Theben zu ziehen. „Noch nicht geschehen ist es“, sagt er, und sieht sein eigenes Schicksal vor sich. Die Geschichte beginnt ja viel früher, mit einer alten Schuld.
Diese Schuld der ganzen Familie wird vom Chor vielstimmig abgewogen.
Der Chor gibt jede Meinung kund, das ist eine Vielfalt, wie wir sie von heutigen Medien kennen. Für mich ist dieser Chor das Moderne an diesem Text.
Die listenreiche Rede des König Kreon, der Ödipus nach Theben zurückholen will, ist rhetorisch auf höchstem Niveau.
Und kein Wort von dem, was er sagt, ist wahr. Er ist ein großer Demagoge, einer der schrecklichsten Art.
Hat Sie dieses große griechische Theater verdorben für leichtere Stoffe?
Ganz sicher nicht, ich werde zwar nicht morgen in der „Pension Schöller“ auftreten, aber auch die intensive Beschäftigung mit dem Ödipus-Stoff wird nicht dazu führen, dass ich alles vermeintlich „Leichtere“ gering schätze. Gewiss, bei Sophokles weht uns etwas an, das Ehrfurcht gebietet. Mich erschreckt, dass wir nach zweieinhalbtausend Jahren immer noch vor den selben Fragen stehen, dass es keinen Fortschritt gibt. Was wäre das dann auch? Ewiger Friede – das ist anscheinend nicht unsere Bestimmung.
Muss man sich Sisyphos glücklich denken?
Mir genügt der Satz: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Aber ich bin schon gerne auf der Welt und möchte noch ziemlich lange bleiben, wenn es geht, auch gesund. Ich möchte nicht wie Ödipus darüber verhandeln müssen, wo ich beerdigt werde.
Da würden dann ja Altaussee und Wien um ein Ehrengrab kämpfen.
Um Gottes Willen! Aber Altaussee wäre mir schon recht.
Welches Drama von Sophokles schätzen Sie sonst noch besonders?
Mich würde es interessieren, die „Antigone“ zu inszenieren. Dieses Stück hat Sophokles vierzig Jahre vor „Ödipus auf Kolonos“ geschrieben. Die Antigone hat sich als Figur kaum verändert. Interessant ist, dass diese Tochter, die ihren Vater so sehr liebt, ganz bewusst zurück nach Theben und damit in den Tod geht. Beim Lesen von „König Ödipus“, der zweiten Tragödie des Sophokles über diese Familie, wurde mir erneut bewusst, wie wenig diese Geschichten eigentlich zu verkraften sind. Aber um weiterzukommen, brauchen wir die Tragödie. Der leichte Weg führt nicht zum Ziel.
Sie waren vor zwei Jahrzehnten der „Jedermann“ in Salzburg, sieben Jahre lang haben Sie ihn gespielt. Wie haben sich diese Festspiele mit ihrem hohen Anspruch seither entwickelt?
Die beste Nachricht ist: Neunzig Jahre gibt es die Festspiele,neunzig Mal wurden sie neu erfunden. Lesen Sie die Zeitungen! Einmal sagt man, es sei künstlerisch schwach, aber die Einnahmen sind gut, dann ist es wieder umgekehrt. Manchmal kommt beides zusammen, aber auch das ist leider nicht von Dauer, wie wir wissen. Es ist großartig, dass es die Festspiele gibt, aber man darf nicht dem Trugschluss verfallen, dass mit ihnen der Bestand der Kultur gesichert sei. Die Festspiele sind das sommerliche Sahnehäubchen, der Leuchtturm, wenn man so will. Aber existieren können sie nur, weil alle Künstler, die hier auftreten, mich eingeschlossen, ihren Weg irgendwann in der Provinz begonnen haben. Wenn man diesen Zusammenhang zwischen breiter und bunter Theaterlandschaft übers Jahr und sommerlicher Festival-Zugabe aus den Augen verliert, stellt man beides zur Disposition.
In Ihrer Heimat Altaussee gibt es auch Bräuche, vor allem im Fasching, die entfernt mit dem Maskenspiel der alten Griechen zu tun haben. Haben Sie eine solche Maske?
Diese Rituale bannen den Winter, das ist ein heidnischer, kultischer Brauch. Sich hinter Masken zu verstecken ist ein faszinierender Vorgang. Auch die Blindheit, die ich jetzt spiele, ist eine Art Maske. Ich habe einmal eine Arlecchino-Maske geschenkt bekommen und Masken aus Afrika und Thailand. Aber die habe ich nie aufgehabt, nur viel früher eine im Schwarzwald, wo ich mit meinen Eltern lebte. Da gab es die Fastnacht-Masken, die Schnurris, das sind Hexenmasken. Die habe ich mit 15, 16 Jahren aufgesetzt, das war aber nicht günstig für mich, weil ich dann geschlagen wurde, mit Besen, von älteren, stärkeren Buben.
Und der Bezug zur Antike?
Die Tragödie damals bei Sophokles lief ab wie eine Gerichtsverhandlung. Wir haben heute einen anderen, distanzierteren Zugang, was sich nicht mehr ändern lässt, aber dennoch schade ist. Aber damals sah das Publikum die Vorstellung als direkte Verhandlung. Das war anstrengend, eine Zumutung, aber anders geht es eben nicht. Man muss die Dinge ernst nehmen, wenn man etwas bewirken will.
Ödipus ist auf Kolonos ein sehr alter Mann. Wie sehen Sie das Alter? Denken Sie öfter an den Tod?
Ich lebe schon in dem Bewusstsein, dass ich endlich bin. Als in Altaussee die neuen Straßenlampen kamen, hat mein Großvater Hans Brandauer, dem sie gar nicht gefallen haben, gesagt: „Jetzt wird es dann langsam Zeit, zu gehen. Das kann ich alles nimmer.“ Aber wenn es ihm dann ein bisschen wehgetan hat, sagte er: „Na ja, ein, zwei Jahre schon noch.“ Durch das Lesen und Nachdenken bin ich schon immer mit diesen Fragen konfrontiert, aber im Grunde stellt man sich den Tod immer nur bei den anderen vor, bei sich selbst geht das nicht, und das ist auch gut so. Aber ich rede mit meinen Toten, die mir nah sind, zum Beispiel beim Autofahren, sie sind ja um uns.
Wenn Sie Ihre Theaterkarriere rekapitulieren. Wo haben Sie am meisten gelernt?
Lernen fürs Theater kann man nur im Leben. Im Theater lerne ich eigentlich bis heute am meisten als Zuschauer, wenn ich anderen auf der Bühne zuschaue, wie sie eine Figur entwickeln, eine Situation aushalten oder auch nicht. Selber zu spielen hat ja viel mit Entscheidungen zu tun, wie viel man von welcher Sache zulassen will oder nicht. Jeder Abend hat seine eigene Konzentration und Dynamik, auf die man reagieren muss. Manchmal geht das gründlich schief, auch das ist erlaubt.
Was muss man dazu können?
Theater ist kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Dafür braucht man eine unglaubliche Demut vor sich und den anderen. Das Theater verlangt Solidarität zwischen Zuschauern und Schauspielern, denn es ist ein gemeinsames, direktes, aber auch intimes und flüchtiges Erlebnis. Andere Medien sind geschnitten, aus der Konserve, was auch immer. Das ist nicht vergleichbar mit uns. Wir wollen, dass die Menschen in eine permanente Unruhe kommen. Das bleibt das Wesentliche, sonst wird Theater bedeutungslos. Man kann sagen, Theater ist die Kunst vom Menschen, und das ist das Großartige daran.
Geht die Arbeit mit Peter Stein weiter?
Natürlich, wir haben noch einiges vor. Vielleicht machen wir einen Shakespeare. (Lacht verschmitzt:) Er ist mein älterer Bruder. Ich mache gerade die Matura, er hat studiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2010)