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Frequency-Festival: Die Stars von morgen

FrequencyFestival Stars morgen
Marina Lambrini Diamandis(c) AP (Alessandro Della Bella)
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Beim "Frequency", dem Hausfestival von FM4, spielen einige der Bands, die als potenzielle neue Musikstars gehandelt werden. Ein Überblick von "Bubblegum-Punk" bis Feuerzeugschunkeln.

Am Anfang eines jeden Jahres tun sich Medien und Plattenfirmen zusammen, um die potenziellen neuen Musikstars zu küren. Die Namen der Glücklichen liest man dann ein paar Wochen lang überall, selbst wenn ein Album irgendwann im Spätherbst zu erwarten ist. Viele sind schon Mitte des Jahres wieder vergessen.

Dann aber kommt die Festivalsaison und gibt den mit Vorschusslorbeeren Bekränzten die Chance, sich tatsächlich zu beweisen. Wie es sich für das Hausfestival eines Alles-vorher-Wisser-Senders wie FM4 gehört, treten nun beim Frequency einige der Künstler, die dem „BBC Sound of 2010“ oder anderen Pop-Konklaven entsprungen sind, auf. Ein Überblick.

Marina & the Diamonds

Ein besseres Popalbum als ihres dürfte es heuer nicht mehr geben, hat der „Rolling Stone“ über die CD „Family Jewels“ von Marina & the Diamonds geurteilt. Bei der BBC-Starvorhersage war die Waliserin mit griechischen Wurzeln Anfang des Jahres auf Platz zwei gereiht worden. Reichlich durch den Äther ist bereits ihr Song „Hollywood“ gegangen: eine kaugummibunte Abrechnung mit dem Starkult. Wer sollte den auch besser singen können als Marina Diamandis, die in der Spätpubertät beschlossen hat, Popsängerin zu werden. Aber nicht wegen der Liebe zur Musik, sondern schlicht und einfach, weil sie berühmt werden wollte.

Derlei Oberflächlichkeiten rühren Frau Diamandis heute nicht mehr – jetzt liest sie nämlich feministische Literatur. Herauskommt eine Musik, die „manchmal schaurig wie Kurt Weill, manchmal erbaulich wie ABBA klingt“ (so sagt das „Interview“-Magazin), mit der Stimme einer wahren Drama Queen, die viele an Kate Bush erinnert und die mitunter sogar ins Opernhafte kippt.

Daisy Dares You

Netzwerken ist alles. Noch besser, wenn das die Mutter für einen übernimmt, wie bei Fräulein Daisy Coburn. Die war nämlich früher Backgroundsängerin, etwa bei Duran Duran, und solche Kontakte ins Musikbusiness lässt man nicht schleifen. Schon gar nicht, wenn die 15-jährige Tochter ein Demoband aufnimmt. Das wiederum hat gleich mehrere Plattenfirmen so begeistert, dass ein wahrhaftiges Rennen um die Unterschrift des Teenagers eingesetzt hat. Klingt schlüssig, bei der charttauglichen Adoleszentenmusik über Geschwisterrivalität und erste Flirts. „Bubblegum-Punk“, schreiben die einen, „Musik, süß und scharf zugleich, wie die sauren Schnuller von Haribo“, schreiben die anderen.

Die Stimme erinnert ein bisschen an Lilly Allen, auch eine „britische Avril Lavigne“ wurde sie schon genannt. Den Namen „Daisy Dares You“ kann sie übrigens nicht erklären, den hat die Frau eines Produzenten nebenbei erfunden. Wikipedia weiß aber, dass es sich um eine Figur aus einer britischen TV-Show handelt. Sollte sich mal googeln, die Gute.

Delphic

Es hat schon Charme, wenn eine Band mit so einem Namen in allen Orakeln für die Musikstars 2010 auftaucht. Delphic sind vier Herrschaften mit Faible für griechische Vokabeln aus Manchester, die sich vorgenommen haben, Oasis vom Thron des Manchester-Sounds zu stoßen. „Wir wollten der Anti-Liam-Gallagher sein“, sagen sie. Und: „In Manchester gibt es diese erstaunliche Geschichte von Bands, die Rock und Tanzmusik verbinden konnten, das ist nur leider seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall.“ Da beziehen sich Delphic auf ihre Ahnen von New Order, und wie eine modernisierte Version davon klingt ihr Elektro-Dance mit Gitarrenverbrämung (manchmal sogar in einer Kirche aufgenommen) auch. Vielleicht noch mit einem Schuss Pet Shop Boys.

Um bekannter zu werden, haben Delphic immer wieder illegale Raves veranstaltet, denn sie haben keine Lust auf kleines Publikum: „Wir machen Musik für Lagerhaus-Partys und wollen, dass hunderte Leute tanzen“. Aber auch wenn das jetzt nach Größenwahn klingt, wenn es mit dem Weltruhm nicht klappen sollte, sind die Burschen von Delphic schon zufrieden, dass sie nicht mehr „von 9 bis 17 Uhr Dienst nach Vorschrift machen müssen“.

The Drums

Jonathan Pierce und Jacob Graham haben sich in einem Feriencamp kennengelernt. Schon da hat sie die Musik verbunden. Der eine hatte ein T-Shirt der Elektropop-Band Joy Electric: „Jacob hat zu zittern begonnen und gesagt: ,Darf ich das angreifen?‘ Ich hab gesagt: ,Ja, aber sei vorsichtig.‘“ Es ist wohl diese Manieriertheit, mit der sich die Brooklyner Band The Drums nicht nur Freunde gemacht hat.

Da gibt es Musikkritiker, die sich pointiert darüber echauffieren können, dass der Frontmann einen stylischen Haarschnitt hat, und dass er eine Herrenhandtasche trägt. Wer die New Yorker nicht hasst, der liebt sie, jedenfalls ihre Musik. Im vergangenen Sommer veröffentlichten sie die eingängige Single „Let's go surfin'“, die sie so konzipiert haben: „Wir wollten, dass Joy Division auf einer Strandparty spielen.“ Ungewöhnliche Kombinationen sind das Steckenpferd von The Drums, so vereinen sie auch Einflüsse von The Cure und Girlgroups der Sechzigerjahre. Und das alles sehr unbeschwert, und zwar deshalb, weil das politische Klima in den USA eben jetzt so ist, sagen sie. Aber sie sagen auch, dass die englische Königin ein Band-T-Shirt von ihnen gekauft hat und es nie trägt...

The Gaslight Anthem

Manchmal braucht man halt einen potenten Paten, damit der Rest der Welt auf einen aufmerksam wird. Bei dieser amerikanischen Punk-Rock-Band war das Bruce Springsteen, der beim Festival von Glastonbury letztes Jahr mehr oder weniger überraschend in ein Konzert von The Gaslight Anthem geplatzt war und dann auch noch deren Sänger Brian Fallon zu seinem eigenen Auftritt dazugeholt hat.

Kein Wunder, dass der „Boss“ sich bei The Gaslight Anthem wohlfühlt, ist deren Musik doch seiner eigenen nicht unähnlich – und auch Brian Fallons Stimme besteht den Springsteen-Karaoke-Test. Auch die Themen – metaphernreiche Alltagslyrik über den kleinen Mann in der amerikanischen Vorstadt – stimmen, und die Band stammt sogar aus New Jersey, wie Springsteen auch.

In Amerika werden ihre hymnischen Songs (nomen est omen) gefeiert, in Europa sieht man das differenzierter. Mit so dick aufgetragenem Stars-and-Stripes-Pathos tut man sich traditionell eben schwer hier.

Goldhawks

Diese britische Band hat schon kennengelernt, wie es sein könnte, wenn man hysterische Fans am Rande des Hyperventilierens hat: Goldhawks haben nämlich letztes Jahr bei einer „Twilight“-Premierenparty aufgespielt. „Als Robert Pattinson und Kristen Stewart gekommen sind, haben wir die Vibrationen der Menge draußen gehört, es war wie in dieser Szene in ,Jurassic Park‘, in der das Glas Wasser zittert, wenn die Dino-Stampede kommt“, erzählt Bobby Nick, Sänger der Band.

Der war übrigens früher in der Folk-Szene Londons umtriebig, bis ihm „akustische Gitarren zu langweilig wurden“. Jetzt hat er mit Goldhawks den Stromstecker angeschlossen und macht Musik, deren Massentauglichkeit ihm alles andere als peinlich ist, die ein bisschen wie U2 klingt und nach Feuerzeugschunkeln verlangt.

Von 19. bis 21. 8. 2010
findet das FM4-Frequency-Festival im Green Park St. Pölten statt.
Am 19. August
spielen dort Marina & the Diamonds, The Drums and The Gaslight Anthem.
Am 20. August
treten Delphic auf und am 21. August die Goldhawks.
Headliner sind heuer
Muse, Massive Attac (beide UK), Die Toten Hosen, Jan Delay, Element of Crime (alle D) und Billy Talent aus Kanada.
Bands aus Österreich
treten am 19.8. um 13.40 Uhr auf: Kommando Elefant; am 21.8. um 16.40Uhr: The Beth Edges.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2010)